19.02.1973

HANS GLOBKE †

Er galt als Bonns graue Eminenz, als der mächtigste Staatssekretär bundesdeutscher Geschichte. Sein Name war für viele ein Reizwort: Sie identifizierten ihn mit bürokratischer Geheimniskrämerei, Hinterzimmer-Intrigen und klerikal getönter Personalpolitik. Wo immer Hans Globke, Staatssekretär im Bundeskanzleramt und erster Erfüllungsgehilfe Konrad Adenauers, agierte, umwehte ihn eine Aura des Geheimnisvollen. Der Mann, der jede Tagesordnung einer Kabinettssitzung aufstellte, den "Reptilienfonds" verwaltete und den Bundesnachrichtendienst beaufsichtigte, schien oft einflußreicher als Parteiführer und Minister.
Seine Interventionen im Auftrage des Kanzlers waren ebenso lautlos wie gefürchtet: Er redete 1953 dem bayrischen CSU-Ministerpräsidenten Ehard den Plan einer Großen Koalition zwischen SPD und CDU/CSU aus, er forcierte 1955 die Bonner Koalitionskrise. die zum Ausscheren der FDP aus der Regierungsfront führte, er setzte V-Männer des
Verfassungsschutzes auf die Spur suspekter Sozialdemokraten.
Der Kanzler förderte noch das düstere Renommee seines Gehilfen. In Paris kaufte er einmal ein Buch über
Napoleons gefürchteten Polizeiminister Fouché. Adenauer: "Dat bring ich dem Herrn Globke mit."
Doch das Schreckensbild von dem machtgierigen Bonner Drahtzieher trog, Globke fehlte Ehrgeiz und Dämonie eines Fouché. Er war nur ein loyaler Beamter der Herrschenden, nicht ohne menschliche Güte, aber mit juristischer Akribie, ja Pedanterie jener Macht hingegeben, die ihm alles bedeutete -- der Ordnung.
Seine fast fanatische Liebe zur Ordnung verdeckte und kompensierte eine innere Unsicherheit, die er mit einer echten "grauen Eminenz", dem wilhelminischen Geheimrat Holstein, gemeinsam hatte. Wie Holstein hatte der Düsseldorfer Tuchhändler-Sohn Globke, Jahrgang 1898, nie gelernt, frontal nein zu sagen. Das katholische Milieu Aachens, in dem er aufwuchs, lehrte ihn Anpassung und Karrierelust. Entsprechend konventionell stieg er auf: nach Kriegsdienst und Rechtsstudium Eintritt in den Staatsdienst, 1925 Ernennung zum stellvertretenden Polizeipräsidenten Aachens. Die Oberen holten den fähigen Verwaltungsjuristen 1929 in das preußische Innenministerium.
1932 ins Reichsinnenministerium übergewechselt, geriet er bald in den Sog des NS-Regimes. Bei der Vereidigung auf Hitler zog er sich zwar -- so entschuldigte er sich später -- "in eine Nische" zurück, doch der Ordnungs-Apostel, Referent für Personenstandsangelegenheiten, machte weiter mit, um "Schlimmeres zu verhüten" -- und merkte nicht, daß schon das Schlimme, das er noch für vertretbar hielt, Grund genug gewesen wäre, sofort den Abschied zu nehmen. 1935 schrieb er denn jenen amtlichen Kommentar zu den antijüdischen NS-Gesetzen, den er später selber "furchtbar und widerlich" fand.
Globke-Verteidiger wiesen freilich nach, der Kommentar habe den verfolgten Juden eher genutzt als geschadet. Solche Bekundungen verlockten Globke zu einem fatalen Fehlschluß: Er sah den Weg frei zu einer neuen Karriere.
Ein ehemaliger Kollege aus dem Ministerium, der US-Ankläger Robert Kempner, setzte ihn als Kronzeugen gegen NS-Angeklagte ein und half ihm weiter. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Weitz machte Adenauer auf Globke aufmerksam. Ab 1949 schuf er im Bundeskanzleramt jenen Entscheidungsapparat, der Globke als einen der schöpferischsten Verwaltungsjuristen auswies-"einsame Klasse" (Horst Ehmke), die seinen Nachfolgern nur allzu deutlich fehlte. Je mächtiger aber der Einfluß Globkes im Schatten Adenauers wurde, desto heftiger gerieten die Proteste einer vielstimmigen Öffentlichkeit gegen den verhaßten Mann im Dunkeln. Nach seiner Pensionierung 1963 sah sich Globke immer mehr von der eigenen Vergangenheit eingeholt. Neue belastende Dokumente kamen ans Licht, von einem NS-Prozeß zum anderen mußte er hetzen, zwar nur als Zeuge, aber immer unlösbar verstrickt in seine Vergangenheit.
Schließlich traf ihn eine schwere Krankheit, der er in der vergangenen Woche erlag. Verzweifelt hatte er schon lange zuvor: "Ich möchte, daß es jetzt endlich um meine Person ruhig wird".

DER SPIEGEL 8/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HANS GLOBKE †

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug