09.04.1973

Ich habe sie

Unrast erfaßte vorige Woche die Fußballfans. In der Bundesrepublik standen sie bis zu 24 Stunden nach etwas an, was es noch gar nicht gibt.
Zu Zehntausenden gingen die Bundesbürger auf die Straße. In 170 Städten mit mehr als 20 000 Einwohnern verließen sie am vorletzten Sonntag ihre Komfortbehausungen und übernachteten im Freien. Vor Reisebüros und Tabakläden, Sport-Shops und auch vor dem Münchner Olympiastadion bildeten sie Schlangen. In Hängematten, Feldbetten und Schlafsäcken verbrachten sie die "lange, kühle Nacht", so die "Stuttgarter Zeitung". Selbstgewählte Führer fertigten Strichlisten an oder gaben Nummern an die wartenden Enthusiasten aus.
"Demokratische Mitverantwortung" nannten die Vormänner im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf das Verfahren. Wo es nicht eingehalten wurde, griff Polizei ein. Prominenz oder Beziehungen zählten nicht. Frauen durften zwischendurch heimgehen und den Haushalt versorgen. Im Frankfurter Hauptbahnhof genehmigte die Bahnpolizei ausnahmsweise das Übernachten in der Vorhalle.
Auf dem Münchner Coubertin-Platz stieg eine Frau auf einen Klappstuhl und schrie über 5000 Köpfe hinweg durch Megaphon: "Otto Ehrlich, bitte melden" Hausfrau Lilo Kraus brach nach zwölfstündigem Warten ohnmächtig zusammen. Eine andere Münchnerin erlitt Quetschungen und kam ins Krankenhaus. Als "mörderischen Kampf" titulierte die "Süddeutsche Zeitung" die Nachtwache.
Aus Gartentischen errichteten freiwillige Nachtwächter auf dem Kleinen Schloßplatz in Stuttgart einen Schutzwall gegen Nachzügler. Am Montagmorgen, kurz vor acht Uhr, krächzte Karl Griesinger, 63, blauverfroren: "Ich habe sie."
Doch er hatte sie noch längst nicht. Was er in Händen hielt, war nur ein gelber, sogenannter Berechtigungsschein. In Wahrheit hatten mehr als 200 000 Fans nach etwas angestanden, was es noch gar nicht gibt: Eintrittskarten (Preise 10 bis 80 Mark) für die Fußballweltmeisterschaft vom 13. Juni bis 7. Juli 1974 in neun Städten der Bundesrepublik.
Gedruckt werden sie erst im Herbst, ausgegeben am 16. April 1974 -- auf Vorlage der Berechtigungsscheine und Personalausweise. Jedem Fußballfan stehen beispielsweise nur zwei Endspielkarten zu. Dabei weiß noch keiner, welche Nationalmannschaft ins Endspiel kommt.
"Um Fälschungen und Schwarzhandel zu verhindern, ging es nicht anders", erklärte Hermann Joch vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ob beides ganz auszuschließen ist, bezweifelt auch er: "Gegen die menschliche Unvernunft ist letzten Endes alles vergebens.
Für das von Fälschern umlauerte Druckgeschäft stehen zwei bewährte Firmen zur Auswahl: die Münchner Wertpapierdruckerei Giesecke & Devrient (vormals Leipzig) und die Druckerei Gerd Hornberger im pfälzischen Waldfischbach. Giesecke & Devrient (Hausmotto: "Tugend durch Arbeit") hatten schon die aus speziellem Fettdruckpapier gestanzten 3,9 Millionen Tickets für die Olympischen Spiele geliefert. Gerd Hornberger, ein früherer deutscher Sprintmeister, preßte seine letzte heiße Ware 1969, als der DFB in Hamburg das entscheidende Spiel gegen Schottland zu bestreiten hatte.
Hornberger verwandte für die 71 925 Eintrittskarten eine besondere Papierart und neue Wasserzeichen. Mustersätze gingen an die Hamburger Kriminalpolizei. Die Druckplatten wurden vernichtet. Direkt aus der pfälzischen Dorfdruckerei versandte DFB-Herr Joch die Karten als Expreßgut, Luftfracht und Wertpaket. Dennoch tauchten rasch Karten im Schwarzhandel auf. Gelegentlich lockten so auch intime Klubs und Bordelle Mannsvolk an.
Im Olympia-Jahr mußten die Münchner Gelddrucker Giesecke & Devrient all ihre schwarzen Künste zusammennehmen, um auch den gesteigerten Ansprüchen der Spiele-Führer gerecht zu werden. Immerhin hatten sie sich länger als ein Jahrhundert durch den Druck von Schweizer Franken, indischen Rupien, griechischen Drachmen und peruanischen Soles hinreichend für das Sportkartengeschäft empfohlen.
Diesmal ging der DEB für die Fußballweltmeisterschaft 1974 laut Joch "eigene Wege". Statt Serienkarten und Zehnerblocken läßt er diesmal nur Einzeltickets drucken -- mehr als 2,1 Millionen. Das nächstjährige Kartenspiel soll honorigen Druckern ebenso wie Fälschern ein noch nie dagewesenes Fingerspitzengefühl abverlangen.
Durch ein ausgeklügeltes Verteilungssystem in 208 Verkaufsstellen bot der DEB seine wertvollen Karten-Einzelstücke auf Vorbestellung an. Verteiler, die Karten an Stammkunden vorab vergeben hatten, mußten sie wieder herausrücken oder können gerichtlich dazu gezwungen werden.
Binnen fünf Tagen waren Endspiel, Vorfinale und alle Spiele der deutschen Elf ausverkauft. Rund 220 000 Karten hortet der DFB noch. 7000 erhalten die Anhänger der Endspielteilnehmer, den Rest der Weltverband, etwa für kurzfristig disponierende Ehrengäste.
Den genauen Kartenbestand aber kennt sogar der DFB noch nicht. "Bei einigen Stadien, die noch im Bau sind, wissen wir noch immer nicht, wieviel Plätze sie haben werden", verriet Joch.

DER SPIEGEL 15/1973
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