09.04.1973

USA-REISEViel Rauch

Wochenlang besprachen Brandt und Nixon geld- und weltpolitische Fragen am Telephon -- nun suchen sie den direkten Kontakt.
Aufgeregt läutete der Beamte aus der Fernschreibzentrale des Auswärtigen Amtes am Samstagabend der vorletzten Woche seinen Kollegen vom Bereitschaftsdienst an: Soeben komme ein Telex "über den Besuch" aus dem Ticker: was er damit tun solle.
Der Diplomat vom Dienst, vollauf mit dem Wochenende beschäftigt. schaltete falsch. Er hielt das Fernschreiben für eine Routinemitteilung über den bevorstehenden Besuch des KP-Generalsekretärs Leonid Breschnew am Rhein und gab Order: "Das hat Zeit bis Montag."
So geschah, daß ein Kabel des Gesandten Hans Heinrich Noebel, derzeit amtierender Chef der westdeutschen Botschaft in Washington, zwei Tage im verwaisten Außenamt liegenblieb und die Empfänger, Kanzler Brandt und Außenminister Scheel, erst am Montag früh erreichte.
Dabei war die Nachricht, daß US-Präsident Richard Nixon dem westdeutschen Regierungschef und seinem Vize am 1. und 2. Mai zu ausführlichen Gesprächen in Washington zur Verfügung stehe, in Bonn begierig erwartet worden. Dem Kanzler lag daran, noch vor seinen Bonner Gesprächen mit dem Sowjet-Führer Mitte Mai die Beziehungen zu Washington neu abzusichern und den Verdacht auszuräumen, die neuen Vertragspartner in Bonn und Moskau kämen sich allzu nah.
Überdies hoffte der Sozialdemokrat. jene publizistische Welle von Antiamerikanismus zu brechen, die inner- und außerparlamentarische Opposition mit dem Hochspielen lokaler Proteste gegen US-Militärflugplätze und verbaler Kraftformeln von Jungsozialisten aufzuschaukeln suchten.
Um den Nachweis zu führen, daß selbst im hellhörigen Bonn Regierungsgeschäfte noch geheim bleiben können, hatte der Kanzler eine Geheimniskrämerei inszeniert, die erst von der Panne am Ticker beendet wurde. Nur ein kleiner Kreis von Auserwählten wußte, daß Kanzler und Präsident seit Wochen per Telephon, Telex und Brief engen Kontakt pflegten.
Zunächst, während der Dollarkrise Anfang Februar, hatten der Deutsche und der Amerikaner lediglich aktuelle Geldfragen besprochen. Doch bald schon weitete sich das Fachgespräch zu einer allgemeinen politischen Diskussion aus -- über US-Truppenpräsenz in der Bundesrepublik, Verminderung von Streitkräften, die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die amerikanischen Sorgen über ihre Handelsbeziehungen zur Europäischen Gemeinschaft.
Mitte März schließlich ließ der Präsident durchblicken, es sei wohl besser. das schwierige Ferngespräch durch eine Unterhaltung von Staatsmann zu Staatsmann zu ersetzen. Aufgeschreckt durch Meldungen, nach denen Breschnew noch vor seiner für Juni geplanten Washington-Reise am Rhein Station machen werde, und irritiert durch ein dramatisches Fernseh-Feature über wachsende USA-Feindlichkeit in Westdeutschland, wollte sich die Nixon-Administration der Treue ihres Bündnispartners versichern.
Am 14. und 15. März war über die Bildschirme zwischen Atlantik und Pazifik ein Film des Bonner CBS-Korrespondenten John Sheahan geflimmert. der Wirtshaus-Krawalle und Proteste fränkischer Bürger vor der US-Botschaft in Bonn gegen einen Truppenübungsplatz zu einer breiten antiamerikanischen Strömung in der Bevölkerung umgedeutet hatte. Prompt orderten amerikanische Zeitungsredaktionen bei ihren Bonner Korrespondenten ausführliche Berichte über die Wandlungen des bislang stets folgsamen Musterschülers.
Freilich -- das Feindbild wollte nicht recht gelingen, die Journalisten versuchten die CBS-Montage zurechtzurücken. David Binder, Korrespondent der angesehenen "New York Times", hielt das Problem gar für eingebildet und erklärte sich außerstande, einen Schreckensbericht zu liefern.
Westdeutsche Zeitungsleute, voran die Springer-Journalisten, konnten es besser. Material lieferte US-Professor Walter F. Hahn, der ein "informelles Arrangement" (Hahn) mit dem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut der CDU-eigenen Konrad-Adenauer-Stiftung unterhält und nach einem Besuch bei CDU-MdB Karl Carstens in Bonn in dem konservativen Universitäts-Periodikum "Orbis" den Inhalt eines Gesprächs deutete, das er im Januar 1969 mit dem damaligen Planungschef des Außenministers Brandt, Egon Bahr, geführt hatte.
Der Kanzler-Berater -- so Hahn -- habe bei dieser Gelegenheit seinem amerikanischen Gastgeber einen Vier-Stufen-Plan zur Entspannung enthüllt, der -- über Anerkennung der DDR, Gewaltverzichtsabkommen und diplomatischen Beziehungen mit den osteuropäischen Staaten, gleichgewichtige Truppenreduzierung in BRD und DDR -- schließlich in der Auflösung von Nato und Warschauer Pakt gipfelte.
Insbesondere die Zündung der letzten Stufe mochte die oppositionelle CDU/CSU nicht versäumen. Im Bundestag, während der Generaldebatte über den Haushalt 1973, argwöhnte CSU-Chef Franz Josef Strauß: "Wo so viel Rauch ist wie im Falle Bahr. ist sicherlich auch ein Feuer darunter."
Der Rauch stört auch den Kanzler. Zwar warf er der Opposition vor, "zum Schaden der Allianz das Gespenst des Antiamerikanismus zu produzieren Doch sorgt sich der Regierungschef. daß allzu heftige Kritik an Nixons Politik und vergleichsweise harmlose Reibereien zwischen Bevölkerung und US-Truppen vom transatlantischen Partner als gefährliche Ami-go-home-Bewegung mißverstanden werden können.
Diese Fehlinterpretation wiederum -- so Brandts Sorge -- könnte Senatoren wie den einflußreichen Demokraten Mike Mansfield. seit Jahren Verfechter eines amerikanischen Truppenabzugs aus Europa, das Argument liefern, die Deutschen selber hätten die US-Präsenz in ihrem Lande leid. Dem cleveren Taktiker Nixon fiele es dann leicht, unter Berufung auf den Senator seiner Forderung nach mehr Milliarden für die Stationierung von amerikanischen Truppen Nachdruck zu verleihen.
Ein Bonner US-Diplomat über die Erwartungen seiner Vorgesetzten in der Zentrale: "Die denken immer noch, es müsse so sein wie 1955 unter Adenauer."

DER SPIEGEL 15/1973
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