09.04.1973

SCHULBÜCHERPolen vorn

Deutsche und Polen entgiften seit einem Jahr gemeinsam ihre Schulbücher. Bessere Fortschritte erzielten bislang die Polen.
Achtundzwanzig Jahre nach der Kapitulation und achtundzwanzig Monate nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages pries Professor Georg Eckert, 60, den Kniefall des Bundeskanzlers in Polen: "Die deutschpolnische Schulbuch-Revision wurde erst möglich nach Willy Brandts Polenreise. Hier liegt die psychologische Voraussetzung für unsere Arbeit."
Die praktischen Voraussetzungen schafft seit Jahren der Historiker Eckert: Letzte Woche tagte die deutschpolnische Schulbuchkonferenz zum dritten Mal, um negative Klischees des jeweils anderen Landes aus den eigenen Lehrbüchern auszumerzen. 16 Polen und doppelt so viele Deutsche, zumeist Professoren, Verlagsvertreter und Autoren, trafen sich in dem von Eckert geleiteten Internationalen Schulbuchinstitut zu Braunschweig.
Der polnische Delegationschef Professor Wladyslaw Markiewicz konnte, dank eines einzigen (staatlich gelenkten) Schulbuchverlages, bereits Resultate vorweisen: "Wir haben 1972 bei uns die erste Säuberungsaktion durchgeführt" Dagegen hatten die Deutschen lediglich Stückwerk anzubieten. Nur einzelne Verlage haben von sich aus das überlieferte Polen-Bild in ihren Büchern revidiert.
Als in der Volksrepublik Polen wie in der Bundesrepublik Schulbuch-Kommissionen 1972 ihre Arbeit aufnahmen. hatten beide Seiten die gleichen Probleme:
Deutsche wie polnische Schiller lernten jeweils vom anderen Land nur das. was ideologisch erwünscht war, mithin also in die staatlich verordnete Bildungspolitik paßte. So hielt sich in deutschen Erdkunde- und Geschichtsbücher mit Billigung der Kultusminister bis heute teutonischer Dünkel:
* Deutsche Kultur schuf Lebensqualität im Osten, etwa im Sudetenland: "Vor 800 Jahren rodeten deutsche Bauern diese Wälder und verwandelten die Wildnis in ein blühendes Ackerland" (1969 im Erdkundebuch "Deutsche Landschaften" des Stuttgarter Klett-Verlags).
* Deutscher Fleiß von einst berechtigte zu späteren Gebietsansprüchen: "Gebiete, die vor Jahrhunderten in friedlicher Arbeit gerodet und kolonialisiert worden waren, wurden ihren Besitzern genommen" (1970 in "Wir erleben die Geschichte" des Bayrischen Schulbuchverlags).
Die polnischen Schulbuch-Autoren standen ihren deutschen Kollegen nicht nach. So wurde die Bundesrepublik häufig als revanchistischer Nachfolger des Hitler-Staates angeschwärzt: "West-Berlin ist ein Zentrum feindlicher Tätigkeit der westdeutschen Imperialisten und Revisionisten, deren Tätigkeit gegen die sozialistischen Länder gerichtet ist" (1968 in einem "Geographiebuch für die Klasse VII").
Wenn auch in polnischen Schulbüchern nun nicht mehr stehen soll, daß in der Bundesrepublik der Revanchismus grassiere' so sind die polnischen Schulbuchrevisoren von diesem Wandel noch nicht so recht überzeugt. Denn bislang hat die bundesdeutsche Kultusministerkonferenz (KMK) die "Empfehlungen zur Ostkunde" offiziell nicht aufgehoben. Und Polens Delegationschef Markiewicz bohrte letzte Woche in Braunschweig: "Ich halte diese Empfehlungen für einen Ausdruck des Revanchismus."
Diese Empfehlungen, die 1956 von der Vertriebenen-Lobby durchgedrückt worden waren, sollten für rechte Ostkunde an den Schulen sorgen und den Schülern ein "inneres Verhältnis zu den Vertreibungsgebieten als zur Heimat eines Teils ihres Volkes" einimpfen.
Mittlerweile stehen die meisten Kultusminister diesem Produkt aus kalten Kriegszeiten eher ablehnend gegenüber. KMK -Generalsekretär Kurt Frey: "Die Empfehlungen sind zwar da und bleiben da, nur daß sie in den Kultusministerien niemand mehr ernst nimmt."
Derlei Taktieren stiftete Verwirrung, wie der Braunschweiger Westermann-Verlag vor einigen Wochen erfahren hat, als er einen neuen Atlas der Stuttgarter Kultusbehörde zur Genehmigung vorlegte, in dem Kartenwerk wird Polen mit den neuen Grenzmarkierungen (keine Gebiete mehr "unter polnischer Verwaltung") gezeigt.
Daraufhin teilte ein Ministerialrat dem Verlag mit. "daß die Karten mit ihren Grenzmarkierungen den derzeitigen Vorschriften in Baden-Württemberg widersprechen. Der Atlas kann daher nicht für den Gebrauch an Gymnasien zugelassen werden".
Dem Kultusbürokraten war allerdings entgangen, daß kurz zuvor dieselbe Behörde denselben Atlas für Volks- und Realschulen genehmigt hatte.
Außer der Gefahr, daß die Gutachterausschüsse der Kultusministerien ein Buch ablehnen, scheuen westdeutsche Schulbuchverleger auch noch das durch zahlreiche Konkurrenten gesteigerte Absatzrisiko. So sind sie vielfach dazu übergegangen, Schönheitskorrekturen den Vorrang vor schwerwiegenderen und entsprechend kostspieligen Eingriffen in die Texte zu geben.
* Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410.
Den deutschen Chef-Revisor Eckert beschlichen bei der Braunschweiger Tagung noch ernstere Sorgen. Die Tatsache, daß Geschichte nicht nur in den umstrittenen hessischen Rahmenrichtlinien, sondern auch von Lehrern anderer Bundesländer als selbständiges Unterrichtsfach in Frage gestellt wird, nagte am Elan der deutschen Delegierten und nährte bei ihnen Zweifel, ob sie nicht überhaupt leeres Stroh dreschen.
Geschichts-Professor Eckert: "Es wäre völlig uninteressant, wenn wir hier zusammen die Bücher revidieren und es eines Tages keinen Geschichtsunterricht mehr gibt."

DER SPIEGEL 15/1973
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