09.04.1973

„Es ist alles Bluff, Schwindel, Täuschung“

Sein Horoskop wurde sich Saigon-Präsident Nguyen Van Thieu am liebsten selbst stellen. Denn die Zukunft seines Halb-Staates ist, nach dem Abzug der letzten US-Soldaten, so ungewiß wie selten zuvor. In einem Interview mit dem französischen Journalisten Olivier Todd gibt sich Thieu gleichwohl optimistisch. Bei seinem USA-Besuch in der vergangenen Woche stellte ihm Richard Nixon für den Notfall erneute Bomber-Hilfe in Aussicht.
FRAGE: Herr Präsident, ist Amerika Ihrer Meinung nach bereit, die Bombenangriffe auf Süd- und Nordvietnam notfalls wiederaufzunehmen?
THIEU: Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber wir haben die Zusicherung, daß die Vereinigten Staaten im Fall eines ernsthaften Bruchs des Waffenstillstands eingreifen werden.
FRAGE: Was ist ein ernster Bruch? THIEU: Das zu beurteilen ist unsere Sache. Darüber entscheiden müssen die Vereinigten Staaten. Aber sagen wir: etwas, das unsere Verteidigungsmöglichkeiten übersteigen würde.
FRAGE: Einige Beobachter hier behaupten, daß Ihre Truppen ständig den Waffenstillstand verletzen -- weit öfter als Ihre Gegner. Sobald Sie eine Fahne der Nationalen Befreiungsfront (NLF) über einem Dorf erblicken, setzen Sie ihre Bomber ein. Warum?
THIEU: Das stimmt nicht. Wir erlauben die kommunistische Fahne nicht in den von uns kontrollierten Dörfern. Die Dörfer in den NLF-Gebieten aber haben wir nie bombardiert.
FRAGE: Aber Sie bombardieren doch Gebiete, die in den Händen der Befreiungsfront sind.
THIEU: Das sind Verleumdungen. Unsere Truppen sind in unseren Gebieten geblieben.
* "Le Nouvel Observateur", Paris.
FRAGE: Selbst nach der Feuereinstellung haben Sie Terrain gewonnen ...
THIEU: Nein, die Kommunisten haben Dörfer an den Nationalstraßen erobert.
FRAGE: Sie haben in einer Fernsehansprache erklärt, daß man auf einen Kommunisten schießen müsse, sobald man ihn erblicke ...
THIEU: Ja, wenn die Kommunisten infiltrieren und kidnappen. Aber, offen gesagt, wenn wir sie alle töteten, hätten wir keine 200 000 Überläufer.
FRAGE: Die Provisorische Revolutionsregierung beschuldigt Sie, die politischen Häftlinge als gemeine Kriminelle zu behandeln. Wie viele solcher Häftlinge gibt es in Südvietnam?
THIEU: Ich kann Ihnen keine genaue Zahl nennen, aber ich kann Ihnen versichern, daß es bei uns keine politischen Häftlinge gibt. Wir haben nur kommunistische Agenten, Spione und Leute, die Minen gelegt und Granaten geworfen haben.
FRAGE: Bestreiten Sie, daß es Ausschreitungen gegeben hat, daß in Ihren Gefängnissen gefoltert wurde?
THIEU: Das gibt es überall. Aber das ist nicht unsere Politik.
FRAGE: Warum dürfen sich die Vertreter der Demokratischen Republik Vietnam und der Provisorischen Revolutionsregierung, die auf dem Flughafen Tan Son Nhut hinter verschlossenen Türen sitzen, nicht frei in Saigon und Südvietnam bewegen?
THIEU: Die sind da, um eine bestimmte Arbeit zu leisten -- nicht um Propaganda zu betreiben. Sie haben keinen Anspruch auf Bewegungsfreiheit. Und dann, offen gestanden, geschieht es auch zu ihrer Sicherheit. Kommunistische Offiziere würden auf dem Saigoner Markt augenblicklich umgebracht werden.
FRAGE: Können Sie ernsthaft behaupten, daß alle Waffenstillstandsverletzungen den Kommunisten anzulasten sind?
THIEU: Alle, ausnahmslos alle. FRAGE: Es gibt also keinen einzigen südvietnamesischen General, keinen einzigen Befehlshaber, der sein Territorium vergrößern möchte.
THIEU: Nein. Wir kontrollieren fast das ganze Land -- mit Ausnahme des verlorenen Berg- und Hochlands.
FRAGE: Es heißt oft, "Thieu ist an einer Fortsetzung des militärischen Kampfes interessiert, weil er für den politischen Kampf nicht bereit ist.
THIEU: Ich bin bereit. Wenn heute abend Wahlen stattfänden, würden wir sie, offen gesagt, mit 96, 97 oder gar 99 Prozent gewinnen.
FRAGE: Sie haben einmal erklärt, daß Sie bereit wären, einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen zurückzutreten.
THIEU: Ja, das habe ich damals gesagt. Jetzt treten wir in eine neue Ära ein. Wir müssen wieder bei Null anfangen. Doch ich bin zu jedem Opfer bereit, das mein Volk von mir fordert.
FRAGE: Auch ins Exil zu gehen?
THIEU: Warum soll das Volk das Recht haben, mich ins Exil zu schicken? Kein Politiker geht freiwillig ins Exil.
FRAGE: Rechnen Sie mit einer neuen Offensive der Kommunisten?
THIEU: Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen müssen wir auf der Hut sein. In einigen Monaten werden die Kommunisten gewiß etwas unternehmen -- eine neue große Offensive. Warum hätten sie sonst so viele Truppen ins Land gebracht?
FRAGE: Könnte die südvietnamesische Armee ohne amerikanische Luftunterstützung einer Offensive wie der Tet-Offensive 1968 oder der vom April 1972 standhalten?
THIEU: Das hängt von ihrem Ausmaß ab.
FRAGE: Es heißt, Präsident Nixon werde in Vietnam keine Bodentruppen mehr einsetzen.
THIEU: Ich werde nie wieder amerikanische Bodentruppen ins land bitten. Die vietnamesischen Truppen sind stark genug, wie etwa die Schlacht von Quang In gezeigt hat. Wir brauchen aber noch die strategische und taktische Unterstützung der amerikanischen Luftwaffe. Wenn eine Offensive der Nordvietnamesen unsere Kräfte übersteigt. haben die USA ihre Verpflichtungen. Sie könnten sogar aus eigenem Ermessen eingreifen, bevor die Südvietnamesen sie darum bitten.
FRAGE: In welchem Maße werden zerstörtes Kriegsmaterial und verbrauchte Munition seit der Feuereinstellung von den Amerikanern ersetzt? Sind die Lieferungen an Sie kontingentiert, um Ihre Truppen zur Zurückhaltung zu zwingen?
THIEU: Wir sind verpflichtet, mit unserer Munition sparsam umzugehen. Ich habe meine Generäle angewiesen, nicht blindlings draufloszuschießen.
FRAGE: Würden Sie nicht einräumen, daß man im Norden methodischer versucht, soziale Gerechtigkeit walten zu lassen als hier? Ein anekdotenhaftes, aber bezeichnendes Beispiel: In Hanoi habe ich einen Bettler gesehen, einen einzigen. In Saigon dagegen sehe ich sie täglich -- überall.
THIEU: Weil die anderen Bettler sich in Hanoi nicht frei bewegen dürfen. Niemand ist dort frei, angefangen bei den Politikern bis zu den Bettlern.
FRAGE: Würden Sie nicht zugeben. daß dort versucht wird, eine gewisse Gesellschaftsform aufzubauen?
THIEU: Nach 18 Jahren Krieg sind sie dazu nicht in der Lage. Sie sind jetzt 30 Jahre im Rückstand. Es ist alles nur Bluff, Schwindel, Täuschung. Nur die Naiven aber lassen sich täuschen. Diktatur, Willkür, Greuel und Mord sind von einem kommunistischen Regime nicht zu trennen.
FRAGE: Wie beurteilen Sie als Soldat die Strategie des nordvietnamesischen Verteidigungsministers Giap?
THIEU: Er will sich zum Napoleon Vietnams aufwerfen. In Wahrheit aber ist er eher ein veralteter Professor.
FRAGE: Herr Präsident, es heißt, Sie seien abergläubisch. Ich habe sogar gehört, daß Sie, obwohl Sie Katholik sind, Astrologen konsultieren. THIEU: Nein, Horoskopsteller.
FRAGE: Ist Ihr Horoskop für die kommenden Monate gut, mittelmäßig oder schlecht?
THIEU: Das ist alles relativ. Darum würde ich mir mein Horoskop lieber selbst stellen. Doch momentan habe ich keine Zeit dafür.

DER SPIEGEL 15/1973
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