09.04.1973

Kongresse: Ein Volk geht auf Spesenreise

Europas Großstädte wetteifern mit Millionen-Investitionen und gigantischen Bauten um die Gunst der Kongreßreisenden. In dieser Woche eröffnet Hamburg die größte Tagungsmaschine Europas; Paris und West-Berlin bauen noch größer. Denn die Kongreßbranche expandiert stärker als alle anderen touristischen Sparten; Kongressisten geben das meiste Geld aus. Kritiker jedoch warnen vor den Unterhaltskosten der Prestige-Monumente.
Um anzuziehen, geben sie sich gern eine Blöße: Ins Maritim am Timmendorfer Strand lockt eine Bikini-Blondine, das schwäbische Böblingen zeigt ein Revue-Gin in sparsamem Flitter, und Basel präsentiert sich gar oben ohne und im Mini-Slip.
Stadtväter und Hoteliers, Fremdenverkehrsverbände und Kurverwaltungen von Mexico City bis Montreux, in Paris, London, Brüssel, Rom, aber auch Bad Neuenahr und Berchtesgaden raufen sich um den beliebtesten Touristen -- den Kongreßteilnehmer.
Ab Sonnabend dieser Woche kann die Bundesrepublik erstmals mit einem Kongreßzentrum von Weltniveau locken: Dann wird in Hamburg, zwischen Dammtorbahnhof und dem Park-Gelände "Planten un Blomen", das "Congress Centrum Hamburg" (CCH) eröffnet -- mit Freddy Quinn und Katja Ebstein, tausendköpfiger Prominenz und 1400 ausgelosten Bürgern, die in der Rolle des Volkes der Weihe des Hauses beiwohnen dürfen.
Der Stahlbeton-Palast wurde in drei Jahren und für 140 Millionen Mark hochgemauert und gilt nun als größte Kongreßstätte Europas. In seinen 17 Räumen, vom 25-Personen-Konferenzzimmer bis zum Saal mit 3000 Plätzen, können 10 000 Teilnehmer Platz finden; bei 7500 soll die Tagungsmaschine noch garantiert reibungslos funktionieren.
Trotz der "stupenden Modernität" ("Die Welt"), trotz der vielen versenkbaren Wände, trotz Knoll und Kinkeldey und des ganzen elektronischen Kommunikationskomforts offenbart das CCH äußerlich eher anheimelnd-biedere Umrißlinien: auch im Innern kommen beunruhigende Einrichtungseinfälle nicht vor.
Architektonisch verbunden mit dem Tagungstrakt ist Westdeutschlands höchster Bettenberg, das "Hamburg Plaza", mit 118 Metern Höhe nur fünf Meter kleiner als Ost-Berlins Interhotel "Stadt Berlin".
Die vom US-Konzern Loews bewirtschaftete Luxus-Unterkunft, die mit dem Slogan "Von oben lebt sich's leichter" Gäste anlockt, vermietet seine 570 Zimmer zu vergleichsweise günstigen Preisen (ab 82 Mark für das Einzel-, ab 95 für das Doppelzimmer).
Bauträger von CCH und "Plaza", das zu Hamburgs elegantester Hochhaus-Silhouette geworden ist, war die gewerkschaftseigene Baugesellschaft "Neue Heimat", die auch noch ein Loews Hotel in Frankfurt bauen wird. Das hohe Hamburger Haus hat sie für 30 Jahre an den Konzern verpachtet. mit zusätzlicher Umsatzbeteiligung. Sobald nebenan der Tagungsbetrieb beginnt und die Kongreßteilnehmer zum Schlafen kommen, soll das Verdienen losgehen.
Die Entwicklung des Kongreß-Geschäfts berechtigt, scheint's, zu frohen Hoffnungen: Bereits im letzten Jahr fanden rund um die Welt schätzungsweise 6000 Kongresse statt; rund drei Millionen Teilnehmer (und Begleitpersonen) gaben dabei rund drei Milliarden Mark aus.
Fachleute, wie der Kopenhagener Tourismus-Forscher Ejler Alkjaer, sehen die internationale Kongreßlawine bis 1975 auf etwa 10 000, bis 1985 auf annähernd 20 000 Veranstaltungen anschwellen: Ein Volk von Kongreßfahrern wird dann aufstehen und auf die beliebte Spesenreise gehen -- laut Hochrechnung der "Zeit" mobilisieren dann die Kongresse gar "soviel Teilnehmer, wie Frankreich Einwohner hat".
Im Kampf um diese Millionen und ihre Milliarden mag sich kaum eine Großstadt mehr auf ihre bestehenden Festsäle, Stadthallen und Hotels verlassen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, wuchten sie immer gewaltigere Kongreß-Maschinen aus der Erde: Hamburg ist bereits fertig. Paris baut noch. Berlin wird folgen. Tokio und Wien bosseln an den Entwürfen.
Deutschland galt bislang im internationalen Kongreß-Betrieb als Entwicklungsland, geschätzt nur als Zulieferer von zahlungskräftigen Kongressisten für die etablierten Versammlungsorte im Ausland.
Denn die im Handbuch der Kongreß- und Tagungsstädte verzeichneten 248 bundesrepublikanischen Kongreßorte haben oft nur eine biedere Aula, einen Festsaal oder eine Stadthalle anzubieten: so fielen von den internationalen Kongressen auch 1972 nur fünf Prozent für die Bundesrepublik ab.
Der sogenannte Kongressist, dem mit viel Werbung und Versprechungen nachgestellt wird, ist so begehrt, weil er so spendabel ist: Er kann, wie ein Geschäftsreisender, seine Unkosten von der Steuer absetzen, falls er nicht ohnehin auf Spesen seines Verbandes oder seiner Firma reist.
Folglich liebt er es komfortabel, erlebt gern was, wenn seine Sitzungen zu Ende sind, und läßt es sich auch sonst gutgehen. Marktforscher haben errechnet, daß er pro Tag und Übernachtung mehr als jeder Urlaubsreisende ausgibt, in der Regel 120 Mark.
Hinzu kommt, daß ein Kongreßtourist nie alleine auftritt und zumeist seinem Tagungsaufenthalt (durchschnittlich fünf Nächte) gern noch ein paar Ferientage am Ort oder in der Umgebung anhängt.
Hamburg bietet, neben propagierten Vorzügen wie Hafen, Heide und Helgoland. dem potenten Tagungsgast zusätzlich das, was viele suchen, wenn sie mal fern von Muttern sind: Amüsement und Anonymität. So taucht denn auch auswärts immer wieder Hamburgs "aufregendes Nachtleben" verheißungsvoll in CCH-Anzeigen auf, und zum Besichtigungsprogramm für ausländische Kongreßmanager' die von den CCH-Akquisiteuren auf Hamburg scharfgemacht werden sollen, gehört natürlich auch immer eine Nacht auf der Reeperbahn.
Kongresse finden vorzugsweise statt, wo es schön ist: Bestimmte Berufssparten, Zahnärzte etwa, haben ein Faible für Sankt Moritz, citymüde Manager für Sierksdorf oder den Maritim-Luxus am Ostseestrand. Und auch beliebte südlichere Zonen wie Mallorca oder Sardinien (Porto Cervo) werden von Kongreß-Liebhabern gern angejettet.
Denn am allerliebsten treffen sich bessere Kongressisten an fernen Orten mit möglichst hohem Freizeitwert. So wählte beispielsweise der "Internationale Verband für Gesundheit, Leibeserziehung und Recreation" Kingston auf Jamaika für seinen 14. Weltkongreß, und auch den "Weltlehrerverband" zog es an den karibischen Strand. 10 000 Dentisten tagten in Neu-Mexiko, die Psychosomatiker und Rotarier in Tokio, und die "Ärzte in der internationalen Föderation der Widerstandskämpfer" wenigstens im herbstlichen Paris.
Kongreß-Zusammenkünfte sind heute jedermanns Sache: Es treffen sich Krankenschwestern und Polizisten, aber auch Zauberkünstler, der "Klub langer Menschen" und die Anhänger des weiblichen Strumpfbandes ("Strapsfreunde e. V."). Natürlich haben sich auch die Kongreß-Macher selbst schon versammelt: In Kopenhagen tagte 1966 der "4. Internationale Kongreß über Kongreßorganisationswesen".
Seither geht Professor Alkjaers frohe Botschaft vom sprunghaften Wachstum des Kongreßtourismus und der sogenannten "Jumboisierung" der Veranstaltungen um die ganze Welt. "Wenn größere und bessere Tagungs- und Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen werden", so macht Alkjaer den Städten Mut, "wird es auch mehr Jumbo-Kongresse (mit mehr als 2000 Teilnehmern) geben."
Ganz wichtige Kongresse, so Alkjaer, zögen zudem Scharen von Schlachtenbummlern aller Art an. So hätten 1972 etwa bei der Umweltschutzkonferenz in Stockholm die 1400 Delegierten mitgebracht oder nach sich gezogen: 600 Ehefrauen oder andere Begleiter, 1200 Presseleute und 1800 zusätzliche Polizisten zur Sicherung gegen Tausende von Demonstranten, die nach Stockholm geströmt seien. "und die ja auch Umsätze gebracht haben".
Und auch ein neuer Zug aus der Neuen Welt stimmt Alkjaer hoffnungsfroh: Immer stärker werde, so behauptet er, gerade im meeting-freudigen Amerika die Tendenz, auch nationale Kongresse ins Ausland zu verlegen. Bei solchen Zukunftsklängen hören die Hamburger bereits die Kassen klingeln. "Wenn Alkjaer auch nur zur Hälfte recht hat", frohlockt CCH-Direktor Paul G. Langfeld, zuvor Repräsentant der Hansestadt in New York, "ist es auch schon gut."
Alkjaers optimistische Prophezeiungen werden insgesamt auch von der einzigen bundesdeutschen Untersuchung über Kongreßtourismus bestätigt. "Von besonderer Bedeutung" erscheint ihr jedoch "der Hinweis auf rentable Größenordnungen".
Demnach bleiben auch zukünftig die kleineren Versammlungsstätten gut im Geschäft. etwa die "Maritims" des Bad Salzuflener Maschinenfabrikanten Hans-Joachim Gomolla, der schon 1968 mit seinem Luxushotel am Timmendorfer Ostseestrand nebst angegliedertem Kongreßzentrum für 1200 Personen ins Tagungsgeschäft eingestiegen war. Bereits 1970 konnten die Maritim-Manager 270 Kongresse nach Timmendorf lotsen; heute sind 70 Prozent aller Übernachtungen sogenannte "Kongreßnächte".
"Wir wollen uns im Kongreß-Karussell", so Marketing-Direktor Günter Lüttgen, "künftig um uns selbst drehen": Maritim-Kunden (zu 70 Prozent Stammkunden), die Abwechslung wünschen, sollen von einem Hotel des Unternehmens zum nächsten weitergereicht werden.
Dazu wird die Maritim-Kette derzeit weiter ausgebaut. Es entstehen Luxuszentren mittler Größenordnung in Travemünde und Bad Soden (im Taunus), Neubauten in Garmisch, Böblingen und Braunlage sind geplant, projektierte Auslandsziele sind Marbella, Athen, Ostafrika, Australien und Israel.
Ein Stab von sechs Verkaufsleitern ist ständig mit einem Maritim-Farbfilm auf Promotion-Tour, kontaktet Tour-Operators. Reisebüros und Fluggesellschaften sowie potentielle Kunden auf großen Kongressen oder lädt Vertreter tagungsverdächtiger Firmen und Verbände zu sogenannten Familiarization-Tours -- kostenlosen Orientierungsaufenthalten -- in die Maritims.
Touristik-Unternehmer mit der Nase im Wind haben das neue Business auch schon gerochen. So baut etwa Scharnow schon seit zwei Jahren eine eigene Abteilung für Gruppenreisen auf, um auf diese Weise brachliegende Flugkapazitäten ausnützen zu können.
Neckermann, der 1972 mehr versuchsweise 600 Fachärzten im Auftrag einer Arzneimittelfirma ein Drei -Tage-Symposium in Malta samt Flug und Beherbergung organisierte, will nachziehen und rüstet einen Spezialstab.
Und die Hapag-Lloyd schippert nun schon seit einigen Jahren die besonders kongreß- und reiseversessenen Mediziner auf der "Europa" zu sogenannten Fortbildungs-Symposien durch die Karibik. die Ostsee, in griechische Gewässer oder auf Polarkreuzfahrt.
Daß Kongresse fast nie während der Hauptferienzeit veranstaltet werden. sondern die Sauregurkenzeit vor und nach der Hauptsaison gewinnbringend zu überbrücken helfen, macht sie bei allen Touristikern zusätzlich beliebt. "Der Kongreßreiseverkehr"' so befanden Münchner Tourismusforscher' "könnte als geeignetes Mittel der Saisonverlängerung angesehen werden."
Die "Top Ten" in dieser Touristik-Spezies sind indes immer noch Paris. Genf und London, Brüssel, Straßburg und Wien. Immerhin liegt West-Berlin schon heute an zehnter Stelle im Rennen. nach Rom, New York und Mexico City.
Hamburg taucht bislang auf der internationalen Beliebtheitsliste nicht einmal unter Ferner liefen auf. CCH-Langfeld weiß. daß die Hansestadt. vor allem für US-Reisende. ihre Existenz als Kongreßstadt erst einmal beweisen muß, um potente Veranstalter aus den traditionellen Versammlungs-Dorados wegzulocken. Sein Konzept: "Wir müssen Deutschland eben als das Land verkaufen, wo alles klappt und stimmt."
Von einer Rentabilität des Unternehmens wird, wie übrigens bei allen neuen Zentren, nicht gesprochen, nicht einmal für die Zukunft "Hamburg braucht solche Dominanten", meint der zuständige Senator Wilhelm Eckström, und auch CCH-Boss Langfeld ist schon zufrieden, wenn seine Kongreßmaschine nur animierend "als Pumpe für Hamburgs Wirtschaft" funktioniert.
Kritiker indes sehen die Prestige-Monumente, die sich gegenseitig das Geschäft abjagen, schon leer stehen und nur kräftig Millionen schlucken. "Die Folgekosten dieser großen Tempel". so Rolf Gersbacher, erfahrener Kongreß-Insider und Direktor des zukünftigen Innsbrucker Centers, "sind einfach zu hoch." Hamburg, so meint er, werde in sein CCH jährlich "gut vier bis fünf Millionen" stecken müssen. Und die Berliner werde ihr neues Center gar achtmal soviel kosten wie die bisherige Kongreßhalle.
Zudem ist Gersbacher überzeugt, daß der von Alkjaer ("Ich bin ein berufsmäßiger Optimist') vorausgesagte Kongreß-Boom aus den USA "mindestens bis 1978 Illusion bleibt".
Denn noch nicht einmal ein Viertel Prozent des amerikanischen Kongreßaufkommens haben Europas Akquisiteure bis heute über den Ozean abgezogen. Kein einziges Land auf diesem Kontinent, so wurde jüngst auf der Berliner Tourismus-Börse offenbar, kann bislang zehn Kongresse aus den USA nachweisen.
Bis das schwerfällig anrollende Kongreß-Geschäft in Gang kommt. lasten die CCH-Organisatoren ihre Kapazitäten guten Gewissens mit unterhaltsamen Abendveranstaltungen aus. Daliah Lavi wird singen, die Les Humphries und die Valente, ein Hafenkonzert, die Wiener Symphoniker, Hermann Prey sind eingeplant, aber auch Bälle, Betriebsfeste und TV-Veranstaltungen.
Den Prestige-Vorsprung als Europas größtes und modernstes Center für Jumbo-Kongresse wird Hamburg sowieso bald wieder einbüßen.
Schon im kommenden Jahr eröffnet Paris seinen neuen Kongreßpalast an der Porte Maillot, der mindestens 250 Millionen Mark verschlingen wird: mit einem großen Saal. der noch ein bißchen größer ist als der in Hamburg, und einem Turmhotel. zwölf Meter höher als das Loews Plaza.
Allerdings, 1978 soll dann Berlin das blaue Band der Kongreßgiganten wieder heim in deutsche Lande bringen: mit einem neuen Superlativ, der schon laut Planung 450 Millionen Mark kosten soll -- dreimal soviel wie das Hamburger Riesending.

DER SPIEGEL 15/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kongresse: Ein Volk geht auf Spesenreise