09.04.1973

PERLENZurück ins Meer

Durch Mißwirtschaft und Umweltschäden ist Japans Zuchtperlen-Produktion in den letzten Jahren gesunken. Nun steigen die Preise.
Am liebsten, so verkündete er gern, würde er sämtlichen Frauen die "lieblichen Hälse strangulieren", und zwar mit Perlenketten, denn Perlen waren für Kokichi Mikimoto und seine japanischen Branchenkollegen jahrzehntelang ein Milliardengeschäft.
Mikimoto-Sohn Yoshitaka, 55, soll dagegen "noch nie in seinem Leben eine Perle angefaßt" haben. Er fungiert als Frühstücksdirektor bei einem Bankenkosortium, das 1969 das verschuldete Familienunternehmen
übernommen hatte.
Der Niedergang des Hauses Mikimoto, das um die Jahrhundertwende Japans Kulturperlen-Zucht begründet hatte, ist kein Einzelfall:
Immer mehr Zuchtperlen-Großhändler steigen um auf Jade oder Diamanten; das Perlengeschäft macht heute in der Regel höchstens noch zwanzig Prozent ihres Gesamtumsatzes aus.
Und auch die 3200 Züchter resignieren: "Wir sind ein absteigender Industriezweig." Viele verlegen sich mit Hilfe von Regierungssubventionen auf Fischzucht oder Milchwirtschaft.
Die Ursachen der Depression sind Kennern des Perlen-Geschäfts seit langem klar:
* Die Farmarbeiter scheuen zunehmend die unregelmäßige Beschäftigung in Nässe und Kälte und wandern, angelockt durch höhere Löhne, in küstennahe Industriebetriebe ab.
* Schwermetalle wie Cadmium, Nickel oder Blei in den Industrieabwässern, sowie Chloride, Öle und Kohlenwasserstoffe, die Japans Meeresküste versalzen und verpesten, wirken wachstumshemmend und qualitätsmindernd auf die empfindlichen Kulturen.
Durch kurzsichtige Produktionspolitik haben Japans Perlenbonzen die Krise noch verschärft: Als sich nämlich in den fünfziger Jahren auch in den USA plötzlich Massen gediegener Damen durch Perlenketten kenntlich machen wollten und die Tokioter Perlenbörse Nachfragerekorde notierte, da dauerte profitversessenen Züchtern die zur Perlmutterbeschichtung nötige dreijährige Wachstumszeit zu lange -- sie ernteten kurzerhand früher ab, und häufiger als erlaubt.
Der Raubbau rächte sich: Die unreifen Perlen zeigten, so New Yorks Nobel-Juwelier Tiffany, "deutlichen Qualitätsschwund: weniger Lüster und mehr Schlieren"; die Züchter mußten ihre Ware möglichst innerhalb von drei Monaten verkaufen, damit sie nicht schon im Safe fleckig wurde.
So sank der Export rapide (auch die auf Plastikklunker eingeschworene Pop- und Minimode reduzierte das Interesse an Perlen), und auf dem Höhepunkt der Rezession im Frühjahr 1968 wurden sogar acht Millionen frisch geerntete Perlenaustern unverarbeitet zurück ins Meer geschüttet.
Nachdem nun die Modemacher wie. der damenhafte Hüllen propagieren, nimmt auch die Lust an Perlen wieder zu. Großimporteure, wie die Hamburger Niederlassung Kogo Takeuchi, vermelden freudig, daß ihr Umsatz voriges Jahr um rund 30 Prozent gestiegen sei.
Doch die anschwellende Nachfrage kann von der geschrumpften Perlenproduktion Japans kaum befriedigt werden; der Export läßt sich augenblicklich nicht steigern. Daher rechnen Marktbeobachter schon jetzt mit einem Preisanstieg von bis zu 50 Prozent.
Clevere Perlenbörsianer horten bereits Ware in ihren Safes. "Demnächst". so unkt der Branchenkenner Rudolf Voll, seit 1938 im japanischen Perlen handel etabliert, "werden Zuchtperlen noch wie Antiquitäten gehandelt."

DER SPIEGEL 15/1973
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DER SPIEGEL 15/1973
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