09.04.1973

KANADADeutscher Ring

Westdeutsche Grundstückskäufer haben neues, wohlfeiles Terrain entdeckt -- Kanadas Wälder, Farmen, City-Grundstücke. Einer der größten Immobilienbesitzer ist der Gewerkschafts-Konzern „Neue Heimat“.
Nationalbewußte Kanadier wittern einen Teutonen-Sturm. "Die deutsche Mark überrollt Kanada -- sie fängt an, die US-Dollarinvasion nach dem Krieg in den Schatten zu stellen", schlug das kanadische Tageblatt "Edmonton Journal" Alarm.
"Deutsche Immobilien Hamster schnappen unseren kanadischen Investoren die besten Objekte vor der Nase weg", empörte sich die Montrealer Wirtschaftszeitung "Financial Times of Canada".
Seit etwa sechs Monaten mehren sich derlei kanadische Kassandrarufe gegen bundesdeutsche Kapitalisten. Denn mit Investitionen in Höhe von 633 Millionen kanadischen Dollar (1,8 Milliarden Mark) seit Anfang August vergangenen Jahres übertreffen westdeutsche Immobilienkäufer in Kanada selbst die Anlagefreudigkeit
US-amerikanischer Investoren, die vordem die meisten Parzellen in Kanadas Metropolen und Wildnis erwarben. Die Immobilienjäger aus Übersee kaufen Farmen und Fabriken, Wohnhäuser und Geschäftsgrundstücke, Bürogebäude und Waldgebiete. Jagdrechte und ganze Inseln in allen kanadischen Provinzen außer Neufundland und dem Prince Edward Island auf.
Als einen der Gründe für die Kapitalflucht aus der Bundesrepublik gibt der Nürnberger Immobilienmakler Josef Bader die geplante Erhöhung der Grundsteuer durch Festsetzung höherer Einheitswerte an·. "Es könnte ja eines Tages passieren, daß die uns den Wert unserer Grundstücke so hoch einschätzen, wie er tatsächlich ist."
Besonders beliebt bei den Deutschen sind Objekte in und um Montreal. Toronto und Vancouver. Die gewerkschaftseigene Wohnungsbau-Gesellschaft "Neue Heimat" unter ihrem Chef Albert Victor etwa ist die größte Immobilienbesitzerin in Montreals Drummond Street. Einer der Hauptmieter eines Bürohochhauses, das zum Teil der "Neuen Heimat" gehört, ist das deutsche Generalkonsulat in Montreal. "So bleibt es wenigstens in der Familie", spottete ein Verwalter des Gewerkschafts-Konzerns.
"Neue Heimat"-Vertreter bereisen in periodischen Zeitabständen den Ahornstaat, um weitere
günstige Anlage-Objekte auszukundschaften. Andere Großeinkäufer, die ihren Immobilien-Erwerb zum Teil über Beteiligungsscheine finanzieren, sind die Deutsche Bank und die Hamburger Investment-Gruppe Lehndorff. Auch Oetker-Gelder sind in Toronto und Montreal angelegt.
Vom deutschen Run auf kanadische Grundstücke blieben selbst kleinere Zentren in der Provinz nicht verschont. So erwägt die neudemokratische Regierung der Provinz Saskatchewan bereits ein Gesetz, das Ausländern den Erwerb lokaler Immobilien verbieten soll. Stadtväter Calgarys (Provinz Alberta) veröffentlichten eine Statistik, nach der große Flächen am Rande der Stadt von großen deutschen Finanzinstituten aufgekauft worden seien.
"Calgary ist von einem Ring deutscher Bodenspekulanten eingeengt", lamentierte ein Leserbrief-Schreiber im "Catgary Herald", "als ob wir den letzten Krieg verloren hätten."
Deutsche Adelige -- wie Prinz Johannes von Thurn und Taxis, der Markgraf von Baden, das Haus Hohenzollern-Sigmaringen und der Fürst zu Wied -- kauften sich in der Provinz Britisch-Kolumbien am Pazifik ein.
Neben Finanz- und Familienadel suchen auch viele Kleinkapitalisten im Wilden Westen ihr Glück. So karrt die kanadische Charterflug-Gesellschaft Worldwide Airways deutsche Anleger gleich gruppenweise über den Atlantik. Passagiere, die investieren, fliegen gratis: Die Makler zahlen den Flugpreis aus ihrer Courtage.
Makler Saladin Volkman, der sich auf Montreal, Kanadas größte Stadt, konzentriert, nutzt seine Verkaufserfolge bei deutschen Anlegern, um die heimische Kundschaft in der Provinz Quebec anzustacheln. Hat er ein größeres Objekt an einen Deutschen verkauft, folgt im "Montreal Star" die Annonce: Tut mir leid -- Ihr seid alle zu spät dran! Schon wieder habe ich ein Großobjekt an einen deutschen Investor verkauft! Wenn Ihr das nächste Mal zum Zuge kommen wollt, setzt Euch rechtzeitig mit mir in Verbindung!"
Erboste Delegationen kanadischer Investoren sprachen bei Quebec-Premier Robert Bourassa vor, um auf gesetzliche Maßnahmen gegen die Kaufwelle aus Übersee zu drängen. "Wir werden die besten Teile unserer Provinz zu einer Zeit verlieren", wetterte Camille Laurin, Fraktionsführer der separatistischen Parti québecois, "in der wir unserer politischen Unabhängigkeit von Ottawa näher rücken."
Aber Bourassa griff nicht ein. Im Gegenteil: Er ließ erklären, seine Regierung werde ausländische Investitionen in die kapitalhungrige franko-kanadische Provinz durch Einräumen steuerlicher Vorteile unterstützen.
Auch die kanadische Bundesregierung in Ottawa fördert den Immobilien-Boom. In einem "vertraulich" gestempelten Schreiben an eine Käufergruppe in Düsseldorf wies Ottawas Deputy Minister of National Revenue darauf hin, daß deutsche Investoren ebenso wie kanadische Bürger besteuert werden -- "nicht mehr und nicht weniger; das bedeutet: Deutsche Immobilienbesitzer können pro Jahr fünf Prozent des Gesamtwertes ihrer Objekte einschließlich aller Hypothekenlasten vom zu versteuernden Betrag abziehen, so daß es in den meisten Fällen zu einer kanadischen Besteuerung gar nicht erst kommt".
Auf die Rückfrage eines Interessenten, ob die kanadische Regierung deutschen Finanzämtern Informationen über deutsche Anlagen in Kanada gebe, antwortete das Finanzministerium lakonisch: "Solche Informationen sind unsererseits nicht vorgesehen."
"Ein Schweizer Nummernkonto bietet ihnen nicht mehr Sicherheit als ein Immobilienkauf in Kanada". warb denn auch die Maklerfirma Mackenzie.
Gegen diese "unerwünschte Art der Verschweizung" wendet sich allerdings der neudemokratische Premier Britisch-Kolumbiens. David ("Fat boy") Barrett. Der Provinzchef legte dem Landesparlament eine Reihe von Gesetzen vor, die "Bodenspekulanten, die gegen das Volksinteresse arbeiten, buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen" (Barrett) sollen.
Barrett, der sich bei seinen Gesetzesvorlagen an Bodenreform-Plänen des Bonner Bauministers Hans-Jochen Vogel orientierte, will die Bundesrepublik im Mai besuchen, um "weitere Eindrücke zu sammeln, wie man den bundesdeutschen Bodenspekulanten in Britisch-Kolumbien das Handwerk am besten legen kann" (so James Collins' einer der Parteistrategen der Neuen Demokraten).
"Das neue Barrett-Gesetz hat nur in Britisch-Kolumbien Gültigkeit -- nicht in Restkanada", tröstet Grundstücksmakler David Maitland, "ich sehe daher weiter gute Zeiten für deutsche Investoren."

DER SPIEGEL 15/1973
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