09.04.1973

USAStur wie Ochsen

Amerikas Verbraucher zwangen ihre Regierung durch Käuferstreik zu einem Preisstopp für Fleisch.
Im Washingtoner Steak-House "Golden Ox" -- das dem Rinderschlachthof von Kansas City gehört priesen die Kellner den Schlager der Woche an: Heilbutt-Filet.
Auf den Großbaustellen in Manhattan kauten Bauarbeiter lustlos an Rührei-Sandwichs und Käsestullen. Wurstmaxe Nick Delaveridis trauerte: "Keiner kauft was."
In den Lebensmittel-Supermärkten der Westküste dirigierten die Manager ihre Fleischer an die Fischstände. In Dakota City, Nebraska, Fort Dodge, Minnesota und vielen anderen Orten der etwa 200 Meilen breiten Fleisch-Fabrik-Zone des amerikanischen Mittelwestens schlossen die Schlachthäuser.
Vorige Woche meldete die Fleischpackergewerkschaft in Chicago 5000 Entlassungen. "Wenn das so weitergeht, sind eine Menge von uns fertig", klagte Metzger John Ehrlich in New York -- hinter unverkauften Fleischbergen.
Vier von fünf amerikanischen Hausfrauen mieden in der letzten Woche in einer Protestaktion gegen die steigenden Lebensmittelpreise die Fleischerläden.
"Wie eine Guerilla-Armee~ ("Baltimore Sun") tauchten Millionen biedere Ladies plötzlich an der Preisfront auf. Sie standen als Streikwachen vor Supermärkten, verteilten Flugblätter, sammelten sich zu Protestmärschen und skandierten Sprechchöre, Washingtons Politiker beeilten sich, Hochachtung zu formulieren: "Amerikas Hausfrauen sind verdammt smart", lobte Finanzminister George Shultz.
Einzelhändler und Kaufhausketten meldeten einen Verkaufsrückgang an Fleisch um ungefähr 70 Prozent. Einzelne Supermärkte senkten ihre Preise bis zu 40 Prozent. Doch die Bauern verschlossen die Gatter ihrer Weiden und Ställe, die Supermärkte verzichteten auf ihre Einkäufe. "Die Fleischpreise bleiben stur wie Ochsen", meldete die "New York News.
Mehr als eine emotionsgeladene Geste gegen die Inflation auf dem Verbrauchermarkt konnte der Boykott freilich nicht sein. Denn Amerikas Hausfrauen demonstrierten nicht zuletzt auch gegen sich selbst -- mit steigendem Wohlstand hatten sie ungeachtet kletternder Preise ihren Familien immer größere Fleischportionen vorgesetzt und damit den Preisboom verstärkt.
Der Preis für ein Pfund Top-Sirloin-Steak stieg innerhalb eines Jahres von 1,31 auf 2,39 Dollar. Dennoch verspeiste jeder Amerikaner 1972 annähernd 95 Kilo Fleisch. "Während zwei Drittel aller Menschen beten, daß sie am nächsten Tag genug zu essen haben", hielt Landwirtschaftsminister Butz seinen Leuten vor, "gehen zwei Drittel aller Amerikaner mit dem Gebet zu Bett: Herr, gib mir die Kraft, daß ich morgen meine Schlankheitskur durchhalte."
Solche Sprüche konnten die Verbraucher nicht davon ablenken, daß die
* In Trenlon (New Jersey)
Inflations-Kontrolle der Nixon-Regierung versagt hat. Um 7,8 Prozent stiegen allein im März die Preise für Fleisch, Geflügel und Fisch.
Solange nur die Armen und die Alten, die Kinderreichen und die Wohlfahrtsempfänger über die Preise klagten, beschränkte sich die Nixon-Regierung auf Ratschläge für Fisch- und Käsemahlzeiten. Als jedoch im letzten Monat die Protestwelle aus den Großstadt-Gettos in die Mittelstands-Vororte überschwappte, als -- nach Steigerungen der Lebensmittelpreise um 2,4 Prozent im Januar und Februar -- die Gewerkschaften höhere Lohnforderungen ankündigten, verfing nicht mehr der Optimismus des Weißen Hauses, das auf Preissenkungen Ende des Jahres vertröstete.
Noch am 20. März hatte Landwirtschaftsminister Butz jeden einen "verdammten Narren' geschimpft, der eine Preisgrenze auf dem Fleischmarkt festsetzen wolle. Präsident Nixon warnte vor düsteren Folgen: Schwarzmarkt, verstärkte Preissteigerung, Nahrungsmittelmangel.
Am Donnerstag vorletzter Woche waren diese Bedenken plötzlich verschwunden. Nixon legte eine Preisgrenze fest. Er fixierte die Preise an ihrem höchsten Punkt seit 22 Jahren und hoffte auf ein Rückfluten der Preislawine unter dem Boykott-Druck.
Aber er verschonte die Bauern, die 43 Cent jedes Dollars kassierten, da die Amerikaner 1972 mehr für Lebensmittel ausgeben mußten als 1971.
Im Wahljahr 1972 durch Subventionen gehätschelt und künstlich in ihrer Produktion gebremst, um höhere Preise zu erzielen, verdienten die 9,5 Millionen Amerikaner, die von der Landwirtschaft leben, 1972 netto 19,2 Milliarden Dollar -- eine Steigerung ihres Einkommens gegenüber dem Vorjahr um 19 Prozent.
Der Präsident fürchtete, daß sie ihre Schlachtvieh-Produktion drosseln und damit einen weiteren Preisdruck auslösen könnten. Denn in dem Bemühen, das Außenhandelsdefizit der USA zu verringern und die gerade geschlossenen Freundschaften mit Moskau und Peking zu vertiefen, hatte Washington den kommunistischen Ländern riesige Mengen Weizen und Futtergetreide verkauft. Die Folge: Aus Mangel an Reserven schossen die Preise für Viehfutter in den USA rapide in die Höhe. Für eine Tonne Sojabohnenmehl zahlten die Bauern statt 80 jetzt plötzlich 230 Dollar.
Die Aussicht auf eine generelle Preissenkung betrachteten US-Wirtschaftsexperten als gering. Der demokratische Senator Hubert Humphrey veröffentlichte in der vorigen Woche eine Analyse, in der für dieses Jahr eine zehnprozentige Preissteigerung für Lebensmittel vorausgesagt wird.
Der Hausfrauen-Boykott beschleunigte diese Entwicklung eher, als daß er sie bremste. Denn mit ihrer fleischlosen Woche trieben die Verbraucher die Preise für andere Nahrungsmittel in die Höhe: Auf den Fischmärkten von Philadelphia stiegen die Großhandelspreise für Flunderfilet von 50 Cent auf zwei Dollar. Kartoffeln sind schon in den letzten zwölf Monaten um 33 Prozent teurer geworden.
In Chicago und Philadelphia kletterten auch die Preise für Pferdefleisch. Gourmetläden in New York verzeichneten Preissteigerungen für Nilpferd-, Lama-, Wal- und Rentier-Steaks. Elefantenkoteletts waren ausverkauft.
Ein Sprecher des Zoos in Philadelphia aber witzelte: "Erklären Sie mal Löwen und Tigern, daß sie kein Fleisch mehr kriegen."

DER SPIEGEL 15/1973
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