09.04.1973

HOCKEYIch war wütend

Nach der Niederlage in München randalierten Pakistans Hockeyspieler. Der Weltverband sperrte sie auf Lebenszeit. Jetzt hob er den Bann wieder auf.
Um 1480 schilderte der persische Märchenerzähler Mahmud Aristi das schlagfertige Spiel mit dem Krummstab als holden Wahn: im "Buch der Ekstase.
Unlängst beseitigten die Funktionäre des Hockey-Weltverbandes (FIH) die Folgen der jüngsten olympischen Ekstase: Am 10. September 1972 in München hatten sich Verbandsobere und Spieler des Weltmeisters Pakistan nach der Endspiel-Niederlage gegen die Bundesrepublik höchst unwirsch gebärdet.
Es prasselte Flüche. Speichel und Coca-Cola bespritzten Häupter und Kleidung der Olympiaherren wie Berthold Beitz und FIH-Präsident René Frank. Als Funktionäre zur Siegerehrung einluden, schleuderten die Pakistanis eine Kabinentür nach ihnen. Auf dem Siegespodest schlenkerten sie verächtlich mit ihren Silbermedaillen. Einer steckte sie in den Schuh. Und ins ferne Rawalpindi drang aus Radiogeräten zornige Kunde: "Deutschland Scheiße." Im Schnellverfahren sperrte die FIH Pakistan für immer von Weltmeisterschaften und Olympiaden aus.
Inzwischen aber besannen sich die Hockey-Oberen auf die zwingende Kraft anderer Tatsachen. Vor allem Firmenbücher rieten von fortgesetztem Zorn ab. Denn englische Firmen pro-
* Nach der Niederlage im Olympia-Endspiel bei der Siegerehrung.
duzieren Hockeyschläger fast nur noch in Pakistan und Indien. Auch die Bundesdeutschen hatten die Goldmedaille mit Knüppeln Marke "Karachi King" herausgeschlagen. Hersteller "Grays of Cambridge" in Pakistan. Da schon im August zu Amsterdam die nächste Weltmeisterschaft ansteht, fürchteten die FIH-Funktionäre um die Attraktion der Wettkämpfe, falls Pakistan ausgesperrt bliebe. Obendrein drohte ohne Pakistans Teilnahme der Hockeysport in ganz Asien zu stagnieren.
"Wir können nicht eine ganze Hockeynation kaltstellen, nur weil einige ihrer Leute durchdrehten", verzieh der bundesdeutsche Hockeypräsident Dr. Adolf Kulzinger den Münchner Vorfall, Erleichtert beschlossen die FIH-Herren, nur noch die unmittelbar Beteiligten auf Lebenszeit auszuschließen.
Doch inzwischen hatte die internationale Konkurrenz gleiches Leistungsniveau erreicht. In Nairobi gegen Kenia und in Amsterdam gegen Holland versuchten die Pakistanis Niederlagen zu vermeiden, indem sie das Spielfeld verließen.
"Du Bastard", beschimpften Pakistanis nach der Niederlage gegen Gastgeber Spanien den deutschen Schiedsrichter Karl von Berckefeld bei der Weltmeisterschaft 1971. Hinterher zertrümmerten sie "ihre Umkleidekabine. Dennoch wurde Pakistan Weltmeister, weil sich die FIH mit einer Verwarnung begnügte.
Denn längst hatten englische Schläger-Hersteller ihre Betriebe nach Pakistan und Indien verlegt. Dort fanden sie billigere Arbeitskräfte und Anbaugebiete für das harte, aber biegsame Manila-Drachenrohr vor.
Beim Olympia in München besiegten die Pakistanis zwar die verhaßten Inder, doch die Goldmedaille schnappten ihnen die Bundesdeutschen durch ein 1:0 im Endspiel weg. Radio Pakistan gaukelte den Daheimgebliebenen vor, die eigene Mannschaft wäre um den Sieg betrogen worden.
Staatspräsident Sulfikar Ah Bhutto erklärte seine Mannen spontan zu "moralischen Siegern", stiftete Gratisferien in Europa und rief zur Rache beim nächsten Olympia auf. Erst als in Rawalpindi die ersten Filmberichte eintrafen, schwenkte die Regierung um. Eilends entsandte Bhutto seinen Vertrauten Sahur Hassan in die Bundesrepublik, der in einer Frankfurter Moschee um Vergebung bat. Zugleich meldete er die Entlassung der einseitigen Rundfunkreporter.
"Wir sind ein temperamentvolles, überemotionales Volk", übte Bhutto vor 2000 Geschäftsleuten in Karatschi Selbstkritik. "Wir hatten einen falschen Eindruck vom Geschehen erhalten, und ich war wütend, ja, ich wollte sogar die diplomatischen Beziehungen mit Argentinien abbrechen." Ein Argentinier war Schiedsrichter im Endspiel gewesen.

DER SPIEGEL 15/1973
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