09.04.1973

Zwei Flugzeuge Kunst aus Maos Reich

China öffnet seine Schatzkammern. 400 Kunstwerke, von der Steinzeit bis zum 14. Jahrhundert, schickt die Volksrepublik erstmals zu Ausstellungen nach Paris und London. Fachleute erwarten ein Weltereignis: Die Schätze wurden erst in den letzten Jahren entdeckt und von den Chinesen als „historisches Erbe“ akzeptiert.
Im felsigen Gebiet der Ortschaft Mantscheng, in der chinesischen Nordprovinz Hopeh, wollten Volksarmisten des Vorsitzenden Mao einen Atombunker graben. Da gerieten sie in die Antike.
Hinter mächtigen Eisenpforten, eine sprengten sie mit Dynamit, öffneten sich ihnen unvermutet geräumige Gewölbe: Die Volksarmisten betraten die Grabkammer des Prinzen Liu Scheng aus der westlichen Han-Dynastie, der dort im Jahre 113 vor Christus zur letzten Ruhe eingeschlossen worden war.
Der Zufalls-Fund. im Sommer 1968, entpuppte sich als archäologische Sensation, vergleichbar nur der Entdeckung des Grabes von Tutenchamon. Denn die Gruft des chinesischen Feudalen barg Kunstschätze in großer Zahl und von ungeheurem Wert.
Rund 2800 Kleinodien waren dem
Prinzen auf die letzte Reise mitgegeben worden -- Bronze-Gefäße etwa, Weihrauch-Brenner, Leuchter in Tiergestalt oder die vergoldete Bronze-Plastik einer jungen Dienerin, die eine Lampe mit der Inschrift "Ewige Treue" hochhält; die Lichtstärke der Lampe ist regulierbar, Rauch entweicht in den hohlen Arm des Mädchens.
Das beste Stück freilich trug der Prinz am Leib: einen Toten-Anzug aus 2690 Jade-Plättchen, die durch Goldfäden im Gewicht von 1100 Gramm zusammengehalten werden. Die kostbare, erstmals in dieser Form gefundene Hülle sollte den Leib des Herrn konservieren; es blieb von ihm nur eine Handvoll Staub.
Kaum weniger prunkvoll war die Prinzessin Dou Wan, die Gattin des Feudalen, vermummt, die in einer Nebenkammer ruhte. Ihr Gewand ist aus 2156 Jade-Teilen gefügt und mit 703 Gramm Golddraht genäht; zehn Jahre, schätzten Archäologen, müßte ein einzelner Künstler daran wirken.
Kommenden Monat wird das Toten-Kostüm der Prinzessin Dou Wan in Paris zu sehen sein, zusammen mit rund 400 chinesischen Objekten aus der Steinzeit bis ins 14. Jahrhundert -- allesamt Ausgrabungen der letzten 20 Jahre. Im September geht die Ausstellung nach London, und dort wird sie schon höher geschätzt als die Tutenchamon-Schau des letzten Jahres.
Mit 140 Millionen Mark ist die China-Ausstellung fast doppelt so hoch versichert wie die ägyptischen Schätze. Zwei Flugzeuge, ein englisches und ein französisches, bringen die 13 Tonnen Altertum ins Abendland und transportieren damit auch die Frohbotschaft west-östlicher Annäherung.
Die Vorgespräche für die Kunst-Einreise hatten Mitte letzten Jahres in China stattgefunden. Überwältigt von der Antiken-Sammlung im Pekinger Palast-Museum, hatte der Brite Anthony Royle, Unterstaatssekretär im Foreign Office, bei chinesischen Diplomaten vorgefühlt: "Können wir das nicht auch in London ausstellen?"
Ohne Zögern sagten die Chinesen zu. Dasselbe Permit bekam Frankreichs Außenminister Schumann während seines Peking-Aufenthaltes. Anfang dieses Jahres schließlich führte eine englisch-französische Sinologen-Gruppe die Verhandlungen zu Ende.
"Einige Unikate haben uns die Chinesen nicht geben mögen", berichtet Professor William Watson, Ordinarius für chinesische Kunst an der Universität London; so war nur das Jade-Kostüm der Prinzessin, nicht das des Prinzen, als Leihgabe frei.
Der Pariser Professor Vadime Elisseeff, Konservator für antike chinesische Kunst, lernte dabei die Chinesische Kulturrevolution neu schätzen: Sie war keinesfalls eine
Zeit vandalischer Kunstvernichtung. "Die Französische Revolution", sagt Elisseeff, "hat sicherlich weitaus mehr zerstört."
Tatsächlich wurden während der Kulturrevolution, die Elisseeff lieber eine "Revolution der Mentalität" nennt, archäologische Ausgrabungen unbeirrt fortgesetzt -- getreu der Vorschrift des Vorsitzenden, "unser historisches Erbe zu studieren und mit Hilfe der marxistischen Methode kritisch zusammenzufassen.
Beispielsweise eruierten die- Chinesen über 5000 Siedlungsstätten der Jungsteinzeit und schaufelten 200 davon aus. In Grabstätten der alten "Seidenstraße" der Tang-Dynastie (um 800 nach Christus) fanden sich Gewebe. Schrift-Dokumente, dreifarbig glasierte Tonfiguren. Bei Grabungen in der Provinz Kansu im Jahre 1969 stießen Archäologen auf ein absolutes Meisterstück altchinesischer Kunst -- es geht mit auf die West-Tournee: das so genannte Fliegende Pferd.
Die 34,5 Zentimeter hohe Bronze-Statuette stellt ein Roß dar, das in vollem Lauf mit dem rechten Hinterhuf eine fliegende Schwalbe berührt. Pferde dieser Rasse ("Ferghana") wurden bei eiligen Botengängen entlang der Großen Mauer geritten, und sie waren, nach chinesischer Überlieferung, so schnell, daß sie Blut schwitzten.
Mittlerweile streiten die Gelehrten schon, wie des Rosses Gangart zu klassifizieren sei -- ob als mittlerer Trab (West-Ansicht) oder kurzer Galopp (China-Urteil).
Geld für die Ausstellungs-Organisation hat der britische Zeitungskönig ("The Times" und "The Sunday Times') Lord Thomson vorgestreckt -über zwei Millionen Mark. Ein Risiko gebt der Lord dabei kaum ein.
Er hatte auch die Tutenchamon-Schau in London vorfinanziert, die mit 1,6 Millionen Besuchern ein fabelhafter Erfolg war. Der Reingewinn von über vier Millionen Mark ging damals an die Unesco.
Der Gewinn der China-Ausstellung, die zweifellos ein ebensolches Weltereignis wird, soll dazu dienen, die Kultur-Bande zwischen London und Peking enger zu schlingen.

DER SPIEGEL 15/1973
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