09.04.1973

WAFFENSCHMUGGELEiner entkam

Als der 290-Tonner „Claudia“ des deutschen Waffenhändlers Leinhäuser am 28. März mit einer Ladung Waffen für die IRA aufgebracht wurde, war der wichtigste Fahrgast nicht mehr als Bord: IRA-Chef O'Connell.
Hans-Ludwig Flügel, Kapitän des Waffensehmuggelschiffes "Claudia", war noch eine Woche nach Aufbringung seines Schiffes vor der irischen Küste fassungslos: "Ich habe ihnen das auf dem Radar gezeigt: Guck. da, da, da und da. Wir waren von vier unbeleuchteten Schiffen umstellt. Das war ganz klar. Aber die IRA-Leute hatten die Dinger gar nicht auf der Rechnung. Die sagten nur, fahr rein!"
Flügel fuhr. Unter vollem Dampf steuerte der Wedeler Seemann die "Claudia" mit Waffen für die IRA und drei führenden IRA-Offizieren an Bord in die Drei-Meilen-Zone der irischen Hoheitsgewässer.
Kaum hatte das Schiff die unsichtbare Grenze überfahren, gingen rundum die Lichter an, die Falle schnappte zu. Die vier Schiffe, die Flügel auf dem Radargerät eindeutig identifiziert hatte, stellten die "Claudia" und verhafteten Fahrgast Joe Cahill vom IRA-Armeerat.
Doch in die erste Siegesstimmung der irischen Marine mischte sich schon am nächsten Tag Zweifel: Nur fünf Tonnen Waffen und Sprengstoff wurden an Bord der "Claudia" gefunden -- obschon sie das 60fache hätte laden können.
Und während die überraschend schnell freigegebene "Claudia" in Richtung Hamburg schipperte, suchten irische Froschmänner und Taucher nach dem, was nach allen Vermutungen über Bord gegangen sein mußte: dem größeren Teil der Fracht.
Die Taucher fanden nichts, weil sie nichts finden konnten. Die "Claudia" hatte tatsächlich an Waffen nur geladen, was von der irischen Marine sichergestellt wurde.
Dennoch war etwas über Bord gegangen, was die Iren nicht weniger interessiert hätte: David O'Connell, Oberbefehlshaber der IRA' hatte die gesamte Reise vom libyschen Tripolis nach Irland mitgemacht und war erst eine knappe halbe Stunde vor Aufbringung des Schiffes samt einem Koffer mit Geheimpapieren von Bord gegangen -- als nämlich eine Barkasse mit fünf IRA-Männern bei der "Claudia" längs-
* Vergangene Woche im Hamburger Hafen.
seits gegangen war. Zwei dieser IRA-Soldaten blieben auf der "Claudia", die drei anderen steuerten mit David O'Connell direkt die nahegelegene Küste an.
Kapitän Flügel zum SPIEGEL: "Als das Prisenkommando der irischen Marine an Bord kam, schaute ich noch einmal ins Radargerät. Ich sah, daß die Barkasse von einem anderen Objekt eingeholt worden war -- aber das muß nur ein paar Meter vor der Küste gewesen sein." Tatsächlich wurden an Bord der Barkasse drei Männer verhaftet. David O'Connell war nicht darunter.
Das "unverschämte Glück" (Flügel über O'Connell) war dem IRA-Oberbefehlshaber in den Wochen zuvor allerdings weniger zuteil geworden. "Die ganze Reise", so erinnert sich "Claudia"-Besitzer und Großwaffenhändler Günther Leinhäuser, "war eine Kette von geradezu unglaublichen Fehlern. Amateurhafter geht es nicht."
Es begann profihaft: insgesamt dreimal traf sich Leinhäuser zwischen Ende Januar und Mitte Februar mit David O'Connell in einem Hotel in der Schweiz. "Er wollte, daß ich Waffen aus Tripolis nach Irland transportiere. Ich habe darauf aber reklamiert und gesagt, Herrschaften, ich bin nicht euer Transporteur. Ich bin ja kein Fuhrunternehmer, sondern Waffenhändler."
Doch Leinhäuser ließ sich breitschlagen -- gegen bar: Als David O'Connell zur letzten Unterredung einen in englischen Noten gebündelten Vorschuß in Höhe von 11 000 Pfund Sterling mitbrachte, wurde man handelseinig. Leinhäuser: "Ich erhielt später noch einmal 8000 Pfund Sterling. Nach erfolgreichem Abschluß wären noch einmal 15 000 Pfund Sterling fällig gewesen.
Da die "Claudia" gerade vor Italien in internationalen Gewässern lag, um Zigaretten in Schmuggelboote zu laden, verabredeten sich David O'Connell und Leinhäuser auf den 4. März in Tunis. um dort auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Pünktlich traf David O'Connell im 24-Stockwerk-Hotel "Africa" an der "Avenue Bourguiba" ein, begleitet von einem Adjutanten. Für zwei Tage stieg auch Leinhäuser im "Africa" ab.
"Und dann", so Leinhäuser, "begannen die Fehler." Wegen schlechten Wetters konnte die "Claudia" ihre Ware auf hoher See nicht übergeben und kreuzte erfolglos im Mittelmeer. Leinhäuser: "Nun saßen wir da alle drei und warteten mit stetig sich verschlechternder Arbeitsmoral."
Doch wie der SPIEGEL aus Tunis erfuhr, verschlechterte sich nicht nur die Arbeitsmoral der IRA-Männer -- die guten irischen Sitten blieben auf der Strecke. Nacht für Nacht gingen O'Connell und sein Begleiter in den "Sandwich-Club", eine feudale Bar in der Nähe des Hotels. Einige Tage nach ihrer Abreise erschienen zwei verlassene Mädchen im Hotel und fragten nach ihren "irischen Freunden".
"Leichenblaß kamen die beiden Iren zu mir und sagten: Wir werden beschattet, kein Zweifel möglich", so Leinhäuser. Noch am selben Tag, dem 10. März, flog David O'Connell nach Rom und von dort nach Tripolis. Sein Adjutant blieb in der tunesischen Hauptstadt. bis die "Claudia" am 12. endlich einlief und am 13. den Hafen in Richtung Tripolis verlassen hatte.
Pünktlich um 11 Uhr zwei Tage später, am 15. März. wurde die "Eilaudia" zwei Seemeilen vor dem Seehafen Tripolis von einem libyschen Schutzboot in Empfang genommen. Ein Lotse (Flügel: "Der Kerl war stockbesoffen und wurde nachher von einem Offizier zur Sau gemacht") manövrierte das Schiff an einen Liegeplatz der libyschen Marine. Unter Aufsicht eines Korvettenkapitäns verfrachteten Matrosen der libyschen Kriegsmarine die Waffenladung aus Armeelastwagen ins Schiff.
Nach Beendigung dieser Arbeit, gegen 20 Uhr. fuhr eine weiße Limousine auf den Kai. Kapitän Flügel traute seinen Augen kaum: "Der Fahrer, ein Soldat in Uniform, lief um den Wagen herum, riß die Tür auf und salutierte." Zwei Herren entstiegen dem Auto und betraten das Boot: Joe Cahill und David O'Connell. Unmittelbar darauf lief die "Claudia" aus. Am 21. März passierte das Schiff Gibraltar.
"Dennis", wie sich David O'Connell bis zum Schluß anreden ließ, und Joe Cahill, der dem Kapitän auf der Höhe von Brest stolz seinen Paß zeigte, "genossen die deutsche Küche an Bord" (so Kapitänsbruder Jürgen Flügel, Steuermann und Koch der "Claudia") -- und sie arbeiteten hart. Tag für Tag bündelten Cahill und O'Connell Gewehre und andere Waffen zu handlichen Paketen und verpackten sie sorgfältig.
"Sie hatten zum Schluß beide ein steifes Kreuz", meint mitfühlend Kapitän Flügel. Und: "Nun ist der ganze Schweiß umsonst geflossen."

DER SPIEGEL 15/1973
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