09.04.1973

AFFÄRENNebel am See

Renditen von mehr als 20 Prozent verhieß ein Frankfurter Mediziner anlagewilligen Sparern bei einem Klinik- und Kurprojekt am Bodensee -- verdienen können daran allenfalls die Gründer.
Dr. Leo Krutoff, 63. fühlt sich in seinem 2000 Mark Monatsmiete teuren Penthouse auf dem Dach des Wiesbadener Aukamm-Hotels nicht mehr wohl. "Irgendwie", so klagt er, "lebt man hier oben zu distanziert von allem."
Die Beweise seines geminderten Kontaktes zur Realität hat Leo Krutoff im Flur vor seiner Wohnung selbst aufgetürmt: Zwischen abgestellten Dachterrassenmöbeln lieblos eingeklemmt, verstauben zwei Pappmaché-Modelle einer "Diagnoseklinik Domäne am Bodensee", vermodern Glanzpapier-Prospekte stapelweise zu Makulatur.
Der Trödel vor Krutoffs Tür symbolisiert das jüngste Desaster, in das der dilettierende Medizin-Manager Dutzende von Kleinsparern durch blumige Versprechungen und allzu sorglosen Umgang mit den Realitäten des deutschen Medizin-Marktes hineingerissen hat.
Bereits zweimal hat Krutoff häßliche Spuren bei seinen Versuchen hinterlassen, als eine Art Billy Graham der Vorsorge-Medizin aus standardisierten Gesundheitstests. sogenannten Check-ups, Kapital zu schlagen und den um ihre Gesundheit besorgten Bundesbürgern einzureden, der alljährliche Check-up könne praktisch ein Leben frei von Krankheiten erkaufen.
Krutoffs erstes Projekt -- der Versuch. in Wiesbaden eine Miniaturkopie der amerikanischen Mayo-Klinik zu installieren und dort das aus den USA importierte Check-up-Konzept zum Luxuspreis von fast 2000 Mark je Patient zu vermarkten -- brachte Hunderte von Kapitalanlegern um die Verzinsung ihrer eingebrachten Gelder. Noch heute ist die aus diesen Ansätzen entstandene "Deutsche Klinik für Diagnostik" mit dem Odium behaftet, ein Untersuchungslabor für eingebildete Kranke zu sein, obwohl sich das Unternehmen inzwischen, nach Krutoffs Abgang. zu einer Diagnosestätte für medizinische Problemfälle entwickelt hat.
Das zweite Unternehmen des ehemaligen Frankfurter Modearztes endete vollends in der Pleite. Mit vier Millionen Mark Schulden und einem verschleuderten Grundkapital von sechs Millionen Mark gingen die von ihm mit den Spargroschen von Bundesbürgern in Frankfurt und München etablierten "Deutschen Zentren für medizinische Vorsorge" nach einjähriger Agonie in Konkurs. Diese Einrichtungen hatten einen auch für Kleinverdiener erschwinglichen Minimal-Check-up zum Preis von 350 Mark offeriert.
Ein ähnliches Schicksal braut sich nun über Krutoffs dritter Unternehmung zusammen, einer Check-up-Station auf dem Lande, die der rastlos Pläne schmiedende Arzt in dem Bodensee-Dorf Immenstaad errichten wollte.
Das anfangs "Sanatel", später "Domäne am Bodensee" titulierte Vorhaben hat bisher 2,3 Millionen Mark verschlungen, obwohl noch völlig dunkel ist, ob es jemals zum ersten Spatenstich kommen wird. Statt der von Krutoff verheißenen "zukunfts und renditeträchtigen" Gewinne, die bis zur stolzen Höhe von "23 Prozent per annum" klettern sollten, müssen die Geldgeber
meist Hausfrauen, Rentner, Beamte, Handwerker und andere Gewerbetreibende -- den Totalverlust ihrer Einlage einkalkulieren.
Als sie der "Grundstücks- und Sanatorien-Verwaltungs-Gesellschaft Immenstaad mbH & Co.", deren "vorläufigen Verwaltungssitz" Krutoff in seiner Penthouse-Wohnung ansiedelte, ihr Erspartes hingaben, konnten sie nicht ahnen, was sich hinter dem schwindelerregenden Gewinnversprechen verbarg.
Auf einer nassen Wiese am Bodensee, über der nicht nur an Wintertagen Nebelschwaden (trauen, sollte, so die Werbeprospekte, Großes entstehen: "das erste europäische Rekreationszentrum", ein Check-up-Prüfstand "zum Jungbleiben und zum Jungwerden" und zum Vorbeugen gegen "Streßschäden".
Spezialisten insbesondere für das "harmonale System sollten "verantwortlich denkenden" Bundesbürgern "die volle Berufs- und Genußfähigkeit erhalten". Eine "vielfältige sportliche Betätigung unter ständiger ärztlicher Kontrolle" wurde angeboten, aber auch geistiges Training: "Vorträge, Symposien, Diskussionen, Konzerte und Filmvorführungen', sogar "Sprachlabors zum Lernen und Fortbilden in englischer und romanischen Sprachen".
Das "einzigartige Angebot an medizinisch-therapeutischen Einrichtungen" sollte von "weitläufigen glasüberdachten Hallen mit beheizten Steinfußböden" umgeben sein, "das Brot im Steinofen gebacken" und "das Wasser für Küche und Bad" eigens "zur Reinheit und Weichheit von Regenwasser aufbereitet" werden.
Der phantastische Jungbrunnen, Kleinsparern als "wachstumsorientierte Vermögenswertanlage" und "Investition der Vernunft" angepriesen, stand freilich auf unsoliden Füßen. Seine Basis bildete ein von Krutoff gefertigtes Gutachten über das geplante Zentrum in Immenstaad' in dem er "neben eigenen Erfahrungen" auch "Literatur aus dem Gebiet des Fremdenverkehrs" und "Werte" verarbeitet hatte, "die sich beim Bau ähnlicher Einrichtungen in den letzten Jahren ergaben".
Aus solch profunden Quellen bezog Gutachter Krutoff offenbar auch die Erkenntnis, daß "die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik" durch die "Möglichkeiten der vorbeugenden Gesundheitsmaßnahmen sehr gesundheitsbewußt" geworden und "dadurch bereit" sei, "erhebliche Beträge für die Gesundheit zu investieren", dies "vor allen Dingen dann", wenn "die Leistungen zur Förderung der Gesundheit" in "angenehmer Form" dargeboten würden.
Das "Gesundheitsbewußtsein der Verbraucher" werde zusätzlich durch "den starken Trend zur Kleinfamilie" gefördert, der "einen Verlust an Sicherheit im Fall einer Notlage bedeutet". Außerdem wolle die Industrie "die Leistungskraft der ihr wertvollen Mitarbeiter erhalten", so daß "auch die Gesamtheit der Industrie und Betriebe" willens sein werde, die Fitness-Stätte "zu frequentieren".
Schließlich, so argumentierte der Medizin-Mann weiter, seien "Teile der deutschen Bevölkerung "mittelmeermüde' geworden", "vor allem Magen' und Darmerkrankungen in Mittelmeer-Ländern" hätten sie verschreckt, neben einer "Abneigung gegen die Art der dortigen Bevölkerung".
Warum die Geldquelle ausgerechnet auf einer feuchten Wiese am Dorfrand der unbekannten, nicht übertrieben reizvollen Bodensee-Gemeinde Immenstaad sprudeln sollte, begründete Gutachter Krutoff nicht minder originell: Gerade die ländliche Idylle trage dazu bei, dem geplanten Revitalisierungs-Zentrum "das angestrebte Image zu schaffen". Denn das Dorf Immenstaad sei "nicht belastet von Vorstellungen, die man gemeinhin mit einem Heilbad (= Ort für Kranke) verbindet. Dies ist für die erwartenden Gäste wichtig, weil heute häufig schon in Unternehmen aus dem Besuch in einem Heilbad Schlüsse gezogen werden, die die Position und Karriere des Betreffenden gefährden".
In Wahrheit hatte Leo Krutoff die nasse Aue wohl eher auserwählt. weil der erlauchte Name ihres Eigners dem dubiosen Projekt gerade gegenüber Kleinsparern allerhöchste Seriosität verlieh. Der Name: Seine königliche Hoheit Markgraf Max von Baden, Herr auf Schloß Salem.
Der Edelmann war gern bereit, die Funktion einer werbeträchtigen Galionsfigur zu übernehmen. Denn der Krutoff-Plan verhieß ihm ein Millionengeschäft: Das karge Brachland stand bislang als Landschaftsschutzgebiet unter Bauverbot und war, der Nässe wegen, auch landwirtschaftlich kaum zu nutzen. Als Standort eines Sanatoriums jedoch wäre das 53 000 Quadratmeter große Gelände mit mäßigem Pappel- und Obstbaumbestand über Nacht Millionen wert, da es dem markgräflichen Einfluß gelingen müßte, die Befreiung vom Bauverbot durchzusetzen.
Ober den Wert der Wiese waren sich der badische Adlige und der Frankfurter Arzt schnell einig. Die Herren visierten einen Verkaufspreis von 100 Mark pro Quadratmeter an und vereinten sich zur "partnerschaftlichen Zusammenarbeit" (Krutoff).
Die Folgen dieser Kooperation drohen katastrophal zu werden. Obwohl bis heute keine Baugenehmigung vorliegt -- sie wurde vom zuständigen Freiburger Regierungspräsidium lediglich vage "in Aussicht" gestellt -, gab die von Krutoff und dem Markgrafen gegründete "Grundstücks- und Sanatorien-Verwaltungsgesellschaft Immenstaad." zügig Hunderttausende aus.
Sie schrieb einen Architektenwettbewerb aus, ließ sich von dem Bonner Architekten Egon Winkens 148 Quadratmeter Werkzeichnungen sowie zwei Sanatoriumsmodelle fertigen und schloß mit der Karlsruher Planungsfirma Lenz-Bau einen bautechnischen und mit der Würzburger Firma "all-bau" einen Baubetreuungsvertrag.
Teuer kam auch die Werbung. Allein der erste "Sanatel"-Prospekt, in dem der feuchte Standplatz forsch als "Bauland" ausgegeben und blumig als "eines der schönsten und letzten noch freien Erholungsgebiete am Ufer des Bodensees" beschrieben wurde, verschlang nahezu 100 000 Mark. Weitere 200 000 Mark gingen an Provisionen für Dealer und Anlageberater drauf.
Mit am kostspieligsten wurde die Verwaltung. An "Rechts und Beratungskosten" fielen 124 000 Mark an, mit der Würzburger "GFO Gesellschaft für Finanzberatung und Unternehmensorganisation" wurde ein Administrationsvertrag über eine Viertelmillion Mark abgesprochen, und "Geschäftsführergehälter", "Spesen der Geschäftsführung". "Personalkosten" sowie "Bürokosten, Telephon" machten 124 000 Mark aus. Doch damit sind die Unkosten, die laut Gesellschaftsvertrag den Kommanditisten angelastet werden durften, noch nicht erschöpft.
In die Bilanzen wurde rechtzeitig ein "Beratungshonorar Dr. Krutoff" über 90 000 Mark sowie eine "Verwaltungsgebühr" von 50 000 Mark für den Generalbevollmächtigten des Markgrafen, Dr. Wilfried Kuhn, eingebaut.
So ist Vorsorge getroffen, daß die dubiose Unternehmung zumindest für die Gründungsgesellschaft nicht übel endet.
In solcher Voraussicht ist Leo Krutoff nicht unerprobt: Bei den in die Pleite geratenen "Deutschen Zentren für medizinische Vorsorge" hatte er sich ebenfalls einen mit 10 000 Mark im Monat dotierten Beratervertrag gesichert, und die "Deutsche Klinik für Diagnostik" verließ er mit einem stattlichen Pensionsvertrag in der Tasche, der ihm einen sorgenfreien Lebensabend garantiert.

DER SPIEGEL 15/1973
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