09.04.1973

PAKISTANMiliz marschiert

Zwei Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs, der zum Abfall der Bengalen von Pakistan führte, tragen auch in Restpakistan Parteimilizen politische Gegensätze mit dem Gewehr aus.
Just den "Pakistan Day, den höchsten Staatsfeiertag, suchten Pakistans Regierung und Opposition sich aus, um ihre politischen Gegensätze in einer Straßenschlacht auszuschießen:
Für diesen Tag, den 23. März, hatte die "Vereinigte Demokratische Front", Zusammenschluß von acht Oppositionsparteien, zu einer Massenversammlung in den Liakat-Park von Rawalpindi gerufen. Die Oppositionellen wollten die Massen gegen den Entwurf einer neuen Verfassung mobilisieren, deren einzigen Zweck sie darin sehen, den Präsidenten Sulfikar Ah Bhutto mit diktatorischen Vollmachten auszustatten.
Noch bevor Oppositionsführer Wali Khan zu Wort kam, knatterten Schüsse von umliegenden Dächern, brachen die ersten Menschen schreiend zusammen. Schwarzuniformierte "Volksgardisten", die Parteimiliz Bhuttos, hatten aus Gewehren und Maschinenpistolen das Feuer eröffnet. Die Opposition schoß zurück -- denn Wali Khan, Oberherr der kriegerischen Pathanenstämme am Khaiberpaß, hatte einige Hundertschaften seiner "Pachtun Salme" mitgebracht, der bewaffneten Schutztruppe seiner "Nationalen Volkspartei".
Nach dreistündiger Schießerei lagen 14 Tote auf den Straßen, 68 Schwerverletzte in den Krankenhäusern. Eine unbekannte Zahl Verwundeter hatte bei befreundeten Familien Zuflucht gesucht und ließ sich dort heimlich behandeln, um nicht vom Krankenbett aus direkt ins Gefängnis zu kommen. 14 Busse. mit denen die Pathanen nach Rawalpindi gekommen waren, lagen als rauchende Skelette am Straßenrand -- Bhutto-Anhänger hatten sie angezündet.
In den folgenden Tagen schwärmten Polizisten aus und verhafteten 24 "Verschwörer", darunter 22 Offiziere, die angeblich Bhuttos Sturz geplant hatten. Versammlungen von mehr als drei Personen wurden per Dekret 144 verboten, ebenso "the shouting of slogans" das Rufen von politischen Parolen.
Damit wollte Bhutto die Opposition mundtot machen, die er in den letzten Monaten schon durch Militäreinsätze in rebellischen Provinzen zu dezimieren suchte. Doch diesmal schweißte er nicht nur die oppositionellen Gruppen zusammen -- alle Parteien außer Bhuttos "Volkspartei" beschlossen einen totalen Boykott der Nationalversammlung. Auch acht Abgeordnete aus Bhuttos eigener Partei mochten ihrem Führer auf dem Weg der Gewalt nicht mehr folgen und sagten sich los von "einem Diktator. der in allem bis auf den Namen Kaiser sein will".
Eine Gruppe Soldaten wollte nach Angaben der regierungstreuen "Pakistan Times" -- sogar Bhutto nach seiner Rückkehr von einer geplanten Iran-Reise verhaften. Ex-Luftmarschall Asgar Khan. angeblich Initiator des aufgeflogenen Putsches, ist seit Tagen in Pakistan nicht aufzufinden.
Der bedrohte Bhuuo sagte vorsichtshalber seinen Persien-Flug ab.

DER SPIEGEL 15/1973
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