09.04.1973

KANZLERAMTProblem der Friseure

Mit allerlei Philosophischem, Literarischem und Menschlichem reichen der Journalist Klaus Harpprecht Willy Brandts Reden an -- auch für den SPD-Parteitag in Hannover.
Der Feuilletonist erkannte seinen Kanzler, fand ihn zwar "nicht schön", aber ungemein anziehend: "Die flächige Aufgeräumtheit seines Gesichts". so fabulierte Klaus Harpprecht, "verbirgt manche Falte, die mehr ist als eine Kerbe des gelebten Lebens: Sie bietet manchen Widersprüchen. Schwierigkeiten ... ein freundliches Versteck, die in der Summe den Charakter eines Mannes machen."
Diese Polit-Lyrik von Willy Brandts neuem Hofpoeten galt CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger, einem schwäbischen Konservativen, dem der schwäbische Porträtist 1967 wohlwollte: "Er hält die Freiheit zu hoch, uni der Utopie der Gleichheit nachzurennen: Damit weist er sich als Konservativer, zugleich auch ... als Liberaler aus."
Drei Jahre später ergötzte sich der Stuttgarter Pfarrersohn mit dem Hang zu großen Männern am nächsten Kanzler: "Die hochgezogenen breiten Wangen, steile Brauen, enggezogene Augen, blau-grau ... schütteres Haar mit der isolierten Locke. die das Problem seiner Friseure ist. Slawische und nordische Elemente sammeln sich in diesen Zügen. Alles in allem: Er ist wahrhaftig ein Deutscher."
Am Mittwoch vergangener Woche verfolgte Harpprecht im Auftrag Willy Brandts in einer Dachstube des Palais Schaumburg die Haushalts-Debatte im Bundestag. Eifrig notierte er Sentenzen und Slogans, mit denen der Kanzler in einer Parlaments-Replik CDU-Kritik begegnen sollte: Die Union -- so Harpprechts Formulierungshilfe -- betreibe "Aufregung vom Dienst" und übe sich im "teutonischen Nihilismus des alles oder nichts".
Seit Dezember letzten Jahres erschreibt sich der rastlose Journalist, der sich Anfang der fünfziger Jahre als Bonner Korrespondent von "Christ und Welt", dann als Rias-, SFB- und WDR-Kommentator, schließlich als Washingtoner ZDF-Korrespondent einen Namen machte, sein Honorar als Ghostwriter bei Kanzler Brandt.
Seinen Arbeitgeber hatte Harpprecht 1951 kennengelernt, als Willy Brandt als weithin unbekannter Berliner Abgeordneter antrat. Trotz seiner Duzfreundschaft zu SPD-MdB Brandt sympathisierte der Schwabe ausgiebig mit der Christen-Union des Konrad Adenauer. Felix von Eckardt, langjähriger Pressechef in Bonn, erinnert sich: "Ich habe ihn damals eigentlich mehr der CDU zugerechnet."
Um so mehr überraschte der stets publizitätsbewußte Publizist Freund Brandt und die Genossen 1968 auf dem Nürnberger Parteitag mit einem demonstrativen Eintritt in die SPD. Brandt damals: "Ich weiß. daß wir keinen bequemen, aber einen wertvollen Kampfgenossen gefunden haben."
Im Wahlkampf 1972 entsann sich der SPD-Chef des Unbequemen. Auf Parteikosten durfte der Journalist die USA bereisen. um dann mit eigenen Gedanken-"Splittern' (Harpprecht) das Kanzler-Bild vom amerikanischen Wahlkampf abzurunden.
Er warnte den Regierungschef davor. wie der gescheiterte demokratische Präsidentschaftskandidat McGovern die Arbeitnehmer mit einer prononcierten Reformpolitik gewinnen zu wollen. denn gerade diese Strategie habe die Niederlage der US-Demokraten bewirkt. Den Wahlplanern in der SPD-Baracke riet er. den nationalen "Topic" (Harpprecht) -- bislang Erfolgsrezept der Christdemokraten stärker zu betonen. Tatsächlich verzierten die Partei-Propagandisten einen trotz Harpprechts Warnung progressiven Kampf um die Wählerstimmen mit nationalen Akzenten. Werbewirksamster Wahlspruch dieses neuen sozialdemokratischen Vaterlandsgefühls: "Deutsche. wir können stolz sein auf unser Land."
Für den Dortmunder Wahlparteitag und seinen SPD-Chef Brandt entdeckte Harpprecht. der sich Jahre zuvor in der "heimatlosen Mitte" niedergelassen hatte, die "neue Mitte", wo sich auch Bürgerlich-Konservative wohl fühlen sollen. "Dort, wo die CDU bisher unangefochten ein Reservat zu behaupten schien ... in der Kreuzung progressiver und, zugleich in einem veränderten Verständnis. konservativer Strömungen" will der neue Brandt-Berater gemeinsam mit möglichst vielen Wählern der sozialliberalen Koalition heimisch werden.
Bekümmert konstatierte der CDU-nahe "Rheinische Merkur". die von Harpprechts Dichtkunst aufpolierte SPD sei dabei, sieh "als die beste CDU, die es je gab, zu präsentieren".
Seit der Sprachkünstler die Kanzlerreden entwirft. verzichtet der demokratische Sozialist Brandt nur selten auf den Appell an die Bürger "mitzuleiden. die Fähigkeit barmherzig zu sein, ein Herz für den andern zu haben". So ermunterte er in der Dortmunder Parteitags-Ansprache die Genossen zur "Compassion" und verkündete in seiner Regierungserklärung, daß "die moralische Kraft eines Volkes" sich vor allem "in seiner Bereitschaft zum Mitleiden" erweise.
Politik-Professor Eugen Kogon wunderte sich über die "auffallende Moralisierung der Politik", die Hamburger "Zeit" mokierte sich über "soviel theologische und pseudotheologische Aufschwünge". und der Brandt-Wahlhelfer und Harpprecht-Freund Peter Härtling. Cheflektor des Fischer-Verlags, fürchtete gar: "Das Pathos von Brandt mit dem von Harpprecht kombiniert könnte zu viel werden."
Doch auch Literarisches läßt Harpprecht seinen Kanzler sagen: Beim Staatsdiner mit Frankreichs Pompidou in Paris soufflierte er dem Chef feinsinnige Gedanken über die "mythologischen Bilder, die sich unsere Völker voneinander machen: Etwa jenem, was Madame de Stael vom romantisch träumenden weltvergessenen Deutschland entwarf, oder das Jean Giraudoux' "von unserer todessüchtigen. den Extremen anhängenden Nation.
Ein eher staatsphilosophisches Seminar steht den Genossen auf dem SPD-Parteitag in Hannover bevor. Zwei Tage lang tüftelte am vorletzten Wochenende das Autoren-Kollektiv Brandt-Harpprecht im idyllischen Münstereifel über den Standort der SPD in der sozialliberalen neuen Mitte und einen rechtgläubigen sozialdemokratischen Kommentar zur Grundgesetznorm des "demokratischen und sozialen Bundesstaates".
Der schriftliche Entwurf der staatspolitischen Parteitagspassagen blieb Harpprecht überlassen.
Doch selbst die Aussicht auf neue Schöpfungen aus Harpprechts Dachstube kann die für Hannover wohlpräparierten Jungsozialisten einstweilen nicht beeindrucken. Ein Juso-Führer gelassen: "Wenn wir unter dem Begriff "neue Mitte' die Banken verstaatlichen. dann ist doch alles in Ordnung."

DER SPIEGEL 15/1973
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