09.04.1973

POPMUSIKRitt auf der Orgel

Mit der bislang aufwendigsten Popmusik-Tournee, die bis 1974 dauern soll, will das Trio „Emerson, Lake & Palmer“ die Erfolge aller früheren Rock-Stars überbieten.
Der Maschendraht war nicht zu retten. Rund 100() Schaulustige traten unter Jubelschreien die Zäune nieder und rannten einem Privatjet hinterdrein, der eben auf dem Düsseldorfer Flughafen gelandet war.
An Bord der Maschine saßen (am vorletzten Samstag) der Organist Keith Emerson, 28, der Sänger-Gitarrist Greg Lake, 25, und der Schlagzeuger Carl Palmer, 23 jenes englische Rock-Trio, das heute soviel Ausstrahlung hat wie einst die Beatles, dessen instrumentaler Glanz den Ruhm der 1969 aufgelösten sogenannten Supergroup "Cream" überstrahlt, dessen Unterhaltungstalent nach verbreiteter Kritikermeinung größer ist als das der Rolling Stones.
In diese Rock-Oberliga sind "Emerson, Lake & Palmer" (Band-Titel) mit vier Langspielplatten der Eine-Million-Dollar-Umsatzkategorie aufgerückt. In den größten Arenen zwischen London, Los Angeles und Tokio pflegen sie vor ausverkauften Häusern zu musizieren.
Ihren Erfolg (und den aller ihrer Vorgänger) wollen "Emerson. Lake & Palmer" nun noch einmal überbieten: Von Deutschland aus brechen sie zu einer Welt-Tournee auf, die bis 1974 dauern soll.
Eine gigantische Bühnenausrüstung von annähernd 20 Tonnen Gewicht wird dazu von drei 17 Meter langen Sattelschleppern in vorerst 19 Städte in sieben europäischen Ländern gekarrt. Mehr als 40 Bühnenarbeiter und Techniker richten dem Trio aus Stahlrohren, Scheinwerfern und Plastik-Vorhängen jeweils einen neun Meter hohen, acht Meter tiefen, 20 Meter breiten Triumphbogen auf. Darunter vollzieht sich ein ungewöhnliches Spektakel aus Rock und Show.
Von Purpur- und Indigo-Strahlenbündeln übergossen, reitet Emerson auf einer Hammondorgel über die Bühne, läßt am Synthesizer Elektronik-Gewitter niederprasseln, drischt mit Fäusten und Ellenbogen auf Klaviertasten ein. Von dem "ELP"-Phantasiewesen "Tarkus", einer Kreuzung aus Tier und Tank, mit Feuer und Rauch bespien, bearbeitet Palmer wie ein Berserker Trommeln und übermannshohe chinesische Gongs. Von einem Vogel-Monster an Marionettendrähten umflattert. zupft Lake kapriziöse Kadenzen und dumpfes Donnergrollen aus seinem Elektrobaß.
Diesen "gewalttätigen, oft neurotischen" Bühnenstil ("Melody Maker") hatte Emerson zuvor im Ensemble "The Nice" erprobt: Im Stück "America gehörte das Zerfetzen einer US-Flagge zur Schau. Manchmal bearbeitete der symphonisch geschulte Musiker sogar den Synthesizer .mit einem Dolch, improvisierte aber auch über klassische Tonsätze von Tschaikowski, Sibelius und Bach.
Er tat es mit so viel Sinn für E-Musik-Strukturen, daß die alten "Nice"Platten dem Klassik-Verschnitt anderer Bach-Jazzer und Barock-Rocker überlegen sind. Doch erst mit gleichwertigen Partnern wie Lake und Palmer konnte Emerson Sinustöne, Kurzschlußgeräusche, atonale Clusters, Klavier-Arpeggien, Boogie-Figuren, Ragtime-Akkorde und Bluesphrasen zu einem einheitlichen Gruppenklang verschmelzen.
Durch die Überspielung von fünf Synthesizer-Tonkanälen erzielten die "ELP"-Musiker auf ihren Platten die Illusion eines riesigen Orchesters. Ihrer Rock-Version von Mussorgskis "Bildern einer Ausstellung" bescheinigte die "FAZ" "aggressive Gewalt und brodelnde Hitze".
Ob die Gigantomanie ihres gegenwärtigen Tournee-Zirkus die Wirkung der "Emerson, Lake & Palmer"- Musik noch einmal steigern kann, ist freilich zweifelhaft; denn die mitunter trivialen optischen Gags entsprechen nicht immer den komplizierten Klängen. Auch ist der aufgeblähte Show-Apparat für Pannen anfällig.
Gleich zu Tourneebeginn' auf dem Weg von Kiel nach Düsseldorf, blieb einer der Container-Transporter mit einer Panne liegen. Das Kontert in der Düsseldorfer Philips-Halle vor 6600 Zuhörern -- konnte deswegen erst mit drei Stunden Verspätung beginnen.

DER SPIEGEL 15/1973
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DER SPIEGEL 15/1973
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