09.04.1973

FRANKREICH/KABINETTVor allem schweigen

Die neue Regierung ist die farbloseste der Fünften Republik. Frankreichs bedeutende Politiker hatten sich zurückgehalten -- für die Präsidentschaftswahl.
Wie heißt der?" fragte verwirrt ein Journalist. "Druon", wiederholte schüchtern ein Mitarbeiter des französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou. Auf den Stufen des Elysée-Palastes gab er die Namen der Minister in Frankreichs neuer Regierung bekannt.
Maurice Druon, 54, Schriftsteller und Mitglied der Academie francaise, ein konservativer Mann der zweiten Dichtergarde, ist neuer Kulturminister in der Regierung des wiederernannten Premiers Pierre Messmer.
Druon ist nicht einmal Abgeordneter der Nationalversammlung, auch Michel Jobert, 51, ist es nicht, Frankreichs neuer Außenminister. Der zerbrechliche und unzugängliche Rechnungshofbeamte a. D. Jobert war zuletzt Generalsekretär des Elysee-Palastes, eine Art Bürochef Pompidous.
Über Joberts Schreibtisch im Zimmer direkt neben dem Büro des Staatspräsidenten liefen alle Berichte der Pompidou-Mitarbeiter. Jobert filterte und kondensierte. Hob er den Hörer eines Spezial-Telephons ab. war er stets mit dem Chef verbunden, wo immer der sich gerade aufhielt. "Er liebt den Staat", schrieb der Pariser "Express" über Jobert, "und ihm dienen heißt für ihn vor allem schweigen."
Das gilt auch für den Außenminister Jobert: Seine Nominierung läßt erkennen, wer Frankreichs Außenpolitik allein bestimmt -- Pompidou. Und nicht nur die Politik nach außen.
Zwar wurde Wirtschafts- und Finanzminister der hochkarätige Valéry Giscard d'Estaing, laut Pompidou "einer der zwei oder drei, vielleicht vier Staatsmänner mit nationaler Berufung"; und zum Gesundheitsminister avancierte dessen Partei-Vize, der Prinz polnischer Abstammung Michel Casimir Poniatowski (den Frankreichs Karikaturisten gern als kleines rosa Schweinchen zeichnen).
Aber außer diesen beiden besteht Messmers neues Kabinett nur aus grauen Technokraten-Mäusen --- recht konservativen Zuschnitts dazu.
So wurde Händels- und Handwerksminister Jean Francois Royer, parteiloser Bürgermeister von Tours, durch Feldzüge für Manneszucht und wider die Pornographie bekannt. Der neue Verteidigungsminister Robert Galley ist den Franzosen als Postminister in Erinnerung, dem es nicht gelang, den nationalen Telephon-Wirrwarr zu meistern.
Der Andrang auf Regierungsjobs war freilich auch gering. Kein Spitzen-Politiker will sich in den nächsten -- durch Sozialprobleme schwierigen
Monaten abwetzen lassen. Erst 1976 wird es in Frankreich wieder ernst: Dann steht die Wahl zum Staatspräsidenten an; nur der, das beweist Pompidou erneut, hat wirklich Macht.
Bedeutende Politiker blieben deshalb, wie es heißt, in der "Reserve der Republik" -- so Ex-Premier Chaban-Delmas oder der bisherige Sozialminister Edgar Faure, der immerhin den "Perchoir" (Hühnerstange) genannten Sessel des Parlamentspräsidenten besetzte.
Sie alle verbindet ein Plan: Wenn Messmer und seine Mannschaft zweiter Wahl etwa 1975 zurücktreten (so die Schätzung des Regierungschefs Messmer), möchten sie Premier werden.
Dieser Posten aber, das führte Pompidou vor vier Jahren vor, ist das beste Sprungbrett für den Einzug in den Elysee-Palast, als Präsident.

DER SPIEGEL 15/1973
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