10.10.2005

ETHNOLOGIEFenster in die Vergangenheit

Der Tsunami löschte große Teile ihrer Kultur aus. Stammesführer von der Inselgruppe der Nikobaren suchen deshalb im Wiener Völkerkundemuseum nach ihren Wurzeln.
Die hohe Temperatur ist das Einzige, was in diesem Verlies unter der Erde an ihre tropische Heimat erinnert. Dafür sorgen in dem höhlenartigen Raum die künstlichen, 26 Grad warmen Winde aus der Lüftungsanlage, die einen kostbaren Schatz vor der Vergänglichkeit schützen sollen.
"Nehmen sie Handschuhe!", ruft der entsetzte Restaurator des Museums für Völkerkunde in Wien, als die sechs Stammesführer von der kleinen Inselgruppe der Nikobaren nach den wertvollen Exponaten greifen wollen. Aus den von Sonne und Wasser gegerbten Gesichtern spricht Unverständnis.
Denn was da auf Schaumstoff-Folie vor ihnen liegt, kennen sie nur allzu gut: Solche Holzfiguren standen einst in ihren bienenkorbartigen Rundhütten; mit den Speeren und Reusen gingen sie zum Fischen. "Wir fühlen uns hier unten wie zu Hause", sagt Rasheed Yusuf, einer der Stammesführer.
Doch die Relikte, vor über 140 Jahren mitgebracht von einer österreichischen Expedition, gehören zu einer untergegangenen Welt.
Seit dem 26. Dezember 2004 um neun Uhr morgens ist die Sammlung im Wiener Völkerkundemuseum so etwas wie eine Arche Noah der nikobarischen Kultur. An diesem Tag spülte der Tsunami ihre palmblattgedeckten Hütten weg, die sie ihrer Tradition folgend am Strand bauten. In der schäumenden See trieben die Skulpturen, die Kostüme ihrer prächtigen Feste, die okkulten Totems, mit denen sie ihre Geister beschworen.
Auf tragische Weise nahm das Wasser ihnen sogar das Wissen über ihre Kultur. "Gestorben in den Fluten sind vor allem die Alten, die unsere Bräuche an die Jungen weitergaben", erzählt Rasheed Yusuf. Sie waren gemeinsam mit den Kindern daheim geblieben. Überlebt haben nur diejenigen Männer und Frauen, die auf höhergelegenen Plantagen arbeiteten oder mit Fischerbooten auf hoher See waren, als die große Welle kam.
"Die Daheimgebliebenen hatten keine Chance", sagt der Nikobarer und widerspricht einem Gerücht, das sich hartnäckig in den westlichen Medien gehalten hat. Angeblich hat ihr Instinkt die Ureinwohner gewarnt, woraufhin sie sich rechtzeitig vor den Fluten gerettet hätten - folkloristischer Unfug. In Wahrheit seien mindestens 10 000 von ihnen gestorben, schätzt Yusuf, "das ist ein Drittel der ganzen Bevölkerung".
Bis zur Katastrophe lebte kaum ein indigenes Volk Asiens so abgeschieden von der modernen Welt wie die Nikobarer. Das indische Militär, das auf der Insel Car Nicobar einen großen Stützpunkt unterhält, schottete die unberührte Inselkette im Golf von Bengalen ab. Nur selten wurde in den vergangenen Jahrzehnten Fremden Zutritt gewährt. Einer der wenigen, die zwischen den Welten hin- und herwechseln konnten, war der Ethnologe Simron Singh.
Der aus Indien stammende Wissenschaftler vom Institut für Soziale Ökologie in Wien genießt seit sieben Jahren das Vertrauen der scheuen Ureinwohner. Bei seinen zahlreichen Besuchen erforschte er deren naturnahe Lebensweise. Der 35-Jährige hat die Reise der Stammesführer vom Indischen Ozean an die Donau organisiert.
Er hat ihnen mehr zu bieten als nur einen Besuch im Völkerkundemuseum. In einem soeben erschienenen Buch hat Singh das Leben auf den 19 Inseln dokumentiert*.
Es enthält viele Fotos, die er von den Riten des Alltags, den Festen und religiösen Zeremonien gemacht hat. Der Forscher hofft, dass das Buch ihnen "ein Fenster in ihre versunkene Vergangenheit" eröffnet.
"Die Nikobarer stehen am Scheideweg", warnt Singh. Derzeit leben die meisten von ihnen in Notunterkünften, in die sie die indische Regierung oft mit Unterstützung westlicher Entwicklungshilfe-Organisationen gesteckt hat: Statt in luftigen Stelzenhäusern schlafen sie jetzt in Wellblechhütten, in deren Zement und Plastikwänden die Feuchtigkeit sitzt.
"Nach der Katastrophe droht eine neue Katastrophe", sagt Singh. Von den Todeswellen entwurzelt und in die Moderne geschleudert, dieses Schicksal droht dem urtümlichen Volk.
Wie weit sich ihr derzeitiger Lebenswandel von seinem ursprünglichen Zustand entfernt hat, lässt die Lektüre des Buchs erahnen. Auf 228 Seiten beschreibt Singh, wie die mongoliden Volksstämme in den 2000 Jahren seit ihrer Ankunft vom asiatischen Festland im Einklang mit der Natur lebten.
Bestimmend für ihr Leben waren nicht der Kalender, sondern die wechselnden Winde: Von Südwest weht der regenreiche Monsun zwischen Mai und Oktober heran. Dreht er auf Nordost, dann herrscht Trockenzeit. Nur in diesen sechs Monaten wird mit Speeren und Reusen gefischt. "In der restlichen Zeit sollen die Fische wachsen", erklärt Stammesführer Yusuf.
Gerade war die Gruppe zur offiziellen Vorstellung des Buchs beim österreichischen Bundespräsidenten in der Hofburg. Die Alpenrepublik hat eine bizarre historische Verbindung zu der tropischen Inselwelt: Unter Kaiserin Maria Theresia waren die Nikobaren zwischen 1778 und 1783 die erste und einzige Überseekolonie des Habsburger Reichs.
Nach dem Empfang im berühmten Maria-Theresien-Zimmer sitzen die Nikobarer auf den Stufen des Völkerkundemuseums, das im neuen Trakt der Hofburg untergebracht ist. Lachend und seufzend blättern sie durch das druckfrische Buch und diskutieren über die Abbildungen. "Mich überkommen Freude und Schmerz zugleich", sagt Tong Kumar, der Älteste der Gruppe, "uns wird jetzt erst richtig bewusst, was wir verloren haben."
Gemeint sind vor allem die Feste, die den sozialen Frieden sicherten. Das Schweinefest etwa wurde jedes Jahr von einem anderen Clan organisiert. Mit Kanurennen und sportlichen Stangenkämpfen ermittelten sie auf friedliche Weise, wer in der Rangordnung an oberster Stelle stand.
Tong Kumar, der früher die rund 150 Kilometer zwischen Car Nicobar und seiner Heimatinsel Trinket sogar bei Mondschein durchpaddelt hat, tippt auf die Abbildungen mit den Holzfiguren: die Kareaus, sitzende Gestalten. "Sie enthalten die Knochen verstorbener Medizinmänner", sagt er. Oder die Hentakois, geschnitzte Tierfiguren, in denen Schutzgeister stecken: "Sie heilen die Kranken, die ihre Seele verloren haben."
Der 60-Jährige gehört zu denen, die möglichst viel von diesem Vermächtnis pflegen wollen. Kumar weiß aber auch, dass die jüngeren Clanchefs weit weniger daran hängen. Sie wollen ihr Volk stärker der Moderne öffnen. Rasheed Yusuf redet bereits von Kooperativen, die ihren Fisch, exotische Blumen und Kokosnüsse an die Inder verkaufen sollen. Yusuf: "Das Geld wird dann an die Erzeuger verteilt."
Das wäre ein weiterer Kulturschock; denn viele Nikobarer haben noch nie Münzen und Scheine in den Händen gehalten. Geht es nach ihm, sollen die Kinder auch in die indischen Schulen auf der benachbarten Inselgruppe der Andamanen geschickt werden. "Mit Handel und Bildung kommen wir aus unserer misslichen Lage heraus", glaubt Yusuf und erntet zustimmendes Nicken von den Gleichaltrigen.
Bei den Entscheidungen über die Zukunft ihres Volkes will Ethnologe Singh nur moderieren. "Mir geht es vor allem darum, den Nikobarern Stolz und Bewusstsein für ihre eigene Kultur zu vermitteln", sagt der Völkerkundler, "sie dürfen nicht den Kontext verlieren, aus dem sie stammen."
Bestärkung für ihre Lebensweise bekamen die Nikobarer auch an unerwarteter Stelle - in einem Supermarkt im dritten Bezirk Wiens. Zu ihrer großen Freude entdeckte das exotische Sextett in der Kühltheke eine Schachtel mit Sushi.
Dass sie rohen Fisch essen, haben sie Fremden gegenüber am liebsten verborgen. "Sie dachten, man halte sie deshalb für besonders primitiv", sagt Singh: "Dabei ist es bei ihnen wie bei uns eine Delikatesse." GERALD TRAUFETTER
* Simron Jit Singh: "Die Nikobaren - Das kulturelle Erbe nach dem Tsunami". Herausgeber Oliver Lehmann; Czernin Verlag, Wien; 228 Seiten; 49 Euro.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 41/2005
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