09.04.1973

URANOfferte aus Moskau

Überraschend einigten sich Sowjets und Westdeutsche über die Lieferung von angereichertem Uran in die Bundesrepublik. Damit wurde ein jahrelanges Monopol der Amerikaner erschüttert.
Bei Krimsekt und Wodka, Kaviar und ukrainischen Hühnchen, russischer Folklore und westlichen Rock-Rhythmen feierten westdeutsche Manager und sowjetische Staatshändler in Moskau den Beginn einer neuen Phase im deutsch-sowjetischen Handel.
"Die Sowjet-Union", so lockte Gastgeber Leonid Michailowitsch Andrejew, Vizepräsident der Staatshandeisgesellschaft Techsnabexport, seine Gäste vom Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE) in Essen und dem Münchner Bayernwerk, "ist bereit, kurzfristig und in großem Umfang angereichertes Uran in die Bundesrepublik zu liefern und Verträge bis zum Jahr 2000 abzuschließen."
Mit ihrer sensationellen Vertragsofferte, die sie Ende März westdeutschen Energie-Experten unterbreiteten, drängen die Sowjets erstmals in einen Markt, der bislang ausschließlich von amerikanischen Lieferanten beherrscht wird. Da die Deutschen jahrelang kein Uran anreichern durften und Franzosen und Engländer spaltbares Material nur für ihre Atombomben produzierten, war die junge europäische Kernkraftindustrie ausschließlich auf Importe von der amerikanischen Atomenergiekommission angewiesen.
Dieses Monopol nutzten die Amerikaner weidlich aus. Mit steter Regelmäßigkeit erhöhten sie die Preise für den Kernbrennstoff -- um jährlich rund 15 Prozent. Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Kernforschung in Karlsruhe, Hubert Tebbert: "Die Amerikaner werden immer teurer und stellen unmögliche Bedingungen." Beispielsweise verlangen die Staatshändler in den USA von ihren europäischen Kunden, Verträge bereits zehn Jahre vor Fälligkeit der Lieferung rechtsverbindlich abzuschließen. Den Preis erfahren die Kunden erst später- bei Lieferung.
Außerdem müssen die Europäer bereits bei Vertragsabschluß für je 1000 Megawatt in Aussicht genommener Kraftwerksleistung 3,3 Millionen Dollar Gebühr im voraus bezahlen. Für diese Kredite ihrer europäischen Abnehmer zahlen die Amerikaner nicht einmal Zinsen.
Eine Verschärfung der Knebelverträge erwarten die europäischen Energieversorgungsunternehmen zudem von einem Plan der US-Regierung, nach dem die Befugnisse der staatlichen Atomenergiekommission auf private Firmen übertragen werden sollen. Der Karlsruher Energie-Experte Tebbert: "Dann müssen wir noch höhere Preise bezahlen."
Die ersten Uran-Kontakte mit den Sowjets knüpfte der Düsseldorfer Osthändler Alfred Hempel. Drei Jahre lang antichambrierte der Generalagent der Moskauer Patent-Vermittlungsfirma Licensintorg (Hempel: "Wir sind echte Hirnhändler") bei russischen Lieferanten, westdeutschen Ahnehmern, Bonner Ministerialen und der Brüsseler EG-Kommission. Dann hatte er das Gerüst für den ersten Uran-Lieferungsvertrag zwischen Sowjet-Union und einem westdeutschen Energieunternehmen fertig.
Bereits im Mai wird das RWE auf Hempels Vermittlung einen ersten Uran-Lieferungsvertrag mit den Sowjets unterzeichnen. Hiernach verpflichtet sich die Sowjet-Union; Uran-Konzentrat von RWE in sowjetischen Trennanlagen mit spaltbarem Uran 235 anzureichern. Andrejew in Moskau: "Wir tun das zu attraktiven Preisen."
Tatsächlich berechnen die Sowjets ihrem ersten westdeutschen Kunden rund sechs Dollar je sogenannter Trennarbeitseinheit weniger als die amerikanische Konkurrenz. Den wohlfeilen Brennstoff will das RWE in seinem neuen Atomkraftwerk Mülheim einsetzen, das 1976 den Betrieb aufnehmen soll.
Bevor sich jedoch Russen und Westdeutsche soweit einig waren, hatten die Amerikaner mit allen Mitteln versucht. ihr Monopol zu erhalten. In Bonn und bei der Nato-Embargostelle Cocom in Paris drängten sie darauf, die Deutschen auch künftig von Uran-Importen aus der Sowjet-Union fernzuhalten.
Die zuständigen Bonner Ministerien, Horst Ehmkes Technologieministerium und Hans Friderichs Wirtschaftsministerium, aber schmetterten den Einspruch der Amerikaner ab. Das Essener RWE erhielt die Erlaubnis, vorerst eine Ladung angereicherten Urans im Wert von 30 Millionen Mark aus der Sowjet-Union zu beziehen.
Weitere Wünsche der Essener Energieversorger, mit den Sowjets langfristige Verträge über die Lieferung von angereichertem Uran im Wert von mehreren hundert Millionen Mark abzuschließen, lehnte Bonn allerdings ab.
Ein mögliches Motiv für die Bonner Weigerung nennt der Karlsruher Tebbert, der ebenfalls angereichertes Uran aus der UdSSR beziehen möchte: "Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, sich mit den Amerikanern anzulegen. Wettbewerb ist zwar gut. Doch die Amerikaner zu verärgern wäre schlimm."
Aber auch ohne die Frage weiterer Uran-Importe aus der Sowjet-Union sind die Konflikte mit den Amerikanern bereits vorprogrammiert. Derzeit bewerben sich beispielsweise Amerikas Elektrokonzern General Electric und die Mülheimer Kraftwerk Union AG (KWU), eine gemeinsame Tochter von Siemens und AEG-Telefunken, um den Bau eines Atommeilers im jugoslawischen Krsko.
Sollte General Electric den jugoslawischen Auftrag (Kostenpunkt: knapp eine Milliarde Mark) nicht erhalten, so gaben die Amerikaner bereits zu verstehen, dann könnten sie auch nicht -- wie vorgesehen -- für die Versorgung dieses Kernkraftwerks mit US-angereichertem Uran garantieren. Prompt ließ in der vorletzten Woche Mülheims KWU über Hempel in Moskau anfragen, ob die Sowjets bereit seien, auch ein von Deutschen gebautes Kraftwerk in Jugoslawien mit sowjetischem Brennstoff zu versorgen.
Bereits in der vergangenen Woche sagten die Sowjets KWU zu, angereichertes Uran zu liefern. Damit steigen auch die Chancen der deutschen Kraftwerksbauer, stärker mit den Sowjets ins Geschäft zu kommen. So sollen im Westen der Sowjet-Union in den nächsten Jahren sechs Atomkraftwerke im Wert von rund sechs Milliarden Mark gebaut werden.
Den Bau-Auftrag könnten die Sowjets westdeutschen Firmen erteilen. Bezahlen würden die Sowjets mit angereichertem Uran und Strom aus sowjetischen Kraftwerken, den sie über Fernleitungen ins westeuropäische Verbundnetz leiten würden.
Bei dem deutsch-sowjetischen Energie-Treffen in Moskau erörterten Moskauer Staatshändler und westdeutsche Stromversorger sogar den gemeinsamen Betrieb einer Uran-Anreicherungsanlage in der Sowjet-Union. Auf eine entsprechende Frage des RWE-Managers Helmut Schmale antwortete der zuständige Staatsfunktionär für Atomenergie, Morosow: "Warum nicht?"

DER SPIEGEL 15/1973
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