09.04.1973

BERUFLICHESEwald Jessel

Ewald Jessel, 59, Hamburger Gefängnis-Psychiater, wird nach einer affärenreichen Amts-Ägide vorzeitig pensioniert -- aus "gesundheitlichen Gründen" (so die offizielle Erklärung). Wirklicher Grund ist jedoch der Tod des U-Häftlings Jörn Blohm, 32, dessen Lungenentzündung auf Jessels neurologischer Station nicht sachgerecht behandelt worden war. Gegen Jessel und die Lungenfachärztin Ida-Elisabeth Kassianoff, die ihren Röntgen-Befund von einer "massiven Verschattung" der Lunge Blohms nicht weiterleitete, wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Blohm ist der achte Gefangene, der seit 1964 in Hamburger Haft unter dubiosen Umständen zu Tode kam, und viermal war Jessel tangiert: Weder bemerkte er die extrem hohen Temperaturen von über 40 Grad in der Beruhigungszelle "Glocke" wo der halbtot geprügelte Ernst Haase verdurstete, noch hatte er Bedenken, den im Delirium tremens (Sterblichkeitsquote: 20 Prozent) um sich schlagenden Paul Karczewski und den hochgradig tuberkulösen Abd ei Kader alias Louis Silversmith für "Glocken"-tauglich zu erklären -- eine Therapie, die beide nicht überlebten.
Heike Doutiné, 27, Hamburger Schriftstellerin ("Wanke nicht, mein Vaterland"), vollendete in Rom ihren zweiten Roman -- die Geschichte einer Kindesentführung von Deutschland nach Italien. Ursprünglich sollte das Werk (Titel: "Berta") zwischen Deutschland und Frankreich spielen. doch in der italienischen Hauptstadt, wo sie ein Stipendium an der Deutschen Akademie Villa Massimo erhalten hatte, warf sie ihr Konzept um. Ende April will Heike Doutiné das "Berta"-Manuskript dem Hamburg-Düsseldorfer Claassen-Verlag zuschicken und sich danach "wieder an die Doktorarbeit machen". Thema: Das deutsch-russische Verhältnis von 1917 bis 1923.
Cassius ("Muhammad Ah") Clay, 31, US-Boxer ("Ich bin der Größte"), soll Studenten der britischen Oxford-Universität dichterische Anregungen geben. Diesen Wunsch äußerten die Dozenten Duncan Macleod und Nicholes Stern in einem Brief an den Ex-Weltmeister, in dem sie ihn gleichzeitig aufforderten. für den -- im November frei werdenden -- Posten eines Professors für Dichtkunst zu kandidieren. Denn Clays Poesie (Beispiel: "Der Mond benutzt nur das Licht der Sonne -- Frazier ist der Mond, Muhammad Ah die Sonne") sei, so die Dozenten, ein "Bestandteil seiner Hauptarbeit" und könnte "ein wirklich dichterischer Impuls sein --
Sija Nurijewitsch Nurijew, 58, ehemaliger Dorfschullehrer, avancierte als erster Asiate auf den Posten eines Vizepremiers der sowjetischen Regierung. Der promovierte Ökonom, der vergangenen Dienstag ernannt wurde, war zwölf Jahre lang Parteichef der Autonomen Republik Baschkirien, seit 1961 ZK-Mitglied und seit 1969 Getreide-Beschaffungsminister in Moskau. Er gehört dem turko-tatarischen 1,2-Millionen-Volk der Baschkiren an, die seit 1100 Jahren an der Wolga ansässig sind.
Raymond Burr, 55, US-Schauspieler, der neun Jahre lang als Anwalt Perry Mason und dann in einer weiteren Fernseh-Serie als "Der Chef"-Kriminalist im Rollstuhl (l.) bekannt wurde, spielt eine neue erfolgversprechende Rolle: Angelo Giuseppe Roncalli (r.), den späteren Papst Johannes XXIII. In einem amerikanischen Fernseh-Film verkörpert Burr den damaligen päpstlichen Delegaten in der Türkei -- nach der Film-Geschichte rettet er 1942 jüdische Flüchtlingskinder, indem er ihnen durch gefälschte Taufzeugnisse die Ausreise nach Portugal ermöglicht. Obwohl der Ex-"Chef" selbst Presbyterianer ist, hat er sich solch einen Part "immer schon gewünscht", denn: "Ich bewunderte ihn (Johannes XXIII.) tief, seit ich ihn zum ersten Male sah. Da hat er mir zugeflüstert: Ich darf nicht sehr oft fernsehen, aber ich habe Ihre (Perry-Mason-)Show gesehen."

DER SPIEGEL 15/1973
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