09.04.1973

MODEKnie oder Knöchel

Die Rocklänge floatet, der Kampf ums Knie ist wieder entbrannt. Pansen Modemacher sind für Midi, doch der Handel verweigert die Gefolgschaft.
Kaltes Entsetzen packte Tausende von Einkäufern aus aller Welt, die sich auf den Modeschauen vorn Pariser Prêt-á-porter-Salon quetschten, um schon jetzt Wintergarderobe für ihre Läden zu ordern. Sie sahen auf den Laufstegen das größte Desaster der Textil-Industrie wiederauftauchen: den Midi -- den wadenlangen Rock.
In glockigen Falten wedelte der halblange Rock besonders hei den Konfektionsstars Jap. Micmac, Sonia Rykiel und "ler et Bantine", von deren kessen Ideen sich die Mode seit drei Jahren nährt. Der Schlabberrock wird zu dicken, langen Ribbelpullovern getragen und schielt auch noch unter knubbeligen Strickmänteln vor.
Am kräftigsten artikulierten sofort die amerikanischen Einkäufer ihr Entsetzen. Sie rotteten sich erregt in der Halle vom Luxus-Hotel Plaza Athénée zusammen. "Gott weiß", stöhnte der Boss vom feinen New Yorker Modehaus Saks, Fifth Avenue, "daß wir nicht noch mal ein Hickhack um den Rocksaum überleben können." Und er entschied: "Für uns gibt es nur Knie oder Knöchel."
Das unerwartete Auftauchen des Schreckgespenstes Midi wollen die Einkäufer vom Kaufhaus Bloomingdale's in New York möglichst gar totschweigen. "Je weniger wir darüber reden", zischeln sie, "desto besser ist's. Bloß die Kunden nicht verunsichern!" Modereporter werden am Rockzipfel geschnappt mit der Bitte: "Nur die Rocklänge nicht hochspielen", und viele von ihnen erhören das Flehen.
Besonders vergrätzt die Branche der ungünstige Zeitpunkt, zu dem der Ladenhüter des Jahres 1971 wieder ins Geschäft gebracht werden soll. Denn steigende Textilpreise der "Figaro" entsetzt: "Wintermäntel bis zu vierzig Prozent teurer -- drohen den Ladenkassen ohnedies einen schwierigen Herbst an.
Das luxuriöse New Yorker Kaufhaus Bergdorf Goodman will selbst die neue Handbreite unterm Knie, die sich allgemein für den Herbst ankündigt, nicht mitmachen. "Ich kaufe nur", erklärt sein Chef. "was meine Kundinnen klar und deutlich gezeigt haben, daß sie es wollen -- die Mitte vom Knie."
Die Mitte vom Knie liefert -- in den trüben Herbstfarben Kieferngrün, Burgunderrot und Teakbraun -- die Konfektion "Miss Dior". "Wir haben", brüstet sich das Haus Dior, "unsere Lektion gelernt." Aber überall sonst brüten Zweifel: Samt- Laurent befriedigt diplomatisch Knie- und Waden-Partei, und Pullover-Strick-Star Sonia Rykiel weidet sich zwar in Midis, will aber selber nichts diktieren. "Die Länge muß jede Frau selber entscheiden", orakelt die rothaarige Sonia, "wenn sie vorm Spiegel steht. Das ist ihr Problem. nicht meins."
Für die deutschen Kleidermacher ist das schreckliche Wiederauftauchen des halblangen Rocks, laut Mode-Analytikerin Susanne Vareniusm gar kein Problem. Susanne: "Die scheren sich da gar nicht drum" -- sie liefern erst mal weiter feste kurz. "Denn der deutsche Mann", so erklärt das Marietta Riederer von der "Zeit", "will pralle Schenkel sehen."

DER SPIEGEL 15/1973
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