09.04.1973

„Ich lasse mich nicht vergraulen“

SPIEGEL: Herr Oberbürgermeister, Demonstranten haben Sie durch die Straßen Ihrer Stadt gehetzt und geschlagen. Müssen Sie büßen für politische Sünden Ihrer sozialdemokratischen Vorgänger?
ARNDT: Erstens bin ich nicht durch die Straßen gehetzt worden. Es war keine ungeregelte Flucht. sondern ein Rückzug. um eine Konfrontation zu vermeiden. Zweitens wird der Frankfurter Magistrat tatsächlich für Fehlentwicklungen, zum Beispiel in der Bodenordnung, verantwortlich gemacht, die nur Bundesgesetze hätten aufhalten können.
SPIEGEL: Gleichwohl müssen Sie -- der Rechtslage wegen -- als Stadtoberhaupt auf seiten der Hausbesitzer und nicht der Hausbesetzer stehen.
ARNDT: Das schmerzt mich deshalb besonders, weil auch die Polizeibeamten, die das Haus Kettenhofweg 51 geräumt haben, genau wissen, daß das, was im Westend geschieht, falsch ist und die Zerstörung eines Stadtteils gegen ihre Interessen verstößt. Wir müssen uns hier für Gesetze beschimpfen lassen, die wir gar nicht gewollt haben, die wir sogar als falsch betrachten ...
SPIEGEL und denen Sie doch mit Gewalt Geltung verschaffen.
ARNDT: Verschaffen müssen. Nur sind wir bestürzt, daß die Dinge personifiziert werden. Die Demonstranten marschieren ja nicht etwa in erster Linie gegen die Spekulanten. Es geht gegen die "Bullen". gegen Arndt und gegen die Sozialdemokraten in dieser Stadt, obwohl gerade die Frankfurter SPD als erste politische Gruppierung die Auswüchse der Bodenordnung deutlich gemacht hat.
SPIEGEL: Aber die eigene Partei läßt Sie jetzt im Stich. Der Frankfurter SPD-Vorstand hat sich mit großer Mehrheit gegen die Räumung des besetzten Hauses ausgesprochen. Und Vorstands-Kollegen sind gar mitmarschiert. als gegen Sie demonstriert wurde.
ARNDT: Es ist sicher bestürzend, wenn Vorstandsmitglieder der SPD an Demonstrationszügen teilnehmen, die nicht nur gegen die Wohnungssituation gerichtet sind, sondern auch gegen die Sozialdemokraten an der Spitze der Stadt. Hier wird deutlich, wie da eine Zerreißprobe angestrebt wird, die darin gipfelt, daß man offen sagt: Der Arndt muß weg.
SPIEGEL: Zugleich OB, der die Besitzbürger schützen muß, und engagierter Linker, der den Besetzern nahesteht -- kommt da nicht eine Seite zu kurz?
ARNDT: Ich gebe zu, daß ich viele Kompromisse schließen muß. Nur, wenn Sie das, was Sie sagen, konsequent fortdenken, würde das bedeuten, daß ein Sozialdemokrat in Frankfurt nicht Oberbürgermeister sein dürfte. Dann müßten die Sozialdemokraten trotz absoluter Mehrheit im Stadtparlament in die Opposition abtreten.
SPIEGEL: Lieber treiben Sie ein doppeltes Spiel?
ARNDT: Nennen Sie es Doppelstrategie. Einerseits muß ich natürlich Gesetze einhalten, auf der anderen Seite muß ich klarmachen, daß diese Stadtverwaltung alle Hebel in Bewegung setzt, Gesetze zu ändern, die Bodenspekulation und Mietwucher ermöglichen. Denn das ist zwar Gesetz. aber kein Recht.
SPIEGEL: Die Zweiseitigkeit hat Ihnen Kritik von allen Seiten eingetragen. Linke zeihen Sie der Komplicenschaft mit Spekulanten. Rechte -- wie Franz Josef Strauß -- werfen Ihnen vor, den Radikalismus zu fördern.
ARNDT: Ach wissen Sie, wenn ausgerechnet Strauß Arm in Arm mit Cohn-Bendit und einigen Frankfurter Jusos und einigen Frankfurter SPD-Vorstandsmitgliedern gegen mich vorgeht, dann finde ich das ein bißchen makaber. Das ist eine seltsame unheilige Allianz.
SPIEGEL: Sind Sie noch in der Lage, die Stadt nach Ihrem Gusto zu regieren?
ARNDT: Man kann nicht sagen, daß uns hier die Dinge aus der Hand geglitten sind. Es war allerdings schwierig, und es gab dabei einige böse Situationen. die, so hoffe ich, überwunden sind. Wir haben dabei den Polizeibeamten sehr, sehr viel zugemutet.
SPIEGEL: Haben Sie vielleicht auch sich selber zuviel zugemutet?
ARNDT: Mag schon sein, aber das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt kann nur noch als Berufung ausgeführt werden.
SPIEGEL: Ist Rudi Arndt nach einem Jahr schon amtsmüde -- graut Ihnen vor den kommenden fünf Jahren?
ARNDT: Ja, einerseits graust es mir davor, aber andererseits reizt mich das noch mehr. Ich lasse mich nicht vergraulen -- auch nicht von Leuten aus meiner eigenen Partei.

DER SPIEGEL 15/1973
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