09.04.1973

OPERMajestätisches Lächeln

Maria Callas kehrt zur Oper zurück. In Turin debütiert sie diese Woche als Regisseurin.
Einst ließ ihr Zwist die Opernfreunde erschauern. Wie sich -- 1955 auf der "Scala"-Bühne -- Tenor Giuseppe ("Pippo") Di Stefano durch seine Partnerin Maria Callas von der Rampe gedrängt fühlte und nicht mehr weitersang: das ist legendär geworden.
Der Zwischenfall allerdings hinderte die Sänger-Kontrahenten nicht, danach noch manchen Opernabend und manche Plattenaufnahme mit Glanz zu bestreiten. Und selbst heute, da "die Göttliche", 49, sich auf eine Tätigkeit als Gesangslehrerin zurückgezogen hat, während Di Stefano, 52, noch hier und da auf Operettenbühnen auftritt. wollen die beiden noch einmal große Oper machen.
Zur festlichen Eröffnung des Turiner "Teatro Regio" (am Dienstag dieser Woche) haben Maria Callas und Di Stefano Verdis "Sizilianische Vesper" einstudiert -- nicht als Sänger freilich, sondern als Regie-Debütanten.
Schwarz gewandet, mit Samtmütze. großer (nur vor Photographen flink entfernter) Brille und einer gewissen Heiterkeit nahm die einstige Primadonna assoluta am Regiepult Platz:
"Sie kann lächeln", urteilte die Zeitung "II Giorno", "aber es ist ein majestätisches Lächeln. Selbst wenn man nur zwei Schritte von ihr entfernt steht, sieht sie einen kaum -- nicht nur wegen ihrer berühmten Kurzsichtigkeit, sondern weil zwischen den Bereichen des Göttlichen und des Menschlichen keine Beziehungen bestehen."
Ein solcher Hauch von Überirdischem war der Fiat-Stadt gerade recht, um die Wiedereröffnung ihrer historischen, 1936 abgebrannten und erst jetzt anspruchsvoll mit 1800 Plätzen neu erbauten Oper zur internationalen Gala zu erhöhen.
Die Rechnung (Regiehonorar der Callas: 40 000 Mark) scheint aufzugehen. 200 Kritiker und ein halbes Dutzend Fernsehteams werden zur Stelle sein, um von Bühne und Foyer zu berichten; Turms Modehäuser hatten eigens für das Ereignis der Saison prunkvolle Abendkleider vorgeführt.
Opernfreunde aus Marseille schickten einen Scheck für 50 Premieren-Plätze, auch deutsche und englische Interessenten orderten ganze Sitzreihen. "Ich hätte", schwärmt der Intendant des Hauses, "jeden Platz für 1000 Mark verkaufen können." Aus Rom sagte sich Staatspräsident Leone mit 50köpfigem Gefolge an. Auch ihren einstigen Gefährten Onassis samt Gattin Jackie hat die Bühnenkünstlerin eingeladen.
Die weltberühmte Jungregisseurin -- der 87jährige, Ende letzter Woche von einem Schwächeanfall heimgesuchte Dirigent Vittorio Gui redete sie als "liebe Tochter" an -- ließ sich bei den infolge eines Musiker-Streiks verspäteten Proben gelegentlich sogar mit Gesang vernehmen. Als die Darstellerin der Herzogin Elena einmal verhindert war, übernahm sie diesen Part, mit dem sie 1951 ihren ersten "Scala"-Erfolg errungen hatte.
Im übrigen drang wenig Proben-Geräusch nach außen; die Callas hatte das Theater sorgsam abschirmen lassen. Einen neugierigen Kritiker, der sich kostümiert in den Opernchor eingeschlichen und der dort leise mitgesungen hatte, entlarvte und entfernte sie unverzüglich. Von einer -- echten -- Choristin erfuhr die Öffentlichkeit noch, die Regisseurin tue für ihr Geld "eigentlich wenig".
Das ist Prinzip: "Heutzutage", sagt die Callas, die das "Vesper"-Libretto behutsam modernisiert hat, "wird viel zuviel Gewicht auf Regie gelegt." Statt Inszenierungs-Gags zu erfinden, will sie "demütig, ich sagte demütig, den Anweisungen des Autors folgen".
In aller Demut, meint der Star-Regisseur Franco Zeffirelli, habe Maria Callas "das Zeug zu einer großen Regisseurin". Sie mache "bloß einen Fehler". nämlich, "daß sie Di Stefano heranzieht. Bei ihrem Talent hat sie keine Hilfe nötig".
Aber: Einschlägig interessierte Beobachter wollen die beiden Ex-Sänger schon "Hand in Hand" gesehen haben.

DER SPIEGEL 15/1973
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