09.04.1973

PRESSE12 Uhr mittags

Redakteure der Zeitschrift „Konkret“ feuerten ihren Chef, weil ihnen ein Blattkonzept, das „auch die Klo-Frau in Hannover interessiert“, nicht ins politische Konzept paßte.
Fünf Tage lang verweilte Klaus Rainer Röhl, 44, im Dolomitendorf Seis am Schlern, wo seine Töchter Bettina und Regina vom Keuchhusten genesen sollten. Dann, am Freitag vorletzter Woche, meldete sich Röhls Bruder telephonisch aus Hamburg: "Klaus. du bist entlassen."
Das gab's noch nie in Deutschland. Denn Röhl -- der seit 18 Jahren das Lust- und Linksblatt "Konkret" dingiert -- ist der erste Verleger, der von seinen Journalisten gefeuert wurde. Per Abstimmung entbanden ihn die Mitarbeiter von seinen Pflichten und Rechten in der Redaktionsspitze.
Der "Konkret"-Chef: "Dies war ein offenbar von langer Hand vorbereiteter Putschversuch."
Neu war in der Tat nicht, was die Redakteure Röhl vorwarfen, aber nicht allzuoft sagen konnten: "Er war", so "Konkret"-Produktionsleiter Hermann Ludwig Gremliza, "eigentlich selten da, fünf- bis sechsmal im Jahr macht er Urlaub."
Mitte März hatten Gremliza und sein Reporter-Kollege Peter ("Don Krawallo") Neuhauser es schriftlich versucht. In einem Sieben-Seiten-Brief bezichtigten sie den Verleger, er verfolge kaufmännisch "die Maximen eines Krauterladens" ("Das Klopapier haben wir auch immer wieder selber gekauft") und habe zudem "das Image des Blattes ... durch unseriösen Journalismus in den Keller" schreiben lassen. Röhl nahm die Streitschrift mit in die Ferien, versprach aber von Süden her brieflich Besserung: "Daß ich die Zeitschrift nicht genügend energisch geleitet habe" -- dieser Vorwurf sei zutreffend. Weniger aufgeschlossen freilich zeigte sich der Urlauber gegenüber dem Vorhalt, "die politische Berichterstattung" bedeute ihm "allenfalls notwendiges Beiwerk".
"Der größte Teil" der Leser, so verteidigte Röhl die "Massenlinie seines mit Haut und Haaren garnierten Druckwerks, erwarte eine "bunte Mischung". Immerhin: "Unmittelbar nach meiner Rückkehr", lenkte er ein, "müssen die Redakteure und Mitarbeiter des Blattes entscheiden, nach welcher Blattkonzeption sie in Zukunft arbeiten wollen, nach meiner oder nach ihrer."
Röhls Rückkehr aber warteten die Umstürzler nicht ab. Statt zum mühsamen langen Marsch entschlossen sie sich zum Handstreich.
Als Hebel diente ihnen das Anfang letzten Jahres vereinbarte Redaktionsstatut, dessen Bestimmungen jederzeit "mit einer Zweidrittelmehrheit der Redaktionskonferenz geändert werden" können. Klausel 5b würdigt den "Konkret"-Teilhaber Röhl (70 Prozent) als "Garantie für den unabhängigen Kurs der Zeitschrift", Klausel 3 b 2 räumt ihm einen der zwei Plätze in der "Produktionsleitung" ein -- gemeinhin Chefredaktion genannt.
Gremliza und Neuhauser sowie zwei weitere Kollegen stellten kurzerhand einen Änderungsantrag, -die Produktionsleitung künftig nur noch mit einem (von der Redaktion zu wählenden) Redakteur zu besetzen, und zwölf von 15 Anwesenden stimmten zu. Übrig blieb der Leiter Gremliza, 32.
Ende 1971 war der Politologe aus der SPIEGEL-Redaktion nach hausinternem Streit ausgeschieden. Und auch diesmal steuerte der Redaktionsführer ("Konkret-Monatsgehalt: 6500 Mark) Kollisionskurs. Neben etlichen Bedingungen für die Verlagsführung und die journalistische Linie stellten Gremliza und seine Gefolgschaft Röhl ein Ultimatum: "Rechtsverbindliche Zustimmung" zu seiner Entmachtung bis zum nächsten Tag, 12 Uhr mittags -- andernfalls werde gestreikt.
High noon freilich spielte nun der Verleger ("Die haben angenommen, daß ich sang- und klanglos abtreten würde"). Durch seinen 30-Prozent-Teilhaber und Verlagsleiter Klaus Steffens ließ er den vier Wortführern die fristlose Kündigung zustellen. Und als nach Ablauf des Ultimatums die Streikdrohung nicht zurückgenommen wurde, warf Röhl 14 weitere Mitarbeiter fristlos hinaus. Zugleich erteilte er den Rebellen Hausverbot.
Dann setzte der "alte Sozialist" (Röhl über Röhl) das Redaktionsstatut außer Kraft und flog von München aus an die rote Front: "Sie werden nicht erwarten, daß ich kampflos mein Lebenswerk aufgebe."
Das Werk ist eine Zeitschrift, die sich seit ihrer Gründung 1955 als Speerspitze der Linken versteht, einen guten Teil ihrer Auflage jedoch dem Unterleib verdankt. In dem Maße aber, wie "Konkret" Leser anzog (verkaufte Höchstauflage 1971: 173 000), irritierte das Beisammensein von Marx und Muschis Röhls sendungsbewußte Belegschaft.
Immer wieder kam es an den Schnittpunkten von Volks- und Vorderfront zum Konflikt so etwa, als die von Röhl und "Konkret" geschiedene Kolumnistin Ulrike Meinhof 1969 die Redaktion besetzen und von Apo-Freunden das Mobiliar der Röhlschen Jugendstil-Villa im feinen Blankenese zerkleinern ließ.
Und wiederum schienen linke Bekenner ein linkes Forum, das nicht ihrer Alleinbestimmung unterliegt, lieber zerstören als nutzen zu wollen. Die Entlassenen verschafften sich per Gerichtsbeschluß wieder Zutritt zum Haus. kampierten -- von Frauen und Freundinnen mit Speisen und Sprit versorgt -- in den Redaktionsräumen und boykottierten das von einigen Röhl-Sympathisanten gefertigte Notprodukt: Freie Autoren stornierten schon umbrochene Beiträge. der linksverwandte Berliner "Extra-Dienst" stoppte seine Zulieferungen.
Während die Streikenden Solidaritätsbekundungen von linken Freunden empfingen (Berlins Jugendsenatorin Ilse Reichel: "Laßt euch nicht spalten"), wollte Röhl die 14 Gefeuerten nur dann wieder aufnehmen, wenn sie vom Streik abließen -- Versöhnung mit den vier Wortführern erschien ihm "zur Zeit kaum vorstellbar". Und auf einen "Konkret"-Inhalt, der "auch die Klo-Frau von Hannover interessiert" (Röhl), mochte der Verleger keinesfalls verzichten. Denn Politik allein, so glaubt er, "verkauft sich nicht". Zum Beweis dient ihm der Absatz der letzten, mit sozialistischer Doktrin überfrachteten Ausgaben.
Sechsmal hintereinander blieb "Konkret" unter einer Kiosk-Verkaufsauflage im Inland von 90 000 Exemplaren. Damit sind -- laut Klaus Steffens' Verlagskalkulation -- die Herstellungskosten nicht mehr gedeckt.
Ein Glücksfall für Röhl, so schien es zunächst: Er nahm den Auflagenschwund zum Anlaß, die Redaktionsverfassung und mithin seinen Hinauswurf außer Kraft zu setzen. Denn das Statut gilt als "automatisch" aufgehoben, "wenn die verkaufte Auflage der Zeitschrift in vier aufeinanderfolgenden Nummern unter die Deckungsauflage sinkt". Jedoch: Die "Deckungsauflage wird von Geschäftsführung und Redaktion gemeinsam festgelegt".
Und an dieser Gemeinsamkeitsklausel scheiterte Röhls Gegenschlag am Freitag letzter Woche vor dem Arbeitsgericht. Die Richter bekräftigten nicht nur den Widerspruch der Rebellen gegen Röhls Hausverbot, sie erklärten auch das Statut für gültig -- freilich in seiner Urfassung mit Röhl als Produktionsleiter.
Gerüffelt freilich wurden beide Parteien. Mit dem Coup gegen Röhl, so begründete das Gericht den Entscheid, hätten die Redakteure gegen "Treu und Glauben" verstoßen -- und auch an der Rechtmäßigkeit des Streiks äußerten die Richter "starke Zweifel". Andererseits seien die fristlosen Kündigungen "nicht wirksam", weil entgegen dem Betriebsverfassungsgesetz der Obmann nicht gehört worden sei. Fazit: Die Streitgenossen müssen zunächst mal wieder miteinander auskommen.
Röhl: "Das ist wohl eine Art Änderung des Grundgesetzes, aber vielleicht bringt das ja den Sozialismus voran."

DER SPIEGEL 15/1973
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