09.04.1973

MEDIZINKräftige Ladung

Schutz gegen eine harmlose, aber lästige Menschheitsplage -- den Schnupfen -- verspricht jetzt ein neuer Wirkstoff: Interferon.
Wie vom Frühlingsanfang stimuliert, machte Professor Thomas C. Merigan eine vielversprechende Bemerkung. "Dies", verkündete der Mediziner von der kalifornischen Stanford-Universität Ende letzten Monats, "ist das erste Mittel gegen Schnupfen und Erkältung."
Merigans Mittel verheißt all jenen Hoffnung, die während der Herbst- und Wintermonate -- vergebens -- gegen Hüsteln und Schniefen aufgerüstet hatten: mit Salben und Tropfen, Sprays und Zeitperlen, mit Vitamin-C-Stößen oder heißen Armbädern.
Über die Wirkkraft des von Dr. Merigan erstmals mit Erfolg getesteten Schnupfenkillers -- an mehr als zwei Dritteln seiner absichtlich mit Schnupfenerregern infizierten Patienten prallten die Attacken ab -- spekulierten die Forscher schon seit dem Jahr 1957. Damals hatte der britische Viren-Spezialist Dr. Alick Isaacs Zellkulturen mit abgetöteten Schnupfenviren geimpft und Jabei einen Stoff gefunden, der das Zellgewebe vor weiteren Virusinfektionen schützte. Nach dem Effekt. über den diese Substanz wirkte ("Virus-Interferenz"). nannte er sie "Interferon".
Nur langsam freilich kamen die Interferon-Experten nach Isaacs' verheißungsvollem Fund voran. Dabei hatten zum Beispiel ostdeutsche Mediziner im Interferon schon eine Art von ",Penicillin' gegen Viren" ("Neues Deutschland") gesehen, andere Ärzte hofften, es werde sich als brauchbar im Kampf gegen Pocken und Polio erweisen.
Eine der Hauptschwierigkeiten für die Interferon-Forscher war die enorm aufwendige und langwierige Gewinnung auch nur geringer Wirkstoffmengen. Zudem blieb die erhoffte Schutzwirkung meist aus, wenn im Labor erzeugtes Interferon an Schnupfengefährdete verabreicht wurde.
Erst vor drei Jahren, als sie in den Nasenschleimhäuten von Grippe-Rekonvaleszenten bis zu 10 000 Einheiten natürlichen Interferons je Milliliter Flüssigkeit fanden, erschloß sich Merigan und seinen Kollegen. wie dem Schnupfen begegnet werden könnte. Merigan: "Mit ähnlich hohen Dosen."
Daß sie richtig kombiniert hatten, zeigte sich im Sommer letzten Jahres anläßlich eines Versuchs mit Interferon. 16 Freiwilligen, die paarweise in abgeschlossenen Räumen wohnen mußten, sprühte Merigan vier Tage lang jeweils 14 Millionen Einheiten Interferon in die Nasenschleimhäute. Dann wurden sie mit einer kräftigen Ladung der am häufigsten vorkommenden Schnupfenerreger -- Rhinoviren -- angesteckt.
Vom Ergebnis der Schock-Infektion sahen sich Merigan und seine britischen Mitarbeiter Thomas Hall, Sylvia Reed und David Tyrrell voll bestätigt. Nur drei der 16 Probanden bekamen darauf einen -- leichten -- Schnupfen. Von den 16 Angehörigen einer Kontrollgruppe. die ohne den Abwehrstoff auskommen mußten, erkrankten 13.
Merigan, der sich zuvor anhand von Tests davon überzeugt hatte. daß seine Freiwilligen nicht über eine natürliche Rhinoviren-Immunität verfügten, rühmt vor allem das Ausbleiben von Nebenwirkungen. Ein "leichter Hautausschlag" an Armen und Beinen einer Probandin sei alles gewesen.
Dennoch äußert sich der Mediziner im Fachblatt "Lancet" noch zurückhaltend über die Therapiechancen mit Interferon: "Es ist vorerst ein Modell."
Für die vielen Millionen Schnupfenanfälligen könnte es nach Merigan erst Bedeutung erlangen, wenn es gelänge. die Struktur des Interferonmoleküls aufzuklären und die Substanz auch künstlich herzustellen.
Bis zu diesem wissenschaftlichen "Durchbruch ersten Ranges" (so ein Sprecher der Stanford University Medical Center), werden sich nur Superreiche mit Interferon vor Schnupfen schützen können. Merigan, der pro Versuch 15 bis 25 Liter Spenderblut zur Interferongewinnung aufarbeiten mußte, veranschlagt die Kosten je Behandlung derzeit auf "mehrere tausend Dollar".

DER SPIEGEL 15/1973
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DER SPIEGEL 15/1973
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