09.04.1973

BANKENTassen zerschlagen

Die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft zog sich wegen eines Millionen-Kredits für ein Porzellanwerk in der DDR heftige Kritik der IG Chemie-Papier-Keramik zu.
Im Restaurant der Nürnberger Meistersinger-Halle fanden sich Gewerkschaftler und Porzellan-Industrielle zu einer unheiligen Allianz: Sie solidarisierten sich gegen die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (BfG).
Alfred Kunzmann, Vorsitzender der IG Chemie-Papier-Keramik in Bayern, hatte sich vorgenommen, beiden Chefs der Porzellan-Manufakturen des Landes mit hohen Lohnforderungen "die Tassen zum Klirren zu bringen". "Aber', so Kunzmann, "ich erlebte eine böse Enttäuschung: Die Tassen hatte bereits die BfG zerschlagen."
Der Unternehmer-Vertreter Oskar Deininger legte dem Tarifkämpfer eine Meldung der englischen Nachrichtenagentur Reuter auf den Tisch: Die Gewerkschaftsbank, las Kunzmann, habe sich als eines der ersten Geldinstitute der Bundesrepublik an der Anlagenfinanzierung von zwei industriellen Großprojekten in der DDR beteiligt. Rund 20 Millionen Mark sollen in einem Leuchtstoff-Röhrenwerk in Brand-Erbisdorf (Bezirk Karl-Marx-Stadt) und einem Porzellan-Werk in Ilmenau (Bezirk Suhl) investiert werden. Kunzmann befand den Kredit für die 40 Kilometer von der bayrischen Grenze entfernt liegende Porzellan-Fabrik "unverständlich und instinktlos".
Die Porzellan-Kombinate der DDR, voran die Meißner, treten auf dem Weltmarkt zunehmend als Konkurrenten der bayrischen Geschirrfabriken auf. Wenn ihnen durch die BfG Kredite für weiteres Wachstum gereicht werden, so fürchtet Arbeiterführer Kunzmann, stehe es schlecht um die Arbeitsplätze der bundesdeutschen Porzellaner.
Schon 1970 und 1971, so weiß Kunzmann, mußte jede vierte Porzellanfabrik Kurzarbeit einlegen. Der Grund: Die Branche, die 40 Prozent ihrer Teller, Tassen und Terrinen im Ausland absetzen muß, ist der auswärtigen Konkurrenz kaum noch gewachsen. Vor allem Einfuhren aus Ostasien, so ein Sprecher des Fabrikanten-Verbandes Keramverein, "machen uns zu schaffen, in denen Dumpingpreise an der Tagesordnung sind". Nur mit Mühe konnte die Branche vergangenes Jahr ihren fast 600-Millionen-Mark-Umsatz halten.
Die westdeutsche Geschirrbranche, vorwiegend im ländlichen Nordbayern angesiedelt, hat freilich den kleingewerblichen Charakter bis ·heute nicht aufgegeben. Von den 65 Betrieben, die im bayrischen Keramverein organisiert sind, haben 15 weniger als 250 Beschäftigte, und nur die Branchenführer Rosenthal und Hutschenreuther produzieren mit einer Belegschaft von mehr als tausend Mann.
Schon vor vier Jahren empfahl SPD-Unternehmer Philip Rosenthal, damals Vorsitzender des Keramvereins, den Kollegen, deshalb "den Heilungsprozeß selbst einzuleiten, und zwar durch den Willen zu Rationalisierung und Strukturwandel. Aber die Herren der kleineren Fabriken, häufig verwandt oder verschwägert, sind meist zu stolz, sich zusammenzuschließen.
Gemeinwirtschaftsbankier Hesselbach sieht in der Kredithilfe für die Ostfirmen denn auch keinen Anschlag auf westdeutsche Arbeitsplätze. "Übliche Finanzierung", wiegelte BfG-Vorstand Diether Hoffmann ab, bei einer zu "keiner Sorge Anlaß gebenden Konkurrenz".
Das DDR-Porzellanwerk in Ilmenau, so spielen die BfG-Banker die Affäre weiter herab, "werde in erster Linie für die Bevölkerung der DDR produzieren". Das freilich hält DGB-Kunzmann für "dummes Zeug".
Selbst wenn der volkseigene Betrieb in Ilmenau ausschließlich für DDR-Verbraucher produzieren sollte, könnte die dadurch frei werdende Kapazität international bekannter DDR-Werke für eine Ausweitung des Exports genutzt werden. Sekundiert Klaus Schütze vom Keramverein: "Durch die DDR-Finanzierungshilfe der Bank für Gemeinwirtschaft sind letztlich bei uns doch Arbeitsplätze in Frage gestellt."
Der Gewerkschafter, dessen Tarifkommission sich mit den Kleinunternehmern in ihrer "Bestürzung, Verbitterung und Empörung" einig weiß, sorgt sich allerdings nicht nur um die Arbeitsplätze, sondern auch um den Ruf der gewerkschaftseigenen BfG. Es könne doch, meint Kunzmann, bei den Gewerkschaftsmitgliedern der Eindruck aufkommen, daß bei dem Frankfurter Bankhaus "das profitwirtschaftliche Handeln im Vordergrund der Entscheidungen steht".
Sinn für Profit allerdings bewies auch Kunzmann. Sein Mut zur Solidarisierung gegen die eigene Bank entspannte den Tarifstreit. Die IG Chemie schloß mit Lohnzuschlägen von 9,5 Prozent für die Porzellanwerker ab -- ein Prozent mehr, als die großmächtige IG Metall aus ihren Branchen herausholte.

DER SPIEGEL 15/1973
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