10.10.2005

FUSSBALL„Peng, noch Frage?“

Von der Verpflichtung der Trainer-Ikone Giovanni Trapattoni, 66, versprach sich die Vereinsspitze des VfB Stuttgart Glamour und Erfolg. Doch der Italiener hat seine Strahlkraft eingebüßt. Sein Aktionismus sorgt für Verwirrung, viele Spieler halten ihn für einen Mann von gestern.
Wie Flinten hatten die Fotografen ihre Objektive auf Giovanni Trapattoni gerichtet, der vorn auf dem Podium saß. Gerade trug der Trainer des VfB Stuttgart seine Ansichten zu dem trüben Bundesligakick gegen den 1. FC Kaiserslautern vor, und solange Trapattoni sprach, hielt die Fotografenmeute still. Doch dann machte der Medienprofi aus Italien einen Fehler - nachdem der Coach seinem Dolmetscher das Wort überlassen hatte, senkte er den Kopf, schloss die Augen und knetete mit den Fingerspitzen seine Stirn.
Auf dieses Motiv hatten die Bilderjäger gelauert. Es machte den Verdruss deutlich, den Ärger und die Anspannung, die Trapattoni in seinem Statement eben noch so routiniert von sich gewiesen hatte. In diesem Moment wirkte der Mister, wie ihn seine Bewunderer gern nennen, so angegriffen, als hätte er bald fertig im Gottlieb-Daimler-Stadion.
Knapp vier Monate ist es her, dass Trapattoni wie ein Heilsbringer empfangen wurde beim VfB Stuttgart. Doch sein Mythos ist verblasst. Ob in der Bundesliga, im DFB-Pokal oder im Uefa-Cup: Vom wirren Aktionismus des Italieners verunsichert, wurstelt sich das Team bislang durch die Saison, und allmählich dämmert den Schwaben, dass sie zwar einen Trainer verpflichtet haben, der mit 19 Titeln einer der erfolgreichsten der Welt ist - mit seinen Methoden allerdings auch ein Mann von gestern.
"Schlappattoni", ätzte die "Bild"-Zeitung, nachdem das Team in einem Anfall Völlerschen Rumpelfußballs das Publikum mal wieder 90 Minuten am Stück gequält hatte, und selbst die sonst so besonnene "Stuttgarter Zeitung" ließ unlängst auf einer ganzen Seite ehemalige VfB-Kämpen wie Karl Allgöwer oder Thomas Berthold lospoltern, was ihnen an Trapattonis Truppe alles missfalle. Dass "im Team eine Ohnmacht herrscht", war dabei eine der schmeichelhafteren Bewertungen.
Noch prallt die immer massiver werdende Kritik an der Vereinsführung ab. Doch für Populismus empfängliche PolitProfis wie der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, Chef des VfB-Aufsichtsrates, schaffen vorsorglich schon mal Distanz zum berühmten Coach. Erst kürzlich hat Hundt, der bei mauen Heimspielen in seinem Logensessel zuweilen flucht wie ein Cannstatter
Bierkutscher, noch einmal angemahnt, um was es gehe in dieser Saison: die Qualifikation für die Champions League. Auf die Frage, ob Trapattoni noch eine "Schonfrist" habe, antwortete der Unternehmer trocken: "Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft."
Dass Giovanni Trapattoni bei fast all seinen Engagements im Ausland Anpassungsschwierigkeiten hatte wie derzeit in Stuttgart, ehe er dann doch Erfolge feierte - das wollen viele nicht mehr hören. Vor allem viele VfB-Profis nicht. Sie halten den 66-jährigen Lombarden "nach neugieriger Schnupperphase" nur noch für ein Maskottchen - einen rüstigen Großvater, der bei sämtlichen Dehnübungen auf der Isomatte problemlos mithalten kann, für neue Einflüsse jedoch nicht mehr zu haben sei.
Wie sonst, so monieren sie, seien die immer gleichen Abläufe beim Training zu erklären, das auch von außen wie freudloser Dienst nach Vorschrift wirkt? Wie sonst käme der Coach unvermittelt auf den Gedanken, immer wieder das Defensivverhalten nach einem Einwurf zu üben mit der Begründung, in den achtziger Jahren mit Juventus Turin auf diese Art einmal ein völlig unnötiges Tor kassiert zu haben?
Mit der Verpflichtung des Italieners, so glaubten die beseelten VfB-Bosse im Sommer noch ganz fest, sei ihnen ein Coup gelungen. Es war nicht nur Trapattonis Titelkollektion, die sie elektrisierte. Sie dachten auch an die Vermarktungsmöglichkeiten, die sich durch die Bundesliga-Rückkehr des charmanten Signore boten.
Denn spätestens seit seiner legendären "Ich habe fertig"-Suada, jenem italo-germanischen Furioso, mit dem er vor mehr als sieben Jahren als Bayern-Trainer seine bräsigen Stars abwatschte und das in Sentenzen gipfelte wie "Diese Spieler waren schwach wie ein Flasche leer!", gilt Trapattoni hierzulande als Marke.
Sein Einstiegssatz bei der Begrüßung in Stuttgart schloss nahtlos an jenen "discorso famoso" an. "Gute Tag, iche schon wieder da", witzelte der weißhaarige Coach, der dank gnädigen Zutuns seiner Schwester, einer Nonne, immer ein Fläschchen Weihwasser bei sich hat, um "Neider und negative Personen" von sich fern zu halten.
Neben Trapattoni saß eine positive Person: Erwin Staudt, der Präsident des VfB Stuttgart. Es waren die Tage, in denen der Besuch Papst Benedikts XVI. in Deutschland bevorstand, und deshalb eröffnete der Vereinsboss seine Vorstellungsrede mit dem Späßle "Habemus Mister" - als hätte während der Trainervakanz täglich schwarzer Rauch aus dem Schornstein der VfB-Geschäftsstelle in der Mercedesstraße gequalmt und nun endlich weißer.
So ergriffen Staudt den Trainer präsentierte, so vehement nimmt er ihn in diesen Tagen in Schutz, in denen die scheinbare Leichtigkeit aus Trapattonis Anfangstagen in Stuttgart bleierner Schwere gewichen ist. Eine "Unverschämtheit ohnegleichen" sei es, wie "so eine Persönlichkeit mit Stil und Charisma teilweise ohne Respekt einfach attackiert wird", poltert der Hobbytrompeter aus Leonberg in seinem Büro und schaut grimmig über den Tisch. Dann mahnt er "Geduld" an: "Es war klar, dass wir für diesen Wechsel Zeit brauchen, und ich hoffe, dass es auch eine Erfolgsgeschichte wird, wenn alle an einem Strang ziehen."
Anders als bei Spitzenclubs wie dem FC Bayern München, dem FC Schalke 04 oder dem Hamburger SV, wo die Suche nach einem neuen Trainer eindeutig eine Angelegenheit des Managements ist, war die Trapattoni-Verpflichtung beim VfB Stuttgart Ehrensache des Präsidenten. Der Sportdirektor Herbert Briem, ein früherer Amateurkicker und Spielerberater, hatte keine Prokura. Stattdessen eilte Staudt ein Büchsenspanner von außen zur Hilfe - als Kontaktmann zu Trapattoni diente dem VfB-Boss der in Sportkreisen bestens verdrahtete Ludwigsburger Rechtsanwalt Christoph Schickardt.
Es ärgert Staudt noch heute, dass der frühere Stuttgarter Coach Felix Magath seine Meinung als Vereinsboss nicht ernst nahm, wenn es um die wirklich heißen Themen ging - um Taktik, um Transfers, um Vertragsverlängerungen, um Gehaltspoker. Magath hielt Staudt, der auch mal Vorsitzender des schwäbischen Amateurvereins TSV Eltingen war, für einen Ökonomen, der den Club zwar sanieren könne, von den Branchengesetzen jedoch keine Ahnung habe: ein Edelfan, kein Profi.
Und so geriet das Werben um Trapattoni für Staudt, der vor seinem Amtsantritt beim VfB Stuttgart als Geschäftsführer für IBM Deutschland gearbeitet hatte, zu einer Art Eigentherapie. Der Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft wollte sich und der Welt beweisen, dass er sehr wohl in der Lage wäre, einen schillernden Namen zu präsentieren.
Wie persönlich Staudt seine Mission nahm, zeigte sich, als er Trapattoni und dessen Berater in einem Konferenzraum des Frankfurter Flughafens erstmals gegenübersaß und seine Saisonziele definierte. Ein Punkt war Staudt dabei besonders wichtig: "Signore, Sie müssen die Bayern schlagen."
Nun hat Staudt einen Startrainer, der wunderbar zu ihm passt, nur leider nicht zur Mannschaft. Dabei gab es in den letzten Jahren genügend Hinweise, dass der Erfolgscoach früherer Tage mit seinen Torvermeidungsstrategien dem modernen Tempofußball immer weniger entgegenzusetzen hat.
Dass die grandios besetzten italienischen Nationalmannschaften unter seiner Regie sowohl bei der WM 2002 als auch bei der EM 2004 vorzeitig scheiterten, lag vor allem
an Trapattonis Verzagtheit. Sobald sein Team in Führung gegangen war, ordnete er reflexhaft die Verteidigung des Vorsprungs an - und gab damit die Kontrolle über schon gewonnen geglaubte Spiele aus der Hand.
Gelegentlich verlor der Mister in seiner Coaching-Zone völlig den Überblick. So wollte Trapattoni bei der EM in Portugal im Vorrundenspiel gegen Schweden nach dem Ausgleich der Skandinavier unbedingt noch den Stürmer Marco di Vaio aufs Feld schicken. Nur mit sanfter Gewalt konnte eine Hand voll Ersatzspieler Trapattoni von seinem Plan abbringen - er hatte bereits die erlaubten drei Spieler eingewechselt.
Der renommierte französische Trainer Arsène Wenger hatte bereits zwei Jahre zuvor in kleinem Kreis gemutmaßt, dass die Belastungen des Berufs Trapattoni allmählich überforderten - der Coach des englischen Premier-League-Clubs Arsenal London erlebte damals als Kommentator für das japanische Fernsehen, mit welch grotesken Gebärden Trapattoni das WM-Aus seiner Mannschaft gegen Südkorea begleitet hatte. "Es gibt einen Zeitpunkt, an dem man sich eingestehen muss, dass man den Stress nicht mehr aushält", sagte Wenger.
Doch Trapattoni kann nicht aufhören. Er fühle sich "noch frisch im Kopf" und wolle als Trainer arbeiten, "solange mein Körper das mitmacht". Denn der Fußball, sagt er, habe ihm "alles ermöglicht" in seinem Leben, "und davon möchte ich den jungen Menschen etwas zurückgeben".
Wenn Trapattoni auf der weitläufigen Anlage des VfB steht und mit viel Gefühl in beiden Füßen den Ball hochhält, dann scheint es, als würde er den Job auf seine alten Tage auch umsonst machen - und nicht für zwei Millionen Euro im Jahr.
Seine zur Schau gestellte Sportlichkeit wirkt auf viele VfB-Profis indes wie "Folklore", Trapattonis tägliches Programm erscheint ihnen als ein "Witz". Sie klagen darüber, dass sie in der Vorbereitungszeit "viel zu wenig" für ihre Grundlagenausdauer gemacht haben, und halten sich für "nicht fit"; sie vermissen "klare taktische Ansagen"; und sie fühlen sich "wie Kleinkinder behandelt", etwa wenn der Trainer das Spiel unterbricht und 35 Minuten lang mit großer Geste auf sie einredet, ohne dass sie seinen bizarren Sprachmix verstehen, "von Nachfragen ganz zu schweigen" - denn Co-Trainer Andreas Brehme, der eigentlich übersetzen sollte, beschränkt sich bei Trapattonis ausufernden Monologen häufig nur noch auf affirmatives Nicken: "Si, si, si."
Außerdem nehmen es viele VfB-Kicker Trapattoni übel, dass er sich gleich zu Saisonbeginn mit zwei der wichtigsten Spieler, Torwart Timo Hildebrand und Mannschaftskapitän Zvonimir Soldo, irritierende Machtkämpfe lieferte.
Vor allem die Entscheidung, Soldo im ersten Heimspiel gegen den 1. FC Köln auf die Bank zu verbannen, brachte die Kollegen in Rage. Denn die Suche nach einer "neuen Straße", mit der Trapattoni die Demontage des Mittelfeld-Chefs begründete, entpuppte sich als laienhafter Eingriff in das Mannschaftsgefüge - Trapattoni hatte keinen gleichwertigen Ersatz für den Kroaten und musste den Schritt nach einer bitteren Niederlage gegen den Aufsteiger revidieren.
So hat der Star-Coach längst jene Strahlkraft eingebüßt, die ihn einst unangreifbar machte. Warum er ständig seine Aufstellungen ändere, wollten Reporter zuletzt vor einem Spiel mal wieder von ihm wissen, welchen Kriterien er bei seinem Rotationsprinzip folge und wann die Mannschaft endlich so spiele, wie er sich das vorstelle.
Zunächst antwortete Trapattoni auf Italienisch. Der Dolmetscher übersetzte. Als dem Mister die Befragung lästig wurde, verfiel er wieder in sein krudes Deutsch. "Ast du gespielte Fußball?", schnaubte er einen Zeitungsmann an, der besonders hartnäckig insistiert hatte. Dann reihte er Sätze aneinander, die ulkig klangen ("Passe de Ball hier, passe de Ball andere Seite"), die aber ins Nirgendwo führten. Es war die perfekte Masche, seine Kritiker zu ermatten.
Nachdem er seinen Vortrag beendet hatte, haute Trapattoni mit der flachen Hand auf den Tisch. "Peng, noch Frage?" Dann erhob er sich und eilte durch den Hinterausgang zu dem Parkplatz, wo sein Mercedes stand. Seine Frau Paola wartete, er wollte mit ihr zum Mittagessen.
Etwas später saß der Mediendirektor des VfB Stuttgart in seinem Büro und rief eine Agenturjournalistin an, die bei der Pressekonferenz vergebens versucht hatte, mitzuschreiben. Er gab ihr Sätze zum Zitieren durch, die Trapattoni so gesagt haben könnte. MICHAEL WULZINGER
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 41/2005
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