09.04.1973

BELGIENAngst vor Rex

Ein Fernsehfilm über den Altfaschisten und in Abwesenheit zum Tod verurteilten Kriegsverbrecher Léon Degrelle schockte Belgiens Regierung -- denn Degrelle will zurückkommen.
Am Schlüssel zur Wohnung in der Madrider Joaquin Garcia Morato 37 pendelt ein deutsches Ritterkreuz. Im Inneren hängen niederländische Meister, stehen antike Plastiken, liegen persische Teppiche -- geschätzter Wert der Innendekoration: zehn Millionen
* 1944 bei der Rückkehr der Wallonischen Legion von der Ostfront.
Mark. Ein Raum hängt voller Kriegsfahnen, Inschriften in französischer Sprache. in der Mitte eine große Karte von Rußland.
Ein Sprecher der holländischen Fernsehgesellschaft Avro, deren Bilder am 12. März auch in weiten Teilen Belgiens gesehen wurden, stellt den Herrn des privaten Kunst- und Kriegsmuseums vor: Léon Degrelle, 66, ehemaliger belgischer Faschistenführer und Standartenführer der Waffen-SS.
Die Fernsehzuschauer erlebten einen auch nach 28jährigem Exil in Spanien ungebrochenen Braunen. Gestenreich und wortgewaltig versicherte er dem Reporter: "Ich bin Rassist. Ich bin auch noch immer Faschist." Er wolle auch noch mal Faschisten führen, "diesmal auf europäischer Ebene.
Die Stimme aus der Vergangenheit verstörte Belgiens Demokraten. Eilig bat Edmond Leburton. sozialistischer Chef der neuen Brüsseler Regierung, seinen Außenminister Renaat van Elslande, Protestnoten nach Madrid und Den Haag zu formulieren. Gleichzeitig wies Leburton (Parlamentsspitzname: "Der große weiße Chef") den französisch-sprachigen Fernsehsender RTB an, eine geplante Übernahme der Degrelle-Sendung abzusetzen.
In Den Haag ersuchte die belgische Botschaft die -- niederländische Regierung um Herausgabe auch der nicht ausgestrahlten Filmstreifen des Degrelle-Interviews -- vergebens. Die Emissäre aus Brüssel mußten sich vom hoi ländischen Nachbarn belehren lassen: "In den Niederlanden ist das Fernsehen von der Regierung unabhängig.
Leburtons Späher interessierte vor allem eine Bestätigung der von Degrelles Vertrauten in Umlauf gesetzten Gerüchte, der einstige Chef der "Wallonischen Legion" wolle im Dezember kommenden Jahres -- dann läuft seine Verjährungsfrist ab -- nach Belgien zurückkehren und sich rechtfertigen. Degrelle Anfang März in Spanien: "Ich will einen öffentlichen Prozeß."
Genau das aber will die belgische Regierung vermeiden. Denn wie kaum ein anderer verkörpert der einstige Quisling den Bruderzwist der Belgier zur Zeit der deutschen Besatzung. Degrelle selbst meint: "Ich weiß zuviel."
Fraglos verfügt der ehemalige Philosophiestudent der Universität Loewen über eine intime Kenntnis der politischen Verhältnisse im belgischen Königreich vor und während des Krieges. 1936 verließ er die Katholische Partei und widmete sich der faschistischen Sammlungsbewegung Rex. die er sechs Jahre zuvor gegründet hatte. Mit dem Schlagwort "gegen Bankster und Parteienkorruption" gewann seine Rex-Partei 1936 knapp 11,4 Prozent aller Stimmen und zog mit 21 Abgeordneten in die Kammer ein -- drei Jahre später schrumpfte die Fraktion freilich auf viel Getreue.
Den abgewirtschafteten Faschisten holten die 1940 einmarschierten Deutschen aus einem französischen Internierungslager. Da die deutsche Militärverwaltung vor allem die Autonomiebestrebungen der Flamen unterstützte, sich von den Frankreich zugeneigten Wallonen aber wenig erhoffte, empfahl sich Degrelle den Besatzern auf eigene Art: "Die Deutschen verstehen nur, wenn man militärisch etwas leistet."
Aus Rexisten formierte er eine "Wallonische Legion", mit der er im Oktober 1941 in die Ukraine, später in den Kaukasus zog. Die blutigen Einsätze "einer Ostreiter gewannen Degrelle den Respekt der Deutschen. Hitler. für den Belgier heute noch "der größte Staatsmann seiner Zeit", soll einmal gesagt haben: "Wenn ich einen Sohn hätte' wünschte ich ihn mir so wie Degrelle." Den Ausbruch aus dem Kessel von Tscherkassy nutzte Degrelle 1944 zur großen Propagandaschau. "Über 100 000 Belgier" -- so der französische Text der damaligen Wochenschau -bejubelten die Rückkehr der dezimierten Legionäre nach Brüssel. Ober 25 000 beklatschten im Brüsseler Sportpalast eine programmatische Rede des Rexisten-Führers.
Zwei Jahre später verurteilte ein Militärgericht den Verräter im befreiten Belgien unter anderem wegen "Organisation von Banden im Dienste des Feindes" in Abwesenheit zum Tode. Degrelle hatte sieh noch rechtzeitig nach Spanien abgesetzt -- nach seinen Angaben in der Sondermaschine von Hitlers Rüstungsminister Speer. Doch die Heinkel He-111 stürzte nach abenteuerlichen Manövern wegen Benzinmangels beim spanischen San Sebastian ab. Degrelle heute: "Der Absturz hat mir das Leben gerettet. Unverletzt hätten mich die Spanier sofort nach Frankreich abgeschoben."
So durfte er bleiben. Als Belgien die Auslieferung des Kriegsverbrechers ver- langte, reagierte Madrid nicht. Freunde aus der Falange sorgten für den Flüchtling, in dessen Heimat unterdessen rund 57 000 Menschen wegen Zusammenarbeit mit den Deutschen verurteilt. 262 als Kollaborateure hingerichtet wurden.
Immer wieder griff Degrelle von Spanien aus, wo er als Grundstücksmakler sein Geld machte, in die Debatte über die Kollaboration der Belgier mit den Deutschen ein. Dem belgischen Journalisten Wim Dannau diktierte er: "König Leopold III: war der schlimmste Verräter."
Brüssel verlängerte angesichts dieser Provokationen die Verjährungsfrist für den Kriegsverbrecher uni weitere zehn Jahre. Spanien, das auf eine Annäherung an die EWG hofft, sicherte Brüssel zu, den redefreudigen Alt-Rexisten unter Kuratel zu nehmen. Doch Degrelle schwadronierte weiter.
Im November 1969 verheiratete Degrelle in Anwesenheit des Fabiola-Bruders Don Jaime und namhafter Falangisten seine jüngste Tochter Marie-Christine. Hochzeitsphotos zeigen Degrelle in Zivil mit Ritterkreuz. Trauzeuge: Exilgenosse und Mussolini-Befreier Otto Skorzeny.
Die Franco-Regierung verbannte daraufhin den unbequemen Gesinnungsgenossen aus der Öffentlichkeit. Degrelle versteckte sich in einem Dominikanerkloster. 1972 spürte ihn der Reporter Dannau doch in Madrid auf. Degrelle sprach auf Rand: "Ich will der belgischen Öffentlichkeit die Wahrheit über die Kollaboration sagen."
Erneut belegte ihn die spanische Regierung mit Sprechverbot. Aber am 9. März dieses Jahres vertraute er Dannau an: "Ich komme zurück, aber nicht so, daß Belgien mich als unerwünschten Ausländer abschieben kann."

DER SPIEGEL 15/1973
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