09.04.1973

Von 30 Häftlingen überlebten sieben

Unter Eid berichteten 37 Zeugen aus den portugiesischen Afrika-Kolonien Angola und Mocambique einer Expertengruppe der Uno-Menschenrechtskommission über Folterungen, Morde und Rachefeldzuge der Kolonialherren. Der jetzt in Genf veröffentlichten Dokumentation sind folgende Auszüge entnommen:
Der Zeuge Jose Adao Gomes erklärt, daß er am 22. April 1970 von 22 portugiesischen Soldaten in Kizele, Angola, gefangengenommen wurde; er trug Uniform und Waffen einer der Befreiungsbewegungen. Nachdem er ins Gefängnis gebracht und dort oftmals verhört und geschlagen worden war, führte man ihn einem Offizier des portugiesischen Armeepostens von Santa Eulalia vor, der ihn abermals verhörte und prügeln ließ. Der Zeuge sagt, daß man ihn dann fesselte, einen Rucksack auf seinen Rücken schnallte und ihn an Bord eines Hubschraubers brachte.
Als der Hubschrauber etwa 15 Meter über dem Erdboden war, wurde der Zeuge nach seinen eigenen Angaben von einem Unterleutnant aus dem Flugzeug geworfen. Der Zeuge landete im Busch; er mußte sich erbrechen, aus Mund. Nase und Augen schoß das Blut. Der Helikopter kehrte zurück, und als die Portugiesen merkten, daß ihr Gefangener noch nicht tot war, schleiften sie ihn an einem Seil etwa zehn Meter weit mit. Schließlich brachten sie ihn wieder ins Gefängnis zurück, wo er bewußtlos wurde.
Der Zeuge Yata Nsamba. früher Mitglied einer Spezialabteilung für Schwarze in der portugiesischen Armee (Grupo Especial), berichtet, wie die Portugiesen am 24. Dezember 1971 alle Bewohner des Wehrdorfs Kameya im Distrikt von Mexico, Angola, zusammenriefen und sie fragten, was sie sich zu Weihnachten wünschten. Die Häuptlinge Mayengu, Kapapelo, Kameya und Muzaza baten darum, auf die Jagd gehen zu dürfen, um frisches Fleisch zu besorgen. Wie Herr Nsamba berichtet. erschossen die Portugiesen daraufhin die Häuptlinge vor den versammelten Dorfbewohnern, zerlegten ihre Leichname und kochten sie.
Am 25. Dezember 1971 riefen die Soldaten abermals alle Dörfler einschließlich des Zeugen zusammen und zwangen sie mit vorgehaltenem Gewehr, von dem Fleisch der Häuptlinge zu essen. Herr Nsamba versicherte den Mitgliedern unserer Arbeitsgruppe, daß er diese Vorgänge nicht nur als Zeuge miterlebt. sondern daß er selbst auch von dem Fleisch gegessen habe.
In einer schriftlichen Aussage erklärt der Zeuge Alexandre Franco Nkhalamba Thawe, ein Lehrer in der Anglikanischen Mission von Messumba (Niassa, Mocambique), daß vom Gefängnis Mabalane aus -- das zugleich ein Zwangsarbeitslager war
die Häftlinge manchmal längere Fahrten zu ihrem Arbeitseinsatz antreten mußten. Wenn die Reise per Zug ging, wurden die Gefangenen in Viehwaggons eingeschlossen. Wenn sie mit dem Schiff fahren mußten, wurden sie wie Säcke in den Laderaum geworfen. Einige Häftlinge fanden dabei den Tod, andere wurden zu Krüppeln.
Herr Thawe berichtet weiter, daß besonders die Häftlinge des Konzentrationslagers von Ibo -- zumeist gefangene Guerrilleros -- bis zum Skelett abgemagert waren; einige hatten geschwollene Gliedmaßen oder litten an Anämie. Sie blieben den ganzen Tag über eingeschlossen. Jeden Morgen aber mußten sie sich nackt in einer Reihe aufstellen und ein Bad im Meer nehmen; dabei hatten sie ihre Abortkübel zu reinigen. Auf dem Hin- und Rückweg mußten die Gefangenen jedesmal zwei Reihen von Soldaten passieren, die mit Knüppeln und Peitschen auf sie einschlugen. Nach dem Bad mußten die Häftlinge das Salzwasser aus den Abortkübeln trinken.
Der Zeuge José Ngolombe sagt aus, daß er im Januar 1971 in das Gefängnis von Machava, Mocambique, eingeliefert und zunächst mit einer Gruppe von 30 Häftlingen in einem neuen Gebäudeblock untergebracht wurde. Man erklärte ihnen, daß sie das Gefängnis nie wieder verlassen würden, wenn sie fortan die
Befreiungsbewegung Frelimo erwähnten. Die 30 hielten sich aber nicht daran und kamen deshalb in Einzelhaft. Es war mitten in der kalten Jahreszeit, und die Gefangenen waren völlig nackt. Bevor sie sich abends auf den Fußboden zum Schlafen niederlegen durften, wurde jedesmal Wasser in die Zellen geschüttet. Nach Angaben des Zeugen überlebten von den 30 Häftlingen, die mit ihm in diesen Block eingeliefert worden waren, nur sieben.
Der Zeuge Corneliu Conforme Chauque sagt aus, daß nach einer
Minenexplosion am 3. April 1972, bei der ein Armeefahrzeug auf dem Weg von Moatize nach Zobwe (Mocambique) beschädigt worden war, portugiesische Soldaten in das Dorf Mbola eindrangen und die Bewohner fragten, ob sie die Explosion gehört hätten. Als die Antwort negativ ausfiel, griffen sich die Soldaten. diesem Bericht zufolge, die schwangeren Frauen des Dorfes und ermordeten drei von ihnen, indem sie ihnen mit ihren Bajonetten den Leib aufschlitzten und die Fötusse herauszerrten. Andere Frauen ermordeten sie durch Bajonettstiche oder durch Schläge auf den Kopf, weil, so sagten sie, "die Aufständischen nie ausgerottet werden, wenn wir die Schwangeren am Leben lassen".

DER SPIEGEL 15/1973
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