09.04.1973

Heinrich Böll über Rudolf Augstein: „Jesus Menschensohn“Blick zurück mit Bitterkeit

Heinrich Böll, 55, erhielt im Oktober 1972 den Nobelpreis für Literatur.
Es müßte einer, um diesem Buch gerecht zu werden, unmögliche Aufräumungsarbeit leisten: den Verfasser Augstein von manchem Ruf, Ruch und Ruhm befreien, der ihm unvermeidlicherweise vorangeht; von SPIEGEL"Fluch" und SPIEGEL-"Segen", von der unglückseligen "Papierbombe unterm Weihnachtsbaum", einem unglückseligen Wahlkampf mit letzten Endes unglückseligem Ausgang. Was man dem Buch unter anderem nachgesagt hat, es sei im "SPIEGEL-Jargon" geschrieben, konnte ich nicht feststellen. Stellt man sich unter dem anonymen SPIEGEL-Jargon eine gewisse mit Süffigkeit aufbereitete Häme vor, so liest man diesen Jargon -- wenn man nicht gerade selbst der Betroffene ist -- gelegentlich ganz gern, weil er "flott" ist, ohne den geringsten "Ewigkeitswert" und Anspruch auf denselben. Ich zählte der Stellen in Augsteins Buch, denen man eine gewisse Schnoftigkeit nachsagen könnte, ganze acht, und hätte ich ein paar übersehen oder nicht als solche empfunden, so mögen's auf 430 Seiten ein Dutzend ein.
Die den Theologen am meisten ärgerliche dieser Stellen, "Der Heilige Geist. wenn denn überhaupt eine journalistische Begabung, ist ein schlechter Reporter". ist ja nicht einmal blasphemisch; wie uns gelehrt worden ist, ist ja die uns überlieferte Berichterstattung durch des Heiligen Geistes Kontrolle (oder Zensur) gelaufen. Außerdem hätte man sich über ein solches Bild nicht in frommem Zusammenzucken ärgern, sondern Augsteins Einstieg in die Materie daran aufhängen können. Augstein kann (loch wohl nicht ernsthaft glauben, ein Reporter, und wäre er der begabteste, berichte wahrheitsgetreuer als irgendein "Geist". sei er nun heilig oder nicht, oder irgendeine "poetische Kraft" habe geringeren Mitteilungswert als des Reporters Wort und Wörtlichkeit. Wenn am Anfang das Wort war, ist es, da ja meistens in Worten berichtet wird, keine Schande, ein Reporter genannt zu werden.
An diesem Einstieg fangen nach meiner Meinung Augsteins Irrtümer an, nicht seine Blasphemie, von der in diesem Buch leider wenig zu spüren ist. Immerhin liefert er selbst in seinem Vorwort die Einschränkungen für seine umfangreiche Arbeit mit, immerhin bezweifelt er nicht die historische Existenz dieses Jesus, er bezweifelt und bestreitet nur den atemberaubenden Anspruch eines Riesenimperiums, das sich auf die Existenz Jesu gründet; und er bezweifelt den schwindelerregenden Anspruch, alles, was nun auf dieser Erde als "sittlich" zu gelten habe, begründe sich auf die Botschaft "Wir aber glauben schon, daß es ihn. Jesus. gab, nicht nur als irgendeinen" (Seite 159), "daß er (Jesus) dort (in Jerusalem) war und auf irgendeine gewaltsame Art zu Tode gebracht wurde" (Seite 167). Irreführend an diesen Bekenntnissen ist nur der Plural, von dem ich hoffe, daß er kein Majestatis ist. Und immerhin sind einige Schlußfolgerungen erheblicher Art für Augstein nur "mutmaßlich", ist vieles nur "unwahrscheinlich" oder "ungereimt". Die Schwächen des Buches sind nicht seine polemischen Partien, die mir vergleichsweise harmlos, fast brav vorkommen. Eingeweihte wissen doch, daß es gerade innerhalb der wissenschaftlichen Literatur eine ganze Skala boshafter Seitenhiebe unter Wissenschaftlern gibt, auch unter Theologen, man schaue sich doch einmal an, was da alles etwa zwischen Rahner-Höffner-Flatten "gewechselt" wird.
Ich habe den Eindruck -- und sollte er täuschen und als Unterstellung empfunden werden, bitte ich um Pardon -, daß Augstein etwas Irrationales, das ihm verlorengegangen ist, in diesem Buch mit nur rationalen Mitteln als objektiv und endgültig verloren erklärt. Ich habe mir nie so recht vorstellen können, daß Glaube lehrbar, vererbbar' tradierbar sei, und gerade die Vernunft der Theologen hat mir immer am wenigsten eingeleuchtet; diese peinlich konstruierten Gottesbeweise, diese auf primitive Weise naturwissenschaftlich erklärten Wunder, diese Versuche, in einer Gleichung zweiten Grades Unglaublichkeiten achten Grades erklären zu wollen.
Was ich mir nur schwer vorstellen kann: daß Glaube ohne eine mystische, persönliche Komponente möglich sei, bin ich bereit, anderen zuzubilligen. Ich kann hier weder über Augsteins theologischen Versuch noch über die mehr als achtzig angeführten Standardwerke und die mehr als sechshundert zitierten Werke auch nur andeutungsweise so etwas wie ein "Fachurteil" abgeben, ich befinde mich, was Religion, Kirche etc. betrifft, in einem ausgesprochen vulgären Zustand, und ich frage mich, ob es einen "Gott der Theologen" gibt und einen anderen für den vulgus.
Ich bin nahe daran, Augsteins provozierende These von Seite 103 zu übernehmen: "Definition für Kirche: der Ort, an dem die Irrtümer der jeweils vorangegangenen Theologen-Generation berichtigt werden." ich möchte nur gern anstelle von Kirche Theologie setzen: "Definition für Theologie: der Ort ... usw.". Es erscheint mir als typischer Theologenirrtum (und Augstein ist hier eindeutig unter die Theologen gegangen), Kirche und Theologie gleichzusetzen. Es gehört doch mit zu den erstaunlichsten Wundern, daß sich nicht nur Religion, auch Glaube trotz der Theologie erhalten haben, und daß sogar noch Ansätze von "Kirche" da sind.
Es ist doch wohl -- allerfreundlichst ausgedrückt -- schon ziemlich arg gewesen, was uns (ich habe wohl eine vergleichbare Erziehung wie Rudolf Augstein, deshalb "uns") so alles zugemutet worden ist. Nicht nur der Flammentod des Giordano Bruno, auch die peinlichen und theologisch überflüssigen Gewissenstorturen, denen unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern und wir selbst ausgeliefert waren.
Man schlage doch einmal einen Katechismus aus dem Jahre 1930 auf, eine Schulbibel aus dem gleichen Jahr, diese idiotischen Steril-Editionen mit entsprechenden Illustrationen, und forsche einmal nach, wieviel etwa von der Theologie eines Erich Przywara darin zu finden wäre oder von den ökumenischen Ansätzen eines Arnold Rademacher.
Immer dann, wenn man die Gottesgelehrtheit dazu bringen möchte, doch endlich Tacheles zu reden, dann wird in einem abfälligen Ton von Vulgarisierung oder Popularisierung gesprochen. Für wen denn ist Religion da, für wen anders wird sie denn in der Theologie aufbereitet als für vulgus oder populus? Mag man jeder anderen Wissenschaft zubilligen, daß sie theoretische und abstrakte Bereiche hat, die nicht mitteilbar sind. Ich erwarte nicht, daß man die Formeln und Erkenntnisse Werner Heisenbergs auf der Straße verkaufen kann; aber zu was anderem, als vulgarisiert zu werden, sind Theologie, Kirche, Religion denn je dagewesen? Für meine Großmutter war noch das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes zwar Glaubensgegenstand, aber doch auf eine so verfluchte Weise gleichgültig wie der Mann im Mond. weil es sie nicht direkt betraf, und eine "Todsünde" wie Ehebruch lag wahrscheinlich außerhalb ihrer Reich- und Denkweite.
Worunter sie in eingetrichterter Skrupelhaftigkeit gelitten hat, was ihr naheging und ganzen Generationen Gewissenskrämpfe verursacht hat, war etwas theologisch so absolut Banales wie das Gebot der Nüchternheit vor dem Empfang der Kommunion. Man erinnere sich doch einmal bitte gnädigst daran, wieviel Stunden des Religionsunterrichts darauf verwendet wurden, die Möglichkeit, daß beim Zähneputzen ein Tropfen Wasser die Kehle hinunterschlüpfen könnte, zu diskutieren, und welch ein Angstsystem um solche Idiotien herum aufgebaut wurde.
Über diese Vorschrift, die unbegründet und mit einer beispiellosen Schnödigkeit über Nacht aufgehoben wurde, lachen wohl heute die Theologen. Ich finde das gar nicht zum Lachen. Der vulgus erfährt Religion eben in vulgarisierter Form. Damals fand sich kein Theologe, der den leidenden und stöhnenden katholischen Teil der Menschheit von dieser banalen und magisch wirkungsvollen Disziplinierungsvorschrift befreit und die lächerliche Strafe der Exkommunikation riskiert hätte.
Der vulgus leidet eben immer auf seine vulgäre Weise, und wenn man ihn schon so verachtet, daß vulgär zu einem Schimpfwort wird, dann sollte man doch auf ihn verzichten. Dieser verachtete vulgus leidet nie unter den Problemen, die sich aus theologischen Höhenlagediskussionen ergeben: die kommen unten, in jedem Fall vulgarisiert, ohnehin als Disziplinarvorschriften an; da unten, wo sie wirklich Fleisch werden, sind sie unvermeidlicherweise vulgär.
Nur im Blick zurück, mit viel Zorn und noch mehr Bitterkeit, kann man wahrscheinlich ermessen, was an den heutigen Vorschriften sich in Zukunft als ebenso banal erweisen könnte: Zölibat, Geburtenkontrolle, Unauflöslichkeit der Ehe.
Leider ist auch Augsteins Buch so gar nicht vulgär oder populär, und der Streit wird wieder einmal zu einem Theologenstreit. Geschenkt. Es ist schade, daß Augstein, möglicherweise in einer modischen Furcht vor "Emotionen", weder ein religiöses noch ein antireligiöses, sondern eben ein theologisches Buch publiziert hat. Es ist nichts Unehrenhaftes daran, auf diese Weise unter die Fachleute zu gehen, es fragt sich nur: Wird das viel mehr bewirken als ein paar aufgescheuchte Theologen, die ihn wieder einmal fachlich widerlegen oder korrigieren möchten? Mehr bliebe da nicht, wenn nicht, ja, wenn nicht die Theologen beider Konfessionen ihren Ärger über einige Seitenhiebe (mein Gott, es wäre doch gar kein wissenschaftliches Buch ohne diese Seitenhiebe!) vergessen und sich selbst nachliefern, was Augstein sich und ihnen versagt hat: daß hier jemand schreibt, der wohl eine klassische katholische Erziehung genossen hat und gewiß nicht mehr Grund hat. "böse" zu sein oder sich "rächen" zu wollen als zig Millionen andere.
Immerhin beschäftigt sich hier noch jemand ernsthaft mit Jesus und der Kirche, bei weitem nicht so unfair, wie man ihm unterstellt hat, und wenn auch das Ergebnis dieser Untersuchung in dem niederschmetternden Halbsatz mündet, die Theologie scheint den
* Julius Schnorr von Carolsfeld: "Jesus reinigt den Tempel".
bitteren Weg ihrer Selbstaufhebung zu Ende gehen zu müssen" -- so sollte man nicht wieder den simplen und leider gewohnten Weg wählen, den Zerschmetterer schlichtweg zu verteufeln und zu denunzieren, sondern sich überlegen, ob in diesem Halbsatz nicht mehr als ein Fünkchen Wahrheit verborgen ist.
Ist die klassische Theologie denn nicht am Ende? Ist sie nicht mehr und mehr ein Spiel unter Eingeweihten, die sich in Windungen und Gewundenheiten ergehen, vernarrt in und festgebissen an einen Fachjargon, eine Gruppe von Illusionären, die es als Sensation empfinden, wenn der Vatikan ihnen gnädigst erlaubt, die Frage zu diskutieren, ob Laien eventuell in der Kirche predigen dürfen. Spürt man nicht, wie absurd das ist, wie lächerlich, relativ banaler noch als die Nüchternheit vor der Kommunion? Immerhin war ja irgendwann am Anfang mal das Wort, und man könnte als Schlußsatz ans Ende der klassischen Theologie vielleicht den Satz setzen: "Und das Wort ist verlorengegangen."
Augsteins Irrtümer sind fast die gleichen wie die der klassischen Theologie. Wenn er feststellt, daß Jesus Dämonen immer nur mit Worten ausgetrieben habe, so kann ich nur boshaft fragen: Na und? Worte können eben heilen, auch Zärtlichkeiten, Speichel. Handauflegen, Liebe. Es ist ebenfalls ein Irrtum anzunehmen, schriftliche Überlieferungen seien zuverlässiger als mündliche. Auch schriftliche Überlieferungen können redigiert, manipuliert, gefälscht werden, und wenn Augstein, um die historische Zuverlässigkeit eines Textes anzuzweifeln, sagt, es seien eben "Dichter am Werk" gewesen, so ist die unterstellte Voraussetzung Dichtung gleich Unwahrheit oder Ungenauigkeit schlichtweg falsch.
Wenn ich wissen möchte, was sich hinter dem großen Wort "Spanien' verbergen könnte, und ich lese meinen Cervantes, werde ich da einfach nur "falsch informiert", oder vermittelt Cervantes nicht doch eine Vorstellung von Spanien, die sich sogar partiell mit der eines ihm so konträren Geistes wie Andersen-Nexö deckt?
Mag man mir getrost unterstellen, daß ich hier pro domo spreche, nicht gegen den Zeitgenossen und Journalisten, sondern gegen den Theologen Augstein. Dichtung ist nicht gleich Unwahrheit, Legende sowenig gleich Lüge wie Mythos. Dichtung ist auch kein Gegensatz zu Geschichtswissenschaft, beide können einander ergänzen, indem sie sich von weit entfernten Standpunkten dem gleichen Gegenstand nähern. Auch die Schriftsteller betreiben etwas, was die Physiker vielleicht "Prüfung des Materials" nennen würden. Im übrigen wählt ja auch ein Reporter aus, komprimiert, komponiert, überarbeitet, und wenn Augstein zweimal (Seiten 299, 314) die "poetische Kraft" in Gegensatz zur Wirklichkeit stellt, so verfällt er einem typischen Theologenirrtum. Ob sich nicht eines Tages herausstellen könnte, daß die einzig ernst zu nehmende theologische und religiöse Literatur von Dichtern geschrieben worden ist?
Wenn Augstein vom Evangelisten Johannes sagt, er habe es genau, genauer als Markus wissen wollen, so bestätigt er meine Vermutung. Ziemlich viele Schriftsteller (oder meinetwegen! Dichter) wollen es möglichst genau wissen: Er lese einmal Peter Handkes "Wunschloses Unglück" und frage sich. wo hier Dichtung zu Wahrheit und Wahrheit zu Dichtung wird, und auch Theologen sei diese Botschaft als Lektüre empfohlen. Sie könnten erkennen. wie, als wie mieses Kleingeld Theologie beim vulgus erfahren wird. Dostojewski hat von Psychologie im Sinne der Wissenschaft keine Ahnung gehabt und hat doch die psychologischen Romane geschrieben, und ich weiß immer noch keine bessere literarische Jesus-Darstellung als seinen "Idioten". In Augsteins Buch fallen die paar Rilke-Verse wie Sternschnuppen ein.
Augstein, so scheint mir, hat in diesem Buch viel weniger gegeben, als er könnte. Religion ist kein emotionsneutraler Gegenstand. Deshalb ist es extrem unsachlich, sich ohne Emotion damit zu beschäftigen. Das, nicht seine "Blasphemie", nicht seinen unglaublichen Forscherfleiß (daß er sich möglicherweise dabei hat helfen lassen. halte ich nicht für eine Einschränkung) kann man ihm vorwerfen.
Diese Abrechnung eines katholisch erzogenen Zeitgenossen war fällig, auch die Provokation der Theologie, in die das Buch mündet. Bloßer Ärger. Gekränktheit über Augsteins Buch wären eine peinliche Reaktion seiner "Kollegen"
Dieses Buch, von einem Zeitgenossen geschrieben, der wahrscheinlich ungefähr der gleichen Erziehung wie ich teilhaftig geworden ist, bat mich angeregt und was man mir wahrscheinlich als unsachlich ankreiden möchte in dieser Rezension, kommt aus einer möglicherweise noch nicht erkannten ganz anderen Sachlichkeit und Vernunft. Die Geringschätzung des Poetischen, das seine eigene Sachlichkeit und seine eigene Vernunft hat, ist ein grober Irrtum der Theologen. Was sonst könnte sich denn als wahr erweisen und erhalten an den Evangelien und an dem, dem sie zugeschrieben worden sind, als die Poesie an ihnen und an ihm? Kann man Verachtung und Höflichkeit besser ausdrücken als durch Schweigen vor Gericht?

DER SPIEGEL 15/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Heinrich Böll über Rudolf Augstein: „Jesus Menschensohn“:
Blick zurück mit Bitterkeit

  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"