09.04.1973

TÜRKEIPest im Winter

Ankara ist die wahrscheinlich lebensgefährlichste Stadt der Welt: ihr Smog ist so schädlich wie „zehn Packungen Zigaretten am Tag“.
Nachts können die Bewohner der türkischen Hauptstadt Ankara die Fenster nicht öffnen -- Ruß und Dreck dringen bis in die Kleiderschränke.
Autofahrer von auswärts kurbeln die Scheiben hoch, wenn sie in die grauviolette Dunstglocke tauchen, nicht selten müssen sie tags mit Licht fahren. Türken und Ausländer klagen gleichermaßen über Übelkeit und Atemnot, Kopfschmerz, Unlust und Gereiztheit. In Büros und Geschäften steigt der Verbrauch von Kaffee, Tee und Stimulanzmitteln. Die Nachfrage nach Gasmasken wächst.
Mehr als eine Million Menschen, die im Smog Ankaras leben, sind hilflos einem schleichenden Gifttod ausgesetzt: Als die wahrscheinlich lebensgefährlichste Stadt der Welt bezeichnete kürzlich ein Nato-Ausschuß die Stadt Kemal Atatürks, und die türkische Vereinigung für wissenschaftliche und technische Forschung (Tuhitak) prophezeite: Bei andauernder Zunahme der Luft-Verpestung werde spätestens in 17 Jahren kein menschliches Wesen mehr in Ankara leben können.
Anders als in London, wo 1952 etwa 4000 Menschen durch giftige Schwefelgase starben, oder in Tokio ist die Ursache für Ankaras Smog nicht etwa übermäßige Industrialisierung, sondern, so ein Diplomat, die Tatsache, "daß sehr viele Türken auf sehr kleinem Raum sehr schlampig heizen, bis sie ersticken".
Sind schon die Sommer in der von kahlen Karsthöhen umgebenen Talkesselstadt unerträglich drückend, so machen sich die Ankaraner in den Wintermonaten Oktober bis April selbst das Überleben schwer. Sie können nicht anders, denn sie müssen mit ungereinigter, stark schwefelhaltiger Braunkohle aus den staatlichen Kohlebergwerken Seyit Ömer heizen. Aus Hunderttausenden von Schornsteinen und Fabrikschloten qualmt so das graugelbe stinkende Gift.
Der winterliche Luftverschmutzungsgrad über Ankara übersteigt die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegte Toleranzgrenze bereits um das Fünfzigfache.
Das Nato Committee on Challenges of Modern Society, das sich im November vergangenen Jahres mit Ankaras Smog-Problemen befaßte, meldete alarmierende -- aber von den Tatsachen bereits überholte Werte: Rund 58 000 Tonnen Schwefeldioxid. 73 000 Tonnen Kohlenmonoxid, 23 000 Tonnen Ruß. 13 000 Tonnen Stickstoffoxid und 16 000 Tonnen Hydrokarbonat seien in den Jahren 1969/70 über der Hauptstadt niedergegangen.
Krebs, Erkrankungen der Atemorgane und Herzleiden werden die sicheren Folgen sein, wenn sich nichts ändert. Während die Weltgesundheitsorganisation bis 100 Mikrogramm schädlicher Gase in einem Kubikmeter Luft noch als ungefährlich betrachtet, müssen die Bewohner Ankaras mehr als das Zehn fache atmen. 150 Milligramm krebserregende Rußteile pro 1000 Kubikmeter Luft werden maximal toleriert, aber im winterlichen Ankara sind es fast viermal soviel.
Schon 1968 hatte ein Medizinprofessor in Ankara vor Krebskrankheiten, die in fünf bis zehn Jahren zum Ausbruch kommen würden, gewarnt. Und tatsächlich haben die Lungenkrebsfälle in Ankara in den letzten Jahren um 25 Prozent zugenommen. Lungenschatten wie bei einer mittleren Tuberkulose wurden bereits nach zwei Dienstjahren bei Angehörigen der amerikanischen Botschaft festgestellt.
Zur Begründung eines Gesetzentwurfs gegen die Luftverpestung argumentierte der Abgeordnete Resit Ülker: "Menschen, die mit diesen Elementen verschmutzter Luft leben, inhalieren so viel Gift, als wenn sie täglich zehn Packungen Zigaretten rauchten." Dennoch ist bis auf "Wochen gegen Luftverschmutzung" unter Staatspräsidenten-Schirmherrschaft nichts Wesentliches passiert, was die stinkende Pest eindämmen könnte.
Aus Kostengründen kommt für Ankara weder die Einfuhr von reiner Kohle noch der Übergang zu Elektrizität für die nahe Zukunft in Frage, allerdings haben Regierung und Stadtverwaltung eine Teillösung angepeilt: die chemische Behandlung der Hausbrandkohle zu einem rauchlosen Brennstoff mit höherem Heizwert und Schwefelgehalt gleich Null.
Deutsche und Österreicher sollen zu diesem Zweck bei den staatlichen Kohlebergwerken eine Fabrik bauen, die freilich nur einen Bruchteil des Brennstoffbedarfs nach Ankara liefern und überdies erst frühestens in zwei Jahren die Produktion aufnehmen könnte.
Bis dahin wird Erleichterung nur wenigen Privilegierten zuteil. Ausländisches Botschaftspersonal kann mit häufigeren Heimaturlauben und Gefahrenzulagen rechnen oder sich auf Staatskosten Reinigungsgeräte in Salons und Schlafzimmern installieren lassen.
Türkische Industrielle, Parlamentarier und hohe Staatsfunktionäre erholen sich seit jeher am Wochenende, während der Winter- und Sommerferien in ihren Zweitwohnungen am Bosporus -- genau wie das deutsche Botschaftspersonal, dem in Istanbul noch ein Prachtbau aus der Sultanzeit zur Verfügung steht.

DER SPIEGEL 15/1973
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