09.04.1973

FRANKREICH/PROTESTEParlament Piepe

Immer wenn es Frühling wird in Paris, zittert Frankreichs Regierung vor einem neuen Mai. Einem Mai wie dem von 1968.
Am bis dahin wärmsten Tag in diesem Jahr, dem 22. März, zogen nahezu 200 000 junge Demonstranten durch die Straßen französischer Städte und sangen: "Heiß, heiß, heiß, der Frühling, der wird heiß."
Mitte vergangener Woche sank zwar das Thermometer. aber das Revolutionsfieber stieg: In Paris und in Provinzstädten wie beispielsweise Straßburg zogen -- nach offiziellen Schätzungen -- 320 000 Protestler, in Wirklichkeit wohl eine halbe Million, durch die Straßen, bauten Barrikaden aus umgestürzten Autos und Bauzäunen, schleuderten Pflastersteine und Molotow-Cocktails. Die Polizei prügelte und schoß mit Tränengasgranaten -- wie einst im historischen Mai.
Am 22. März des Revolutionsjahres 1968 hatten Anarchisten um Cohn-Bendit & Co. die Revolutions-Fackel in der Pariser Vorort-Universität von Nanterre entzündet. Auf den Tag genau fünf Jahre danach protestierten Schülertrupps gegen die sogenannte "bol Debré", ein unter Frankreichs bisherigem Verteidigungsminister verabschiedetes Gesetz, nach dem jungen Wehrpflichtigen -- mit Ausnahme von Medizin- und Pharmazie-Studenten -- künftig kein Aufschub für den Waffendienst mehr gewährt werden soll.
Schon zwei Wochen darauf freilich steigerten sie ihre Forderungen. "Der Aufschub ist uns Wurscht' wir wollen überhaupt keine Armee mehr!" riefen Gymnasiasten, Berufsschüler und Studenten. An ein Pariser Gebäude, in dem sich Rekruten versammelten, pinselten sie in Balkenlettern: "Desertiert!"
Wie einst im Mai attackierten Frankreichs Jung-Demonstranten schließlich das herrschende System und die Gesellschaft. "öffnet die Augen und schließt das (staatliche) Fernsehen!" schrieben sie auf Banderolen und: "Das Parlament ist uns Piepe ("on s'en fout"), die Straße hat die Macht!"
Erstmals seit 1968 erhielten die jungen Demonstranten Verstärkung von einer Seite, von der sie nur Hohn und Kritik gewohnt waren: Sowohl Frankreichs kommunistische und sozialistische Parteien als auch die KP-Gewerkschaft CGT und die eher noch radikalere CFDT schlossen sich den jungen Protestlern an. Die etablierten Linken fürchteten allerdings zweierlei:
>daß sie wie 1968 von den Demonstranten links überholt werden oder > daß Staatschef Pompidou nach landweiten Unruhen eine Auflösung des Parlaments verfügt -- mit anschließenden Neuwahlen.
Frankreichs Gewerkschaften wollen verhindern, daß von Studenten aufgebrachte Arbeiter wie im Mai 1968 den Arbeitervertretern ihr Handeln diktieren. Sie müssen damit rechnen, weil in vielen Streiks der letzten Zeit marxistische Kader erfolgreich die Arbeiter zum Durchhalten animiert hatten.
Einer dieser Streiks begann am 21. März in dem staatlichen Automobilwerk Renault, dem Gradmesser sozialer Spannungen in Frankreich. Angeführt von revolutionären Maoisten um den Philosophen Jean-Paul Sartre, traten 373 angelernte Arbeiter -- 90 Prozent von ihnen Gastarbeiter -- der Abteilung Karosserie-Pressen in den Streik. Sie forderten, in die unterste Kategorie der Facharbeiter (von insgesamt 30 Klassen) eingestuft zu werden.
Die stärkste Renault-Gewerkschaft, die vom Politbüromitglied der französischen KP. Georges Séguy, geführte CGT, war bereit, einige der bislang stets als "Abenteurer" eingestuften Maoisten mit in die Verhandlungskommission zu nehmen.
Zwar weigerte sich das Renault-Management, die Angelernten zu Facharbeitern zu machen (worauf die übrigen 48 000 angelernten Renault-Arbeiter mit großer Wahrscheinlichkeit den gleichen Aufstieg verlangt hätten), willigten aber in eine Gehaltsaufbesserung ein. Die CGT-Unterhändler akzeptierten, die Maoisten lehnten ab -- und mit ihnen die Mehrheit der Streikenden. Sofort schwenkten die KP-Gewerkschafter auf die Mao-Linie ein.
Ende vergangener Woche kündigten beide Gewerkschaften die Mobilmachung der gesamten Renault-Arbeiterschaft an. Das führte dazu, daß Arbeiter in der Provinz Streiks ausriefen und ihre Betriebe besetzten. Die Bereitschaft zum Arbeitskampf ist groß: 46 Prozent aller Arbeiter, so ermittelten Meinungsforscher, sind für Streiks, 41 Prozent dagegen.
Noch vorletzte Woche hatte der rundliche CGT-Boß Séguy im französischen Fernsehen die Revolutionsgefahr heruntergespielt. Am Mittwoch vergangener Woche gestand er: "Die Voraussetzungen für einen neuen Mai! Juni scheinen erfüllt zu sein."

DER SPIEGEL 15/1973
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