09.04.1973

MÄRKTEBaisse im Bett

In einer Gemeinschaftsaktion wollen Textilindustrie und Handel Deutschlands Hausfrauen dazu bewegen, ihre Bettwäsche durch häufiges Wechseln und Waschen schneller zu verschleißen.
Die Bettenabteilungen mehrerer deutscher Kaufhäuser haben für die Aprilwochen ihren bisher prominentesten Verkaufshelfer engagiert: Jean Claude Pascal, Pariser Film- und Fernsehstar, der den Bundesbürgern "den Sinn für etwas Poesie im Leben und Schlafzimmer" schärfen soll.
Mit den jeweils zweistündigen Auftritten des Chansonniers bei Quelle, Neckermann, Hertie und Karstadt unternimmt die Schlummerbranche einen neuen Versuch, Deutschlands Hausfrauen zu mehr Sauberkeit im Bett zu erziehen. Wenn sich die Familienmütter nämlich dazu entschließen. Bezüge und Laken häufiger zu wechseln, würden die Schlaftextilien zum Nutzen von Fabrikanten und Händlern schneller verschleißen.
Ungeachtet aller Ärzteappelle, mindestens einmal in der Woche die Bettwäsche zu wechseln, ist es um die Schlafhygiene der Deutschen aber immer noch nicht viel anders als zu Urgroßmutters Zeiten bestellt: In den meisten Familien werden Kopfkissen und Deckbetten höchstens einmal im Monat neu bezogen.
Da der Fachhandel trotz einer seit 1968 jährlich veranstalteten "Woche des Bettes" an den Schlafgewohnheiten der Deutschen bisher wenig zu ändern vermochte, soll es jetzt der "singende Aristokrat" (Prospekt-Text) versuchen. Unter dem Markenzeichen "Création Jean Claude Pascal" werden die in popigen Farbmustern gehaltenen Bettbezüge als eine "körperfreundliche Mischung' aus "Polyester Dacron und Baumwolle" angeboten. In einer Werbeschrift lockt Faserhersteller Du Pont die Kundschaft außerdem mit dem Hinweis, Claude Pascal habe die farbenfrohe Kollektion selbst entworfen und begleite sie nun "vom Styling bis zum Endverbraucher".
Die Idee, den müden westdeutschen Bettenmarkt mit "markanten Dessins" und Mustern aufzumuntern, stammt freilich nicht von dem Franzosen, sondern von dem deutschen Bettenhändler Dieter Werner, 33. Nach langen Marktbeobachtungen kam der Wiesbadener zu dem Schluß: "Wir brauchen heiße Bettwäsche. Wenn unsere Hausfrauen schon nicht aus hygienischen Gründen öfter frisch beziehen, sollten sie es um der modischen Effekte willen tun."
Die Branche hat solche Impulse dringend nötig, denn über den Absatz (Jahresproduktion 1972: rund 650 Millionen Mark) von Laken und Bezügen klagt der Handel seit Jahren. In den letzten zwölf Monaten zum Beispiel lag der private Verbrauch mit 140 Millionen Quadratmeter um fast 20 Prozent unter dem des Jahres 1965.
Bis zu diesem Zeitpunkt zehrte die Branche von den geburtenstarken Jahrgängen der Vorkriegszeit, die sich zur Hochzeit in der Regel reichlich mit weißem Linnen eindeckten. Das einst dominierende Aussteuergeschäft beträgt derzeit nur noch 26 Prozent.
Die Baisse mi Bett versuchten die Wäschefabrikanten mit immer neuen Materialien und Mustern zu bekämpfen. Doch weder die Novitäten der vollsynthetischen oder der aus Natur- und Kunstfaser gemixten Bettwäsche noch farbige Laken und Bezüge vermochten den Absatz zu beleben.
Der Markt weitete sich nicht aus, er verschob sich nur. Das klassische Weiß aus reinem Makko ging zurück, bunt gewebte oder bedruckte Mischprodukte stießen vor. Weiße Bettwäsche hat heute nur noch einen Marktanteil von 20 Prozent: Die deutsche Schlafstatt präsentiert sich zu 80 Prozent zumindest pastellgetönt.
Doch so bunt es in deutschen Betten wurde, so karg blieb der Bestand im Schrank, da mangels Wäschewechsel kein Laken zusätzlich verschlissen wurde. Die Durchschnittsnorm blieb konstant: Viermal zum Wechseln langt, ein Halb-Dutzend-Vorrat ist Luxus.
Zudem hatte die Branche unter der Entrümpelung deutscher Schlafzimmer zu leiden. Paradekissen verschwanden, Unterbetten wurden hinausgeworfen, Plumeaus ausrangiert. Geheizte Schlafzimmer machten sie überflüssig, und in die von der Möbelindustrie favorisierten flachen Bettkästen paßten Omas Zudecken ohnehin nicht mehr hinein.
Geschult durch die Erfahrungen an der eigenen Ladentheke, wußte Werner nur allzugut, daß Deutschlands Hausfrauen nicht von der Meinung abzubringen sind, sie seien die saubersten der Welt. Um diese nicht zu erschütternde Selbsteinschätzung zu umgehen, verfiel Werner auf die neue Haute-Couture-Masche.
Zur Verwirklichung seiner Pläne hielt der hessische Bettenkenner Ausschau nach einem Promoter, der bei deutschen Hausmütterchen -- das Gros der Bettwäsche wird von Frauen zwischen 40 und 50 Jahren gekauft -- neue Sehnsüchte erwecken konnte.
Ein Name verhieß dies: der Pariser Chansonnier Jean Claude Pascal mit dem gereiften Charme des Mittvierzigers. Für die neue Aufgabe schien er zudem als Sproß einer nordfranzösischen Textilfabrikantenfamilie und ehemaliger Dior-Designer für Stoffmuster, Cocktail-Kleider und Halstücher geradezu prädestiniert.
Der Wiesbadener wurde mit dem Pariser Gesangskünstler schnell handelseinig, denn Pascal wurde nicht nur das übliche Designer-Honorar in Aussicht gestellt, sondern eine Verkaufsbeteiligung von 30 bis 40 Pfennig pro Bettbezug. Bei einem veranschlagten Absatz von zwei Millionen Bettsets könnte der Sänger mithin rund 600 000 Mark kassieren.
Mit des Künstlers Zusage in der Tasche zog der Wiesbadener Jungkaufmann zu den Farbwerken Hoechst (Hersteller der Faser Trevira), die aber nicht bereit waren, eine Garantiesumme von 100 000 Mark für Pascal zu übernehmen. Mehr Interesse zeigte dagegen die Düsseldorfer Du-Pont-Zentrale, die in Werners Angebot eine günstige Gelegenheit sah, ihre bisher am deutschen Bettwäschemarkt nicht beteiligte Du-Pont-Faser Dacron ins Geschäft zu boxen.
Der Meister hat seinen Auftraggeber inzwischen mit einer "Collection exclusiver Designs mit hochmodischen Effekten" überrascht. Besonderen Eindruck machte auf Werner ein Pascal-Entwurf mit chinesischen Schriftzeichen: "Das fällt doch auf, wenn das wochenlang nicht gewechselt wird."

DER SPIEGEL 15/1973
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