09.04.1973

Adolf Hitler: „Aufriß über meine Person“

1. Fortsetzung
Der Kunstmaler Adolf Hitler war auf der Flucht vor Österreich-Ungarns Polizisten. Seit er sich entschlossen hatte, sich dem Dienst in der k. u. k. Armee zu entziehen, flüchtete Hitler von einer Unterkunft zur anderen -- immer in der Furcht, von den Häschern der Wehrdienstbehörden doch noch aufgespürt zu werden.
Am 24. Mai 1913 meldete sich Hitler in Wien ab und fuhr mit 80 Kronen in der Tasche nach München. Im Hause 34 der Schleißheimer Straße tauchte er unter, in der Wohnung von Josef Popp, einem Herrenschneider, der einst in vornehmen Pariser Ateliers gearbeitet hatte und seither glaubte, etwas "von der Welt" gesehen zu haben.
Kaum war der neue Untermieter eingezogen. da sah er sich durch spektakuläre Zeitungs-Schlagzeilen in seiner Abneigung gegen das österreichische Militär bestärkt. In der Nacht vom 24. zum 25. Mai hatte sich in Wien der General-
© 1973 Econ-Verlag, Düsseldorf.
stabschef des VIII. Armeekorps, Oberst Alfred Redl, erschossen. Die Zeitungen kannten bereits den Grund des Selbstmords: Der Oberst, wegen seiner homosexuellen Beziehungen vom russischen Geheimdienst erpreßt, hatte wichtige Militärgeheimnisse an Rußland verraten.
Familie Popp bekam am Abend des 26. Mai von Hitler zu hören, der Fall Redl zeige nur allzu deutlich, wie sehr die k. u. k. Armee von Juden und jüdisch beeinflußten Elementen durchsetzt sei.
Doch die österreichische Polizei kam dem Wehrdienstverweigerer auf die Spur. Sie hatte ermittelt, wo sich Hitler aufhielt, und bat die Münchner Polizei um Amtshilfe. Am 18. Januar 1914 gegen 1530 Uhr tauchte in der Popp-Wohnung der Kriminal-Schutzmann Herle auf und richtete Hitler aus, er habe sich (wie Hitler notierte) "am 20ten in Linz zur Stellung einzufinden. widrigenfalls ich nach § 64 u. 66 des Wehrgesetzes behandelt würde.
Einen Tag später führten ihn zwei Münchner Polizisten dem österreichischen Konsulat vor. Hitler wußte sich jedoch so geschickt herauszureden, daß sowohl die Polizei als auch das Konsulat darauf verzichtete, ihn nach Österreich auszuliefern.
Ihm wurde in Aussicht gestellt, er könne sich am 5. Februar zu einer "Nachstellung" in Linz einfinden. Hitler setzte ein Gesuch auf, in dem er um die Bewilligung einer solchen Sonderregelung bat. Das Konsulat unterstützte ihn dabei und meldete nach Linz: Nach den Beobachtungen der Polizei und nach dem hieramts gewonnenen Eindruck, dürften seine im beiliegenden Rechtfertigungsschreiben gemachten Angaben vollkommen der Wahrheit entsprechen. Auch soll er mit einem Leiden behaftet sein, das ihn zum Militärdienst untauglich macht. Da Hietler sehr berücksichtigungswert erscheint, wurde von der Durchführung der Auslieferung vorläufig Abstand genommen und Genannter angewiesen, unbedingt bei der Nachstellung am 5. Februar in Linz zu erscheinen. Hietler wird also die Reise nach Linz antreten, falls sich der Magistrat durch die vorgeschilderte Sachlage und die Armut desselben sich nicht veranlaßt sieht, ihm die Nachstellung in Salzburg zu bewilligen.
In der Tat bat Hitler den Linzer Magistrat in einem Brief, ihm aus finanziellen Gründen zu gestatten, sich in dem näher bei München gelegenen Salzburg mustern zu lassen.
"Ich werde in der Vorladung", schrieb er. "als Kunstmaler bezeichnet. Führe ich auch diesen Titel zu Recht, so ist er aber dennoch nur bedingt richtig. Wohl verdiene ich mir meinen Unterhalt als selbständiger Kunstmaler jedoch nur, um mir, da ich ja gänzlich vermögenslos bin, meine weitere Fortbildung zu ermöglichen. Nur einen Bruchteil meiner Zeit kann ich zum Broterwerb verwenden, da ich mich als Architektur-Maler noch immer erst ausbilde. So ist denn auch mein Einkommen nur ein sehr bescheidenes, gerade so groß, daß ich eben mein Auskommen finde."
Er fuhr fort: "Ich lege als Zeugniß dessen meinen Steuerausweis bei, und bitte gleich hier ihn mir wieder gütig zusenden zu wollen. Mein Einkommen ist hier mit 1200 M angenommen, eher zu viel als zu wenig, und es ist dies nicht so zu verstehn, daß da nun genau auf den Monat 100 M fallen. O nein. Das Monats-Einkommen ist sehr schwankend, jetzt aber sicher sehr schlecht, da ja der Kunsthandel um diese Zeit in München etwa seinen Winterschlaf hält, und es leben, oder wollen wenigstens leben, gegen 3 Tausend Künstler hier. Von Ersparnissen irgend einer Bedeutung kann da nicht die Rede sein, da ja meine Auslagen bedeutend größere sind als etwa die eines gleichgutgestellten Arbeiters."
Hitler ließ kein Argument aus, um der Behörde weiszumachen, nur Unreife und Armut hätten ihn dazu verführt, sich der Wehrpflicht zu entziehen: "Ich war ein junger unerfahrener Mensch, ohne jede Geldhilfe und auch zu stolz eine solche auch nur von irgend jemand anzunehmen geschweige denn zu erbitten. Ohne jede Unterstützung nur auf mich selbst gestellt, langten die wenigen Kronen oft auch nur Heller aus dem Erlös meiner Arbeiten kaum für meine Schlafstelle. Zwei Jahre lang hatte ich keine andere Freundin als Sorge und Not, keinen anderen Begleiter als ewigen unstillbaren Hunger." "Adolf Hitler ist zum Waffen- und Hilfsdienst untauglich."
Wortreich malte der durchaus nicht schlecht gestellte Bürgersohn seine angeblich elende Lage aus. Hitler klagte: "Ich habe das schöne Wort Jugend nie kennen gelernt, heute noch nach 5 Jahren sind die Andenken in Form von Frostbeulen an Fingern, Händen und Füßen. Und doch kann ich nicht ohne gewisse Freude mich dieser Zeit erinnern, jetzt da ich doch über das Ärgste empor bin. Trotz größter Not, inmitten einer oft mehr als zweifelhaften Umgebung, habe ich meinen Namen stets anständig erhalten, bin ganz unbescholten vor dem Gesetz und rein vor meinem Gewissen bis auf jene unterlassene Militärmeldung, die ich damals nicht einmal kannte."
Hitler. der "kaum mehr zu hoffen" gewagt hatte, daß die Heimatbehörde seine Bitte erfüllen würde, hatte Glück. In Salzburg, wo Hitler am 5. Februar 1914 zur Musterung erschien, wurde er vom Militärdienst befreit.
"Es wird bestätigt", erklärte das Landesevidenzreferat der oberösterreichischen Landesregierung am 23. Februar 1914, "daß der am 20. April 1889 in Braunau am Inn geborene und in Linz, Oberösterreich, heimatberechtigte Adolf Hitler, Sohn des Alois und der Klara, geborene Pölzl, laut Stellungsliste bei der Nachstellung in der 3. Altersklasse am 5. Februar 1914 zu Salzburg "zum Waffen- und Hilfsdienst untauglich, zu schwach' befunden worden ist und der Beschluß auf "Waffenunfähig' gefällt wurde:
Offenbar hatte Hitler bei der Untersuchung sein inzwischen längst ausgeheiltes Lungenleiden heraufbeschworen, das seine Mutter im Herbst 1905 bewog, ihn von der Schule zu nehmen.
So konnte er sich nach Jahren wieder auf Behörden zeigen, ohne Sorge tun, was ihm beliebte, und auch wieder korrespondieren. Nicht zufällig bezeichnete er seine Münchner Zeit denn auch zehn Jahre später als "die glücklichste und weitaus zufriedenste" seines Lebens. Wie in Wien, so zeichnete und malte er auch hier vor allem historische Bauwerke und Kunstdenkmäler nach Vorlagen, weil er zu bequem war, sich mit Staffelei oder Zeichenblock auf die Straße zu stellen.
Die Motive der architektonischen Darstellungen Hitlers unterschieden sich in München zwangsläufig von den Wiener Vorlagen. In München zog ihn, wie er 1924 schrieb, besonders "die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek, an".
Aber auch der Verkauf der Bilder wickelte sich hier anders ab als in Wien, wo Zwischenhändler, Händler und Akademiker die meisten seiner Arbeiten erworben hatten. Hitler konnte es sich in München leisten, seine Bilder selbst in angesehenen Kunsthandlungen wie beispielsweise bei Stuffle am Maximiliansplatz anzubieten und zu verkaufen. Er gewann auch in kurzer Zeit Freunde, mit denen er während des Ersten Weltkrieges fleißig korrespondierte.
In München ging es Hitler mindestens ebenso gut wie in Wien. In "Mein Kampf" schrieb er rund zehn Jahre später: "Wenn auch mein Verdienst immer noch sehr kärglich war, so lebte ich ja nicht, uni malen zu können, sondern malte, um mir dadurch nur die Möglichkeit meines Lebens zu sichern, besser, um mir damit mein weiteres Studium zu gestatten." Sein amtlich festgestelltes jährliches Einkommen von 1200 Mark lag noch über dem Betrag, der
* Ehepaar Josef und Anna Popp, 1933.
ihm in Wien zur Verfügung gestanden hatte.
In München entrichtete Hitler für sein gutbürgerlich möbliertes Zimmer mit separatem Eingang 20 Mark Miete. Nach Abzug der Kosten für Frühstück und Abendessen blieben ihm monatlich noch mindestens rund 30 Mark für andere Ausgaben. Die damals relativ teuren Zeitungen las er stets in Cafés. Da er anspruchslos war, hatte er mehr Geld, als er brauchte. Ein in seinem Alter stehender Bankangestellter beispielsweise erhielt 1913 in München ein Monatsgehalt von rund 70 Mark.
Seinem Photographen Heinrich Hoffmann erzählte Hitler 1944: "Mehr als etwa 80 Mark habe ich im Monat nicht gebraucht. Für das tägliche Mittag- und Abendessen reichte eine Mark aus. Dem Sohn des Vermieters konnte er oft Geld oder Süßigkeiten schenken, wenn ihm der Junge Bücher beschaffte oder andere Besorgungen erledigte.
Der junge Popp erinnert sich: "Hitler sprach häufiger vom Skilaufen, das er beherrschte, aber seine körperliche Tätigkeit beschränkte sich auf das absolute Minimum." Auch Radfahren konnte er -- trotz gegenteiliger Behauptungen einiger Biographen. Jung-Popp: "Er schlief sehr lange, meist bis mittags, und brachte viel Zeit mit körperlicher Reinigung zu."
In den Augen normaler Bürger lebt freilich der Künstler Hitler sinn- und ziellos in den Tag hinein. Seine Zeit verbringt er zum größten Teil mit der Lektüre von Büchern und Schriften. Er malt und zeichnet nur bei Tage -- und auch dann nur stundenweise. Gelegentlich geht er in ein Café an der nächsten Straßenecke, um die dort ausliegenden Tageszeitungen zu lesen und Kuchen zu essen.
An den Abenden diskutiert er mit Meister Popp, trägt ihm seine Vorstellungen und Ideen vor und läßt sich vom Sohn der Familie abhören, während er aus Fachbüchern über Kriegsfragen referiert. Ein "bürgerlicher" Beruf interessiert ihn nicht, worin er sich allerdings nur von sehr wenigen Malern unterscheidet.
"Wir wurden groß angestaunt."
Hitler lebt als Bohemien; aber er ist stets so gewählt gekleidet, daß der sensible, intellektuell wirkende Herrenschneider Popp an Hitlers Aufzug niemals etwas auszusetzen hat. Hitler trug gern einen makellosen Frack, der gelegentlich von Popp aufbereitet und bei Beginn des Ersten Weltkrieges von Hitler, fein säuberlich verpackt, in der Popp-Wohnung zurückgelassen wurde.
Popp sieht in Hitler schon damals eine Persönlichkeit, deren Fähigkeiten große Erwartungen wecken. Nicht zufällig schließt er sich bereits 1919 der Deutschen Arbeiterpartei (Mitgliedsnummer 609) an, in der Hitler 1919 "Propagandaobmann" war. Popp folgen andere Handwerker und Geschäftsinhaber aus der Schleißheimer Straße. so der Maler Ernst Schmidt (Mitgl.-Nr. 885) und ein Fleischermeister.
Hitler liest sehr viel und arbeitet als Maler kontinuierlich nur, wenn Bestellungen vorliegen und besondere Umstände ihn dazu zwingen. Dann malt er in seinem Zimmer. meist am Fenster zum gegenüberliegenden Schulhof sitzend, vor allem Aquarelle und gelegentlich auch Ölbilder nach photographischen Vorlagen.
Was er in München zeichnet und malt, zeigen die Titel seiner Bilder: "Hofbräuhaus I", "Hofbräuhaus II", "Johanniskirche und Asamhaus". "Alter Hof", "Sendlinger Tor", "Nationaltheater". "Feldherrnhalle".
Wie viele Bilder er in München malte und verkaufte, ist nicht feststellbar. Mehr als zwei Dutzend haben ihren Schöpfer überdauert. Hitler später: "Ich wollte ja kein Maler werden, ich habe diese Sachen nur gemalt, damit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und studieren konnte. Gemalt habe ich immer nur so viel, damit ich gerade das Notwendigste zum Leben hatte."
Nicht zufällig wurden bei Käufern von Hitler-Bildern nur sehr wenige Architekturzeichnungen aus der Zeit vor 1914 gefunden. Die architektonischen Zeichnungen, seinen "kostbarsten Besitz" (Hitler), hat er nicht "hergegeben". wie er "die Bilder losgab", die er systematisch für den Verkauf produzierte.
Doch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte Hitlers Bohemien-Leben ein Ende. So erfindungsreich er sich bis dahin dem Wehrdienst entzogen hatte -- jetzt bewarb er sich zielstrebig um den Eintritt in die Armee. Als sich am 1. August 1914 auf dem Münchner Odeonsplatz eine Menschenmenge versammelte, um die Proklamation des Kriegszustandes anzuhören, gehörte er zu denen, die demonstrativ den Hut abnahmen -- zum Zeichen, daß sie zum freiwilligen Kriegsdienst bereit waren (siehe Bild).
Krieg -- das war die erlösende Tat, die Hitler von seiner dranghaften Unruhe, von all seinen Zweifeln und Spannungen befreite. Was für ihn der Krieg bedeutete, offenbart das jüngst erstellte Gutachten eines Düsseldorfer Graphelogen, der Briefe des Frontsoldaten Hitler analysierte, ohne allerdings den Briefschreiber zu kennen:
In erster Linie fallen hier auf: dranghafte Unruhe und massive Erregbarkeit. Daraus ergibt sich ein überwiegend aggressives Verhalten, welches aus Mangel an Gemüt und an Rücksichtnahme auf andere sich ungehemmt entfalten kann. Die Situation, in welcher er sich jetzt befindet, dürfte ihm angemessen sein. Anders gesagt, er hat gerade in der Kriegssituation die Möglichkeit zur Entladung seiner triebhaften Spannungen, und zwar in einer von der Gesellschaft gebilligten Form. Wie das aussehen wird, wenn diese Situation nicht mehr gegeben ist, dürfte ein schwieriges Problem sein,
Um jeden Preis drängte Hitler ins Militär. Sofort reichte er ein Immediatgesuch an Bayerns König Ludwig
III. ein, um als Österreicher in das bayerische Heer eintreten zu dürfen. Bereits am nächsten Tag erhielt er von
der Kabinettskanzlei die Mitteilung, daß er sich bei einem bayerischen Regiment melden könne. Hitler entschied sich für das 2. bayerische Infanterie-Regiment, das später nach seinem gefallenen Kommandeur den Beinamen "List" erhielt.
Sorgfältig bereitet er sich auf den Kriegseinsatz vor. Er hinterläßt sauber gestapelte Wäschehaufen mit gebundenen Schleifchen, fertigt ein Inhaltsverzeichnis an und nennt eine Adresse: die Anschrift seiner Verwandten in Spital, bei denen er einst sein Lungenleiden auskuriert hat und zwei Fronturlaube verleben wird.
Am 16. August 1914 tritt Adolf Hitler in der Münchner "Elisabeth-Schule" in das 6. Rekruten-Ersatz-Bataillon des 2. Infanterie-Regiments ein. Dort wird er am 8. Oktober zunächst auf den König von Bayern und anschließend auf seinen Kaiser Franz Joseph vereidigt.
Rekrutenausbilder Hans Mend erinnert sich: "In Schwabmünchen sah ich Hitler zum erstenmal. Ich kannte ihn nicht, er ist mir jedoch beim Vorübergehen durch seinen energischen Blick und sein besonderes Wesen aufgefallen. Ich hielt ihn für einen Akademiker, deren so viele dem Regiment angehörten."
Nach einer unzureichenden Ausbildung kommt Hitler Mitte Oktober 1914 an die Westfront. Am 20. Oktober schreibt er den ersten jener Feldpostbriefe, die über seine Entwicklung wie kaum ein anderes Dokument Aufschluß geben. Diese erst jetzt aufgefundenen Briefe zeigen, daß Hitler nicht der menschenfremde Sonderling war, als den ihn die Legende (Regimentsadjutant Wiedemann: "Hitler erhielt nie Post") sieht.
"Am Samstag", berichtete er Anna Popp, der Frau seines Vermieters, von der Fahrt zur Front, "sind wir von München fort. Von 6.30 früh bis 5 h abends waren wir auf den Füßen, wir hatten auf dem Marsche ein größeres Gefecht, alles bei strömenden Regen. In Alling hatten wir Notquartiere. Ich war in einem Stadel untergebracht und durch und durch naß. Vom Schlaf war natürlich keine Rede. Sonntag gieng es um 5 h früh fort, bis 6 h abends, alles todmüde, von einem Gefechte zum anderen. Um 6 h hies Biyak im Freien. Die Nacht war saukalt, und geschlafen hatten wir wieder nicht."
Im Lager Lechfeld hatte Hitler zum erstenmal französische Kriegsgefangene gesehen. Er schrieb: "Wir wurden groß angestaunt. Die Kerle glaubten wohl kaum, daß wir noch so viele Truppen haben. Im übrigen aber waren meistens sehr kräftige Gestalten zu sehen: Es sind eben noch französische Elitetruppen, die zu Beginn des Feldzuges gefangen wurden"
"Wir ärgern Franzosen und Engländer."
Sechs Wochen später, inzwischen zum Gefreiten befördert und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, berichtete er seinem einstigen Hauswirt Josef Popp:
"Über Brüssel fuhren wir dann nach Dourmey und kamen am nächsten Tag gegen 5 h Abends in Lilie an. Dort hatten wir 3 Tage Alarmquartier. In Dourmey schon hörten wir ununterbrochen fernen Kanonen-Donner, in Lille wollte das Krachen kein Ende mehr nehmen."
Am 29. November nahm Hitlers Regiment an der Schlacht bei Gheluwe und Becelaere teil. "4 Tage lagen wir im schwersten Kampfe", schreibt Hitler an Popp, "und mit Stolz darf ich sagen, unser Regiment hat sich heldenhaft geschlagen schon am ersten Tag abends hatten wir fast alle Offiziere verloren, am vierten Tage waren von 3600 Manu so stark war unser Regiment noch 611 Mann übrig. Ich wurde Gefreiter und blieb wie durch ein Wunder gesund.
Mit unverhohlener Eitelkeit schildert Hitler dann die Geschichte seiner ersten Auszeichnung: "Ich selber wurde schon nach dem 2ten Kampf zum Eisernen Kreuz vorgeschlagen. Aber der Kompanieführer wurde noch am selben Tag schwer verwundet und die Sache schlief ein. Ich kam dafür als Gefechts Ordonanz zum Stab. Oberst Leutnant Engelhardt schlug mich dann selber zum Eisernen Kreuz vor. Aber am selben Tag wurde er auch schwer verletzt. Jetzt wurde ich neuerdings vorgeschlagen durch den Adjudanten Eichelsdörfer und gestern den 2. Dezember erhielt ich das eiserne Kreuz wirklich. Es war der glücklichste Tag meines Lebens."
Am 22. Januar 1915 folgte eine Feldpostkarte:
Lieber Herr Popp!
Bitte zu verzeihen, daß ich Ihren lieben Brief noch nicht näher beantwortete, Kommen in der nächsten Zeit auf einige Tage Erholung in Reservestellung und habe dann besser Gelegenheit zum Schreiben. Jetzt sind wir noch in der Stellung und ärgern Franzosen und Engländer. Das Wetter ist miserabel oft tagelang bis zum Knie im Wasser, dazu sehr schweres Artilleriefeuer. Wir freuen uns schon auf ein paar Tage Ablösung. Hoffentlich kommt es dann bald auf der ganzen Front zum Generalsturm. Ewig kann es so nicht gehn. Werde ausführlichen Brief schreiben. Viele viele Gruße an Sie und Familie von Adolf Hitler.
Dem Justizassessor Ernst Hepp' einem anderen Bekannten aus München, schrieb er:
Wir liegen nach wie vor in Messines vor dem Kanal. Alle Tage von 5 h bis 5 h schweres Feuer. Unsere Verluste sind an manchen Tagen trotz der defensiven Stellung verhältnismäßig große. Die Anstrengungen sind sehr groß. Leider haben die Engländer jetzt das Stürmen wieder aufgegeben. Sie haben ungeheure Verluste erlitten, ohne auch nur einen Meter vorzukommen. Viele Grüße Ihres Adolf Hitler. Immer mehr wurde Hitlers Regiment in die Stellungskämpfe verwickelt, die seit Ende Dezember 1914 in Flandern tobten. "Unser Regiment", registrierte Hitler am 26. Januar 1915, "liegt seit 2 Monaten ununterbrochen in der ersten Frontlinie und zwar zwischen Messines und Wytschaete. Durch den ewigen Regen (wir haben keinen Winter), die Nähe des Meeres und die tiefe Lage des Geländes, gleichen die Wiesen und Felder grundlosen Morästen, während die Straßen mit Fußtiefem Schlamm bedeckt sind."
Seine Briefe wurden matter, doch er übte sich zunächst noch in Hurra-Patriotismus. Hitler an Popp: "Hier werden wir aushalten solange bis Hindenburg Rußland mürbe gemacht hat. Dann kommt die Abrechnung. Wenige km hinter unserer Front wimmelt es von jungen frischen Truppen von uns. Die werden hier noch geschont und tüchtig ausgebildet. Wielange weiß ich nicht, aber dann kann der Tanz losgehen."
Wenn Hitler nicht über seine militärischen Taten, Zukunftsvorstellungen und Empfindungen berichtete, bedankte er sich bei seinen Briefpartnern für erhaltene Geschenke: "Das Paketchen von Frau Seiler habe ich erhalten und mich
* Der 3. Soldat von links soll Hitler darstellen.
durch Karte bedankt." Oder: "Für die beiden Pakete, die Herr Assessor so gut waren für mich abzuschicken, sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank." "Durch den ewigen Kampf wird man ganz stumpf."
Die Briefe und Geschenke offenbaren, daß sich Hitler während der ganzen Kriegszeit einer nimmermüden Aufmerksamkeit seiner Münchner Freunde und Bekannten sicher sein konnte -- was alle Hitler-Biographien bisher bestritten,
Hitler mußte sich denn auch häufig dafür entschuldigen, daß er einige Briefe nicht sofort beantwortete. Hitler an Popp:
Wenn ich so selten schreibe, so bitte ich um Verzeihung, aber ich kann mich, oft gleich 14 Tage, nicht einmal Waschen, so wenig kommen wir aus dem Dreck. Ebenso wird man auch durch den ewigen Kampf ganz stumpf, vor allem aber fehlt der geordnete Schlaf,
Klagen und Resignation begannen den Landserheroismus abzulösen. Sein Brief an den Assessor Hepp vom 5. Februar 1915 verrät den Stimmungswandel besonders deutlich: Hitler hatte allmählich genug vom Krieg. "Ich bin jetzt sehr nervös", formulierte er. "Tag für Tag liegen wir von 8 h früh bis 5 h nachmittag im schwersten Artilleriefeuer, das macht mit der Zeit auch die stärksten Nerven kaputt."
Und dann folgte ein Satz, der Kommendes schon ahnen ließ: "Ich denke so oft an München, und jeder Von uns hat nur den einen Wunsch, daß es bald zur endgültigen Abrechnung mit der Bande kommen möge, zum Daraufgehen, koste es was es wolle, und daß die, die von uns das Glück besitzen werden, die Heimat wiederzusehen, sie reiner und von der Fremdländerei gereinigter finden werden, daß durch die Opfer und Leiden, die nun täglich so viele Hunderttausende von uns bringen, daß durch den Strom von Blut, der hier Tag für Tag fließt gegen eine internationale Welt von Feinden, nicht nur Deutschlands Feinde im Äußeren zerschmettert werden, sondern daß auch unser innerer Internationalismus zerbricht. Das wäre mehr wert als aller Ländergewinn.
Von der emphatischen Begeisterung für den Kampf, die aus Hitlers ersten Kriegsbriefen gesprochen hatte, blieb kaum noch etwas übrig. Seine Äußerungen wurden immer kleinlauter. Am 20. Februar 1915 schrieb er an Popp: "Das "Wetter ist trostlos, ewig Regen und wieder Regen. Vorgestern furchtbare Kanonenschlacht. Engländer wurden bei St. Eloi geschlagen, das ist gleich rechts von uns. Alle Gegenangriffe sind zusammengebrochen."
"Ungünstige Gerüchte kamen dauernd aus der Marine."
Zehn Jahre später bezeichnete Hitler das Jahr 1915 als Zäsur. Die überschwenglichen Briefe gehörten von da ab der Vergangenheit an, Hitler zog sich in sich selbst zurück. "So ging es nun weiter Jahr für Jahr", schrieb er in "Mein Kampf", "an Stelle der Schlachtenromantik ... war das Grauen getreten. Die Begeisterung kühlte allmählich ab, und der überschwengliche Jubel wurde erstickt von der Todesangst."
Seine Feldpost handelt seit 1915 kaum noch vom Krieg. So schreibt er seinem Regimentskameraden Ernst Schmidt im Oktober 1917 aus einem Kurzurlaub in Berlin: Lieber Schmidt!
Bin erst Dienstag hier angekommen. Familie Arnoldt ist sehr lieb, hätte es mir nicht besser wünschen können. Die Stadt ist großartig. So richtig eine Weltstadt. Der Verkehr ist auch jetzt noch gewaltig. Bin fast den ganzen Tag fort. Habe jetzt endlich Gelegenheit, die Museen etwas besser zu studieren. Kurz: es fehlt mir an nichts. Es grüßt Dich Dein A. Hitler. Hitlers Bild vom Kriege hatte sich geändert, doch er meinte, im Krieg etwas gelernt zu haben: Truppenführung. Als Melder im Regimentsstab, in der Umgebung von Kommandeuren und Offizieren, gewann er Einblick in die Führung eines Regiments und sammelte Erfahrungen, die Generalstabsoffiziere im Frieden kaum erwerben können. Später überschätzte er diese Erfahrungen und machte sie im Zweiten Weltkrieg zur Quelle häufig überflüssiger Schulmeistereien und Besserwissereien gegenüber seinen Militärs.
"Mir ist gerade etwas eingefallen", erzählte er 1944, "weil die Leute immer jammern, daß sie den Ersatz zu spät bekommen. Wir sind für die zweite Offensive im Jahre 1918 am 25. abends abmarschiert. Am 26. übernachteten wir in einem Wald, und am 27. morgens traten wir an. Um 5 Uhr sind wir abmarschiert. Einen Tag vorher, am Nachmittag, haben wir den Nachersatz für die große Offensive am Chemin des Dames bekommen."
Gelegentlich rechtfertigte er als Oberster Befehlshaber Entscheidungen, indem er sie auf Erfahrungen zurückführte, die er zwischen 1914 und 1918 gemacht hatte. "Wenn zum Beispiel", erinnerte sich Hitler Ende 1944, "ein Kommandeur vorn eine Ansichtspostkarte bekommen hat, so mußte wegen der Ansichtspostkarte mindestens noch im Jahre 1915 und 1916 bei unserem Regiment ein Mann vorlaufen und mußte dem bei Tag eine Ansichtspostkarte bringen, die er in der Stellung von rückwärts telephonisch angekündigt bekommen hat. Das kostete unter Umständen einem Menschen das Leben und gefährdete die Stäbe selber, weil bei Tag von oben gesehen wurde, wo die Leute hingingen. Also direkt ein Wahnsinn!"
Der Weltkrieg-I-Soldat Hitler nahm freilich meist die Partei der Offiziere. Schmidt weiß: "Er trug stets zur Schau, daß er mehr wußte als die Landser im Schützengraben. Selbst die Unteroffiziere, seine Vorgesetzten, begegneten ihm mit Respekt."
Mitte Oktober 1918 wird Hitler bei La Montagne verwundet. Später schreibt er darüber: "In der Nacht vom 13/14. Oktober 1918 erhielt ich eine sehr schwere Gelbkreuzvergiftung, im Verlaufe deren ich zunächst vollständig erblindete."
Zuerst im Feldlazarett in Oudenaarde und ab 21. Oktober im preußischen Reserve-Lazarett in Pasewalk in Pommern, peinigt ihn die Furcht, eventuell blind zu bleiben oder künftig nur unzureichend sehen zu können. Ihn beschäftigt freilich auch die politische Lage in der kriegsmüde gewordenen Heimat, in der er -- trotz aller Auszeichnungen als Soldat -- als blinder oder halbblinder Künstler ohne abgeschlossene Ausbildung wahrscheinlich betteln gehen muß, wenn eine Revolution die Verhältnisse ändert.
"Ungünstige Gerüchte kamen dauernd aus der Marine", erinnert sich Hitler sechs Jahre später, "in der es gären sollte." Er glaubt jedoch, daß es nur Gerüchte seien, doch dann brach -- wie er 1924 in der nationalsozialistischen Propagandasprache formuliert -- "eines Tages plötzlich und unvermittelt das Unglück herein. Matrosen kamen auf Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen waren die "Führer' in diesem Kampfe um die "Freiheit, Schönheit und Würde unseres Volksdaseins'."
Revolution in München: Hitler sortiert Uniformen.
Am 7. November 1918 erfährt er im Lazarett in Pasewalk, daß der Krieg beendet und Bayern Republik geworden ist. Drei Jahre später schreibt er in seinem "kurzen Aufriß über meine Person": "Da meine Erblindung in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder wich, und das Augenlicht allmählich wieder zurückkehrte, ersuchte ich um möglichst schnelle Überführung nach München und war seit Dezember 1918 wieder beim Ers. Batl. 2. Inf. Reg."
Der Reichswehr-General von Bredow behauptete freilich später fälschlich, Hitlers vorübergehende Erblindung sei ausschließlich "hysterischer Art" gewesen. Selbst Hitlers Leibarzt Morell hielt eine solche Diagnose nach 1945 für möglich.
Sicherlich hat Hitler, der im Oktober 1918 noch an eine Zukunft als Künstler glaubte, nach der Gelbkreuzvergiftung seelisch besonders gelitten und "unter dem Schrecken, für immer zu erblinden, einen Augenblick" (Hitler) tatsächlich seine Fassung verloren. Daß seine Erblindung eine Folge des feindlichen Gasbeschusses bei La Montagne war, beweisen einwandfreie Dokumente.
Am 21. November 1918 wird Hitler aus dem Lazarett entlassen. Von Pasewalk fährt er nach München zur 7. Kompanie des I. Ersatz-Bataillons des 2. bayerischen Infanterie-Regiments, das sich seit Kurt Eisners Revolution "in der Hand von "Soldatenräten' befand", wie Hitler später schrieb. Als Hitler in München eintrifft, findet er politische Verhältnisse vor, die ihn unsicher machen.
Eine Woche zuvor hat der geflohene König "allen Beamten, Offizieren und Soldaten die Weiterarbeit unter den gegebenen Verhältnissen" freigestellt und sie vom Treueid entbunden. In den meisten Fällen sind die Offiziere und Unteroffiziere froh, von den neuen politischen Machthabern Weisungen entgegenzunehmen und weiterhin Dienst tun zu dürfen. Sie haben den offiziellen Kontakt zur Krone abgebrochen und sich nolens volens der neuen Situation angepaßt.
Hitler kommt "der ganze Betrieb widerlich" vor; aber er bleibt dennoch in der Kaserne seiner Einheit, wo er -- zusammen mit Schmidt -- zum Wachdienst herangezogen wird.
Um sich zusätzlich Geld zu verdienen, melden sich Hitler und Schmidt zur Sortierung militärischer Bekleidungsstücke. In der Kaserne fällt er nicht auf. Er liest viel, beobachtet seine Umgebung und meidet engere Kontakte zu den Kameraden.
Als Anfang Februar 1919 während eines Kompanie-Appells bekanntgegeben wird, daß sich rund zwei Dutzend Soldaten zur Bewachung von Kriegsgefangenen nach Traunstein melden können, heben auch Hitler und Schmidt die Hände. Am 12. Februar treten sie in Traunstein an. wo sich französische und russische Kriegsgefangene befinden, die zum Teil außerhalb des Lagers arbeiten.
Da lost der Streit um den Versailler Friedensvertrag eine Welle von Unruhe und Hysterie aus, die sich mancher Extremist zunutze macht. Am 21. Februar 1919 wird Eisner von dem adeligen Offizier Arco-Valley auf der Straße von hinten niedergeschossen. Der Tod des Ministerpräsidenten radikalisiert die äußerste Linke: Bayern schliddert dem Chaos der Räterepublik entgegen.
"In meinem Kopf jagten endlose Pläne einander."
Hitlers Reaktion ist weder überliefert noch feststellbar. Die Quellenlage läßt jedoch die Vermutung zu, daß er den Mord an Eisner damals nicht gutgeheißen hat. Noch in "Mein Kampf' schreibt er: "Der Tod Eisners beschleunigte nur die Entwicklung und führte endlich zur Rätediktatur, zu einer vorübergehenden Judenherrschaft, wie sie ursprünglich den Urhebern der ganzen Revolution als Ziel vor Augen schwebte."
Am 7. März muß er zur Kompanie nach München zurückkehren, da das Lager in Traunstein aufgelöst wird. "In dieser Zeit", erinnert er sich 1924, "jagten in meinem Kopfe endlose Pläne einander. Tagelang überlegte ich, was man nur überhaupt tun könne, allein, immer war das Ende jeder Erwägung die nüchterne Feststellung, daß ich als Namenloser selbst die geringste Voraussetzung zu irgendeinem zweckmäßigen Handeln nicht besaß."
69 politisch turbulente Tage erlebt Hitler Anfang 1919 in München. Er engagiert sich nicht, bleibt Zuschauer und ist auf seine persönliche Sicherheit bedacht. Er liest Aufrufe und Flugblätter aller Art, und er akzeptiert die plakatierte Warnung des Generalkommandos der Räte vom 7. April 1919: "Wer tätlich gegen die Vertreter der Räte-Republik vorgeht, wird erschossen."
Während der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen den "weißen" Freikorps, verstärkt durch Verbände der alten Armee. und der Roten Armee der Räterepublikaner bleibt Hitler neutral -- bis zu dem Augenblick, in dem die Freikorps und die Truppen des Reichswehrministers Noske zum Sturm auf München ansetzen.
In dieser Stunde fordert der von den Räten eingesetzte Stadtkommandant Egelhofer die Garnisonstruppen auf. sich an die Seite der kommunistischen Räte zu stellen und München zusammen mit der Roten Armee gegen die "Weißen" zu verteidigen. In einigen Einheiten wird über die Frage abgestimmt. welche Haltung die Truppe einnehmen solle.
Auch in der Max-II-Kaserne, in der sich Hitler befindet, sollen sich die Soldaten nach einer Stellungnahme des Feldwebels Rudolf Schüssler entscheiden. Noch zögern die Soldaten, da steigt Hitler auf einen Stuhl und ruft: "Kameraden, wir sind doch keine Revolutionsgarde für die hergelaufenen Juden. Feldwebel Schüssler hat ganz recht, wenn er vorschlägt, daß wir neutral bleiben." Die beiden Sätze Hitlers genügen. die Soldaten seines Bataillons davon abzuhalten, sich den Räten zur Verfügung zu stellen.
Ein Akt des Widerstandes gegen die roten Herren war das freilich nicht, so sehr er das auch in "Mein Kampf" zurechtstilisierte: "Im Laufe der neuen Räterevolution trat ich zum erstenmale so auf, daß ich mir das Mißfallen des Zentralrates Zuzog." Drei Beauftragte des Zentralrats, so behauptete Hitler, hätten ihn am 27. April verhaften wollen, doch er habe sie mit vorgehaltenem Karabiner vertrieben.
Von solcher Gefährdung Hitlers wußten freilich die Anhänger der Räterepublik nichts. Ernst Nickisch, ehemaliger Präsident des Zentralrats, hielt die Geschichte für "erdichtet", Wollte Hitler in die
Kommunistische Partei eintreten?
Die Kommunisten hatten zudem von dem Gefreiten Hitler wenig zu befürchten. Er erschien als Mitläufer des neuen Regimes und trug vermutlich auch die rote Armbinde, die ihn als Angehörigen der Roten Armee auswies. Er soll sogar (das war zumindest die Meinung des verstorbenen Historikers Ernst Deuerlein) mit dem Gedanken gespielt haben, in die Kommunistische Partei oder in die Unabhängige Sozialdemokratische Partei einzutreten.
Er hatte einigen Anlaß, das Einrücken der antikommunistischen Freikorps in München mit gemischten Gefühlen zu erwarten. Die neuen Herren ließen denn auch Hitler prompt verhaften: eine Untersuchungskommission sollte auch Hitlers Verhalten während der Räteherrschaft prüfen.
Doch Hitler hatte Glück und gute Beziehungen: Er entging nicht nur den Erschießungskommandos der weißen "Befreier", sondern wurde schließlich auch einer ihrer Helfer, nachdem Offiziere seines Regiments ein gutes Wort für ihn eingelegt hatten. Schon im Krieg war Hitler-Freund Schmidt aufgefallen: "Jeder Offizier kannte Hitler mit Namen, er wurde zu besonders schwierigen Aufgaben herangezogen." Sie kommandierten ihn jetzt zur Untersuchungs-Kommission des 2. Infanterie-Regiments und gaben ihm die Order. Soldaten aufzuspüren, die in der Rätezeit auf der anderen Seite gestanden hatten.
"Seine Anklageschriften", so malte sich später der einstige Hitler-Bewunderer Viktor von Koerber die Tätigkeit Hitlers aus, brachten "rücksichtslose Klarheit in die unsagbare Schändlichkeit militärischer Verrätereien der Judendiktatur der Rätezeit Münchens". Ohne es zu wissen, hatte Adolf Hitler einen entscheidenden Schritt in eine für ihn neue Richtung getan. Ei war in die Politik geraten.
Im nächsten Heft
Hitler tritt als V-Mann der Reichswehr in die Deutsche Arbeiterpartei ein -- Er manövriert den Vorstand aus und macht sich zum diktatorischen "Führer" -- Die neuentdeckten Notizen des NS-Propagandisten Hitler

DER SPIEGEL 15/1973
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