10.10.2005

Das Fest der Triebe

Sex ist kompliziert, strapaziös und unökonomisch. Warum hat sich diese Fortpflanzungsweise dennoch durchgesetzt? Biologen haben dieses größte Rätsel der Evolution jetzt weitgehend gelöst - und erkunden dabei die phantasievollen, teils grausamen Sexualpraktiken der Tiere.
Von den Bienchen und den Blumen erzählen, von der Bestäubung und all dem, das geht noch in Ordnung. Wer kleine Kinder aufklären will, sollte aber besser die Frage hintanstellen, wie die Bienen selbst ihren Nachwuchs machen. Dann lieber gleich den braven Menschensex erklären.
Denn wo das Völkchen der Pollensammler sich fortpflanzt, explodieren die Männchen, ihr Gemächt reißt ab; es kommt zu Gruppensex, Folter und manchmal zum eiskalten Muttermord. Gegen das Treiben der Honigbiene nehmen sich Hurenhäuser, Swingerclubs und Sadomaso-Szene gesittet aus.
So ist der Drohn allein für den Sex auf der Welt. Sein Leben kennt nur zwei Varianten: Entweder er schafft es, der jungfräulichen Königin beim Hochzeitsflug seinen Samen zu verpassen - dann stirbt er sofort. Noch in dem Weibchen steckend, fällt er hintüber, und mit einem Schnappgeräusch sprengt es ihm den Hinterleib entzwei. Sein Genital bleibt in der Königin stecken - eine Art Keuschheitspfropf, den der nächste opferfreudige Lover erst wieder ausstöpseln muss.
Oder es gelingt dem Drohn nicht einmal die Begattung - was viel wahrscheinlicher ist, denn von bis zu 25 000 Männchen kommen höchstens 40 zum Zug. Die Versager beim Kampf um den Sex mit der Königin rafft es Ende August dahin. Bei der sogenannten Drohnenschlacht drängen die Arbeitsbienen, ihre Schwestern, sie von den Futterplätzen und jagen sie aus dem Stock - die Männchen verhungern. Und manchmal stechen Arbeiterinnen die nutzlosen Geschöpfe zu Tode.
Auch die Königin selbst wird nicht für immer bedient und gepäppelt. Hat sie ausgedient, ist krank geworden oder sonstwie auffällig, wird sie am Ende gemeuchelt von den eigenen Töchtern.
Für Romantik, Liebe und Familienglück hat die Natur nicht viel übrig. Bestialisch mutet beispielsweise auch das Liebesleben vieler Zwitter an: Diese Mischwesen aus Männchen und Weibchen vergewaltigen einander am laufenden Band. Die in den Wäldern Nordamerikas lebende Bananenschnecke beißt ihrem Gegenüber gar gelegentlich zum Après-Sex den Penis ab.
Noch barbarischer erscheint der Sex bei der australischen Redback-Spinne: Hundertmal kleiner als seine Angebetete, entreißt ein Männchen seiner Wunschpartnerin mitunter den Rivalen, fesselt ihn flugs mit Spinnfäden und stürzt sich selbst ins zweifelhafte Vergnügen: Während des Akts, bei lebendigem Leib, wird es verspeist von der Gefährtin.
Vielleicht hat das oft blutige Fest der Triebe einst sogar mit einem Gewaltakt begonnen, vor ein bis zwei Milliarden Jahren. Nach einer besonders unromantischen Theorie stand am Anfang - Kannibalismus.
Räuberische Einzeller mit großem Appetit, so vermuten manche Forscher, machten sich über andere Einzeller her und verspeisten sie. Doch anstatt deren Erbgut wie üblich zu verdauen, benutzten sie es für sich selbst - was ihnen offenbar so gut bekam, dass sie den Genmix zur Methode machten.
Ob am Anfang der großen Liebe wirklich das große Fressen stand, kann einstweilen niemand mit Gewissheit sagen. "Über den Ursprung des Sex gibt es wilde Theorien", sagt Nico Michiels, belgischer Evolutionsbiologe an der Universität Tübingen.
Noch vor den Einzellern, bei einer Art Ur-Sex, ging es definitiv friedlicher zu. Bakterien legten sich aneinander und tauschten über dünne Auswüchse auf ihrer Zelloberfläche das ein oder andere Erbgutstückchen aus.
Mindestens ebenso spannend wie die Frage nach dem Wie und dem Wann ist aus Sicht der Wissenschaftler jedoch ein ganz anderes Problem: Wozu das alles? Warum hat die Natur den Sex überhaupt erfunden?
Und wichtiger noch: Weshalb hat sich diese umständliche Art der Fortpflanzung dann auch noch so erfolgreich auf dem Planeten durchsetzen können, dass mindestens 99,9 Prozent aller Tiere es heute als Männlein und Weiblein treiben?
Schließlich funktioniert die weit weniger aufwendige ungeschlechtliche Fortpflanzung, gewissermaßen das Sprossen aus sich selbst heraus, auch nicht schlecht. Einige Rädertierchen gelten als Champions ewiger Keuschheit - und diese winzigen Wasserkreaturen existieren schon seit 80 Millionen Jahren, eine Idylle aus Müttern und Töchtern. Weltweit vermehren sich über 300 Arten von ihnen ohne jede Spur von Sex.
Ebenso pflanzen sich weitere Wirbellose wie Fadenwürmer, Muschelkrebse und Blattläuse fort, von denen einige zumindest zeitweise aufs Hickhack der Geschlechter verzichten. Unter den Wirbeltieren beherrschen vor allem Reptilien die vaterlose Vermehrung: ungefähr 30 Echsenarten. Zuweilen gelingt dies selbst Truthühnern.
Und im Prinzip tragen sogar die Eizellen weitentwickelter Säugetiere bis heute die Fähigkeit in sich, ohne Befruchtung zu einem neuen Wesen heranzuwachsen. Zumindest im Labor lässt sich dies erreichen.
Erst vor wenigen Wochen haben Wissenschaftler des schottischen Roslin Institute,
der Geburtsstätte des Klonschafs Dolly, wieder einmal Aufsehen erregt: Sie haben den Sex beim Menschen einfach ausgeknipst. Eizellen, elektrisch stimuliert, teilten sich aus sich selbst heraus. Sie benötigten kein Spermium mehr. Ein immerhin 50 Zellen großer Embryo entstand - ohne jedes männliche Zutun.
Die Natur hält aber die Männer nun schon seit vielen Jahrmillionen offenbar für unverzichtbar. Warum ist das so?
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit sind die Forscher in den vergangenen Jahren entscheidende Schritte vorangekommen bei der Suche nach Antworten auf die "Königin der unbeantworteten Fragen", wie Evolutionsbiologen das große Rätsel einst ehrfürchtig tauften. Die Gründe für den triumphalen Siegeszug der Sexualität liegen nun immer klarer auf der Hand. "Das Problem", bestätigt Michiels, "ist weitgehend gelöst."
Gleich drei Vorteile des zweigeschlechtlichen Treibens, so haben die Wissenschaftler inzwischen herausgefunden, wirken auf vielfältige Weise zusammen, um den Sex zur besten Fortpflanzungsmethode der Welt zu machen:
* Sex hält gesund,
* Sex hält das Erbgut intakt,
* und mit Sex lässt sich der bestmögliche Nachwuchs zeugen.
Wie komplex auch immer diese Vorteile der Sexualität zusammengespielt haben mögen, um ihr zum Triumph zu verhelfen - eines steht fest: Geschlechtlichkeit beherrscht die Welt. Der Trieb ist alles; Keuschheit dagegen, wie der britische Schriftsteller Aldous Huxley schrieb, die "unnatürlichste aller sexuellen Perversionen".
Mehr noch: Im Laufe der Jahrmillionen ist der Sex zum gigantischen Motor der biologischen Entwicklung geworden. Die Triebe der Bienen, Schnecken und Spinnen sind nur wenige von schier unendlich vielen Beispielen für diese formende Kraft, die Zug um Zug Organismen optimiert und spezialisiert bis ins kleinste Detail.
"Der Zwang, einen Partner zu finden und ihn zu verführen, ist eine der stärksten Mächte der Evolution", glaubt auch die Biologin Olivia Judson vom Imperial College in London, die ein witziges und zugleich lehrreiches Buch über das Liebesleben der Fauna verfasst hat*. "Vielleicht nichts anderes im Leben bringt eine ekstatischere Vielfalt an Taktiken und Kriegslisten hervor, ein überraschenderes Aufgebot an Gestalt und Verhalten."
Ohne Sex kein Rosenduft, keine Magnolienblüte, kein Lerchengesang - alle Pracht und Opulenz verdankt die Welt dem Zwang zur Partnerschaft. Ohne Sex wäre das Leben stehen geblieben in der Zeit des puren Zölibats, bei "Blattlaus und Löwenzahn", schreibt auch der britische Wissenschaftsautor Matt Ridley, sich "mühelos vermehrend, aber weder Königreiche noch Kathedralen errichtend". Der Mensch selbst wäre undenkbar und mit ihm Malerei und Musik, Porsche Cayennes und Goldkettchen, Frauenzeitschriften und Manolo Blahniks.
Auf den ersten Blick sind die Vorzüge der Sexualität indes nur schwer zu erkennen. Im Gegenteil scheint diese Art der Fortpflanzung lauter schwerwiegende Probleme mit sich zu bringen.
Vor allem drei Gründe lassen den Siegeszug der Triebe als großes Paradoxon der Evolution erscheinen:
* Sex verwässert die eigenen Gene: Der Nachwuchs erbt die Hälfte von der Mutter, die andere vom Vater. Nach einem Grundsatz der Evolutionsbiologie aber müssten Lebewesen alles dransetzen, das eigene Erbgut möglichst komplett in die Zukunft zu befördern.
* Sex ist ein Überlebensrisiko: Am Anfang müssen Organismen gestanden haben, deren Erbgut an sich schon fürs Überleben optimiert war - sonst hätten sie es in der Evolution gar nicht erst so weit gebracht. Aber durch den Sex wurden ihre Gene heftig durcheinander gewürfelt - mit ungewissem Ausgang. "Warum eine gute Sache zerschlagen?", fragt Curt Lively von der Indiana University, einer der führenden Sex-Evolutionsforscher.
* Sex ist zu teuer. Das größte Rätsel für die Biologen bleibt das kleine Einmaleins der Sexualität: Einer einfachen Rechnung zufolge erscheint die Erfindung eines zweiten Geschlechts, also des Männchens als bloßer Samenspender, ökonomisch als unsinnig - Männer kriegen eben selbst keine Kinder.
So können zwei Vertreter einer asexuellen Art logischerweise auf einen Schlag doppelt so viele Nachkommen produzieren wie Eltern einer sexuellen Art - ein Effekt, der sich von Generation zu Generation auch noch potenziert.
Biologen sprechen von den Doppelkosten der Sexualität. Im Modell, rechnet Curt Lively vor, würden beispielsweise die Nachkommen einer einzigen asexuellen Schnecke in weniger als 50 Generationen eine Population von einer Million Sex-Schnecken und deren Nachwuchs komplett ersetzt haben.
Umso erstaunlicher erscheint es, dass die Evolution die teure und daher "bizarre Erfindung der Männlichkeit", wie der britische Evolutionsbiologe William Hamilton einmal meinte, überhaupt zugelassen hat - ansonsten gebärdet sie sich wie eine Großkapitalistin, die Investments mit schlechter Rendite alsbald abstößt.
Auch wenn damit der doppelte Preis nicht wegzurechnen ist - manche Tiere haben wenigstens den alltäglichen Aufwand für den Unterhalt von Männchen gesenkt, indem sie diese Exemplare reduzierten auf ihre Rolle als Samenspender. Treffen etwa zwei Anglerfische in der Tiefsee aufeinander, wird es mitunter gleich die Liebe ihres Lebens. Das winzige Männchen heftet sich inniglich an das Riesenweibchen und verschmilzt mit ihm, bis es sogar den Blutkreislauf des Weibchens mit ihm teilt. Fressen braucht das Fischlein jetzt nicht mehr - Big Mama ernährt ihn ja. Im Gegenzug besamt er sie, wann immer sie es wünscht. Bei manchen Arten verkümmert das männliche Anhängsel bis auf die Hoden.
Es war der berühmte Biologe John Maynard Smith, der schon in den siebziger Jahren die damals zumeist männlichen Evolutionsforscher zwang, sich die schmerzhafte Frage zu stellen, warum die Männchen überhaupt existieren. "Und als man erkennen musste, dass Sex reine Verschwendung ist, stellte sich die Frage, was ihn dann immer noch so vorteilhaft macht", berichtet Michiels.
Der Grundgedanke aller Lösungsideen zu diesem Problem lautet: Neue Wesen, die sich von ihren Eltern unterscheiden, wappnen sich besser gegen zukünftige Gefahren für Leib und Leben. "Nur durch Sex kann man Nachkommen hervorbringen, die besser sind als man selbst", erklärt Michiels.
Auf diese Erkenntnis stützt sich die wohl bekannteste Antwort auf das größte Rätsel der Evolutionsbiologie: die Red-Queen-Hypothese, benannt nach einer Figur aus dem Kinderbuch "Alice hinter den Spiegeln". Diese, eben eine Königin, fordert Alice auf zu einem rasanten Rennen. Als das Mädchen sich wundert, warum sie trotz Höchstgeschwindigkeit nicht vorwärts kommen, erklärt die Königin: "Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst."
Das heißt, allein um zu überleben, müssen sich Lebewesen rasch verändern. Wer stehen bleibt, hat schon verloren. Der todbringende Gegner im Rennen: Parasiten. Ständig greifen gigantische Armeen von Würmern, Bakterien, Viren alles an, was lebt. Treffen sie auf eine Monokultur geklonter Wesen, die alle an derselben Stelle anfällig sind, vernichten die Krankheitserreger in Windeseile die gesamte Population.
Zwar werden Epidemien wie Aids oder vielleicht einmal die Vogelgrippe auch beim sexuellen Wesen Mensch immer wieder große Bevölkerungsteile niederstrecken können. Aber ein paar Widerständige überleben selbst solche Seuchen - zufällig hat die Sexualität deren Gene so neu zusammengewürfelt, dass der Schlüssel des Virus kein Schloss mehr findet.
Zusätzlich könnte die Sexualität auch als genetischer Müllentsorger wirken. Denn mit der Zeit häufen sich im Erbgut
unabwendbar Mutationen an, gleichsam Tippfehler in der DNA. Manche dieser Veränderungen tun unverhofft Gutes, verschaffen einem Bazillus zum Beispiel Resistenz gegen Antibiotika; die meisten aber schädigen die betroffene Kreatur. Wirken mehrere Mutationen zusammen, raffen sie die Organismen im Nu dahin.
Sexuelle Arten haben weitaus bessere Überlebenschancen. Der Zufall teilt beim Mischen des Erbguts einigen Kindern besonders wenige kaputte Gene zu. Anderen hingegen wirft er alle schlechten Karten auf einmal hin - Erbgutfehler, so fatal, dass die Pechvögel sich nicht einmal mehr vermehren können. Sie sterben und nehmen die schädlichen Mutationen mit ins Grab. Ihre Spezies hat sich damit praktischerweise gleich mehrerer Tippfehler auf einmal entledigt.
Das Drama der asexuellen Geschöpfe hat den Forschern Indizien dafür geliefert, dass es sich ohne Sex zwar flott vermehren, aber nicht lange überleben lässt. Im Schnitt nur 12 bis 40 Millionen Jahre halten sich zölibatäre Wesen auf Erden (die Rädertierchen gehören zu den großen Ausnahmen). "Sie werden daher als evolutionäre Sackgassen angesehen", erklärt der Evolutionsbiologe William Rice von der University of California in Santa Barbara.
Und dennoch: Rein rechnerisch müssten die asexuellen Schnellvermehrer die Sex-Geschöpfe eigentlich stets überrunden und im Überlebenskampf aus dem Felde schlagen. Denn die Vorteile der geschlechtlichen Vermehrung - besserer Schutz vor Mutationen und Parasiten - kommen erst nach vielen Generationen zum Tragen.
Wie also gelingt es den Wesen, die sich dem Sex verschrieben haben, die doppelten Kosten für Männchen wieder reinzuholen? "Sex muss auch einen kurzfristigen Vorteil bieten", sagt Michiels. "Das ist lange übersehen worden." Seine Idee: die Partnerwahl.
"Wenn der Sexualpartner nicht dem Zufall überlassen bleibt", sagt Michiels, "sondern sorgfältig ausgewählt wird, werden die doppelten Kosten gar nicht erreicht."
Denn dann sucht und findet das stärkste Männlein das gesündeste Weiblein zwecks gemeinsamer Optimierung der Gene. Oder das größte Weibchen ergattert den liebevollsten Vater - im Idealfall also einen Partner, mit dessen Hilfe es doppelt so viele oder noch mehr Kinder gebären, füttern und schützen kann, als wenn es kein Männchen an seiner Seite hätte. Und schon sind die doppelten Kosten gespart.
Die richtige Partnerwahl muss demnach ein entscheidender Faktor sein, um den Sex zur überlegenen Fortpflanzungsstrategie zu machen - sonst würden die Tiere nicht so viel Mühe darauf verwenden.
Die wählerischsten Weibchen sind vermutlich die einer Winkerkrabbe, wie kürzlich eine kalifornische Biologin herausgefunden hat. Auf der Suche nach Mr Perfect unterziehen die Damen mehr als zwanzig Kandidaten samt ihrer Höhlen einem ausgiebigen Qualitätscheck.
Die Größe des Nests muss nämlich exakt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sein. Das ist wichtig für die Ablage ihrer Lärvchen - ein schlampig gebuddeltes Junggesellenloch tut's da nicht. Einem besonders strengen Weibchen konnten die Höhlenbaumeister anscheinend nur schwer genügen: Es überprüfte mehr als hundert von ihnen, bevor es sich endlich für den einen entschied.
Ob es der Gesang des potentiellen Liebhabers ist oder ein opulentes Geweih, rote Punkte am Bauch oder ein kleiner, dicker Leib - was die Tiere jeweils als besonders sexy empfinden bei Braut oder Bräutigam, variiert schier ins Unendliche.
Um beim anderen Geschlecht aufzufallen, müssen manche Geschöpfe sogar immense Nachteile in Kauf nehmen: Das handgroße Männchen des afrikanischen Hahnenschweifwidas schleppt einen halben Meter Schwanzfedern hinter sich her - ein ungeheurer Aufwand, jedes Jahr wieder, allein für die Show bei den Weibchen. Um bei der damit verbundenen miesen Aerodynamik überhaupt aus dem Torkeln rauszukommen, musste das Vögelchen zusätzlich in entsprechend lange Flügel investieren.
Aber diese Hilflosigkeit ist ein geringer Preis für die Möglichkeit, über die Schwanzfedern eine verschlüsselte Botschaft an die Dame zu schicken, eine Antwort auf die elementare Frage jedes paarungswilligen Geschöpfs: Werde ich mit dir viele gesunde Babys in die Welt setzen können?
Unbedingt!, lautet die Botschaft eines jeden reichverzierten Männchens: Ich bin gesund! Ein schneller Jäger! Oder: Ich bin beliebt bei den Weibern, meine Söhne erben den Sex-Appeal - so garantiere ich dir auch noch eine große Enkelschar!
Dass opulentes Dekor tatsächlich unmittelbar in üppigerem Kindersegen mündet, hat die Biologin Rebecca Safran von der Princeton University nun erstmals nachgewiesen, meldete das Wissenschaftsmagazin "Science" vorige Woche. Die Biologin hatte einigen Männchen der Nordamerikanischen Rauchschwalbe bauchseitig ein helles Walnussbraun auf die sonst zarter getönten Federn getüncht. Die Frage: Durften die aufgehübschten Kerlchen nun plötzlich mehr Nestlinge zeugen als zuvor mit naturbelassenem Federkleid?
Sie durften. Zum einen gingen ihre eigenen Gefährtinnen weniger fremd als zuvor. Und zum anderen kam so ein geschminkter Beau plötzlich ran an die Partnerin seines blassen Kollegen.
Kaum eine Äußerlichkeit jedoch scheint quer durch alle Tiergruppen hinweg so geeignet zu sein, mit der Qualität der eigenen Gene zu protzen wie Symmetrie. Darauf fahren Rauchschwalben ebenso ab wie der Mensch, Stichlinge ebenso wie Skorpionsfliegen.
Kein Wunder: Beidseitiges Gleichmaß ist schwer zu erringen während der Embryonalentwicklung. Inzucht, Hunger oder Krankheiten, mit denen das Immunsystem nicht klarkommt - jede Störung kann die Symmetrie beeinträchtigen. Folglich signalisiert Ebenmaß den perfekten Partner.
So besitzen Hirsche mit dem größten Harem nicht nur das meistendige Geweih, sondern auch das gleichmäßigste. Und Grillenweibchen paaren sich gern mit besonders hübsch zirpenden Männchen. Denn so schön schnarren nur solche, deren Singorgane völlig symmetrisch angeordnet sind.
Eine sexy Männerstimme erotisiert auch Menschenfrauen, ergab ein Versuch an der State University of New York. Und siehe da: Bei den Kerlen mit dem attraktivsten Timbre fanden die Forscher auch rechts und links gleichgeformte Gliedmaßen.
Zudem hat die Natur Wege gefunden, wie Paarungswillige die Qualität ihrer Immunabwehr bei der Brautschau zu Markte tragen können. Der Partner sollte eine von der eigenen möglichst verschiedene Version des dafür verantwortlichen Gen-Komplexes namens MHC in seinen Zellen tragen. Theoretisch kann der Gen-Mix der
Nachkommen dann umso besser den Krankheitserregern widerstehen.
Entsprechend setzen sich Frauen, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, genau auf den Stuhl, an dem der Geruch eines Mannes haftet, dessen MHC sich am stärksten von ihrem unterscheidet; das zeigen Experimente von Verhaltensforschern. Außerdem offenbaren sich jene Gene im Gesicht - eine Frau, die Leonardo DiCaprios Antlitz attraktiv finden kann, muss eine von seiner sehr verschiedene Immunabwehr besitzen.
Die Investition in Symmetrie, Federschmuck oder Brioni-Dreiteiler erscheint allerdings als gering verglichen mit den Opfern, die manch anderes Männchen bringen muss, um zum Zuge zu kommen - mehr als 80 Spezies kennen den Liebestod: Skorpione, Mücken, vor allem aber Spinnenweibchen betätigen sich als Männerfresser. Entgegen ihrem Ruf als notorische Kopfabbeißerin verzehrt dagegen die Gottesanbeterin, eine Fangschrecke, höchs-tens bei argem Hunger Teile des Geliebten beim Sex.
Aber das Todesopfer, so absurd es klingt, lohnt sich für den Einzelnen. So befruchtet das bei lebendigem Leib angefressene Redback-Spinnenmännchen mehr Eier als eines, das dem Freitod entrinnt. Wenn das Spinnenweibchen nämlich damit beginnt, an ihm herumzukauen, dauert der Sex länger - und gibt ihm Zeit, mehr Spermien zu übertragen. Ohne diesen Vorteil hätte sich solch Kamikaze in der Evolution kaum durchsetzen können.
Die Männchen anderer Spinnenarten ersannen im Laufe der Evolution Schachzüge gegen die gefräßige Geliebte. Die einen keilen beim Sex mit speziellen Spornen an ihren Kieferfühlern die Mundwerkzeuge des Weibchens fest, andere fesseln ihre Partnerin vorher in SM-Manier oder verabreichen ihr einen Liebestrank, der sie still und gefügig macht. Das Wolfsspinnenmännchen
wiederum kickt seine Gefährtin nach dem Sex in hohem Bogen in die Luft - und rennt dann um sein Leben.
"Egal ob Sie eine Fruchtfliege, ein Mensch oder eine Seekuh sind, der Geschlechterkampf ist unausweichlich", sagt Olivia Judson, "nicht zu schlichten, ein ewiger Krieg."
Es musste so kommen: Mit der Erfindung von männlich und weiblich war es aus mit friedlichem Vor-sich-hin-Sprossen und Jungfrauen-Idyll. Der Konflikt der Geschlechter eskalierte zum alles beherrschenden Prinzip der sexuellen Vermehrung.
Dabei ist das Ur-Interesse der beiden Geschlechter noch identisch: Weibchen wie Männchen versuchen, mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele lebensfähige Nachkommen in die Welt zu setzen. Da enden aber schon die Gemeinsamkeiten. Das Männchen nämlich trachtet vor allem danach, die Anzahl befruchteter Eier zu maximieren, die Vaterschaft sicherzustellen und die erfolgreiche Aufzucht der Kleinen zu gewährleisten.
Eine Fehlinvestition hätte beispielsweise ein Vogelmännchen getätigt, wenn das Weibchen seinen Samen einfach wieder herausschleuderte und den des nächsten Lovers benutzte - so entledigt sich das Haushuhn nach dem Sex der Spermien eines Hähnchens, das ganz unten steht in der Hackordnung. Besonders teuer kommt es ein Männchen zu stehen, wenn es der Partnerin hilft, die Brut eines Nebenbuhlers durchzufüttern.
Dem Weibe hingegen reicht es nicht, vom Erstbesten besprungen zu werden - der Lover könnte ja unfruchtbar sein. Oder sein schwaches Immunsystem vererben, so dass es mit großem Aufwand kränkelnde Kinder großziehen muss. Vielleicht will auch das Erbgut des Männchens nicht so recht passen. Beim Menschen können ein bis zwei von zehn unfruchtbaren Paaren wegen inkompatibler Gene keine Kinder bekommen.
Aus diesem Grund strebt das weibliche Geschlecht danach, den Fortpflanzungserfolg zu sichern und zu maximieren, indem es sich mehrere Liebhaber nimmt. Ob Stielaugenfliege oder Schimpanse - Weibchen sind sich zu schade für einen allein.
Das ergaben etwa genetische Tests, mit denen die Vaterschaft beim Nachwuchs von 180 Singvogelarten überprüft werden sollte. Allesamt nach außen hin scheinbar braves Ehegespons, erwies sich gerade mal eine von zehn dieser Arten tatsächlich als treu. Die Monogamie, so Judson, sei "eine der abweichendsten Verhaltensweisen in der Biologie".
Das Lotterleben mit mehreren Lovern lohnt sich für die Weibchen. Hindublatthühnchen zum Beispiel halten sich eine Art Hausmann-Harem von bis zu vier Männchen. Mit denen paaren sie sich reihum; befreit von der Sex-Pflicht sind nur jene Verehrer, die gerade mit Brüten oder Füttern beschäftigt sind.
Die Männchen übernehmen nämlich gleich die Aufzucht der ganzen Kinderschar. So ein Pascha-Weibchen bekommt
also mit wenig Aufwand viermal so viele Nachkommen wie die Nachbarin, die in Einehe lebt - von doppelten Kosten der Sexualität kann da keine Rede mehr sein.
Gene-Shopping nennen die Wissenschaftler das promiske Verhalten der Weibchen. Aber nicht nur wegen der Durchmischung des Erbguts zahlt sich die Herumhurerei aus. So bekommt der weibliche Zweistreifenjunker, ein Fisch, von mehr Männchen auch mehr Eier befruchtet. Und Kaninchen- wie Präriehundedamen erhöhen die Chance auf Empfängnis, wenn sie sich von mehreren besteigen lassen.
Doch gerade das Luderleben der Weibchen befeuert den Geschlechterkampf bis hin zu einem gnadenlosen Wettrüsten. Die Männchen müssen viel Aufwand treiben, um ihre Gene bei der Fortpflanzung erfolgreich unterzubringen. "Wenn Weibchen sich mit mehr als einem Männchen paaren", sagt Judson, "zieht flink Krieg ein in die Boudoirs."
Dabei begünstigen die unbeseelten Kräfte der Evolution jede neue Waffe: anatomische Spezialwerkzeuge, extrem aggressives oder trickreiches Verhalten - Hauptsache, die Maßnahme führt zu mehr oder lebenstüchtigerem Nachwuchs.
Als wichtigstes Kriegsgerät dient dem Männchen dabei sein Penis. Mit Hilfe eines Stabes lässt sich einigermaßen sicherstellen, dass sein Samen auch tatsächlich zu den Eizellen gelangt. Vogelweibchen entscheiden aber lieber selbst, wessen Sperma sie benutzen - so ist die Penetration bei diesen Tieren weitgehend abgeschafft worden, nur wenige Vögel wie Strauß oder Enten besitzen noch einen Phallus. Alle anderen dürfen lediglich ihre hintere Öffnung, die Kloake, auf die des Weibchens pressen; beim sogenannten Kloakenkuss saugt es dann den erwünschten Samen in sich hinein.
Der Büffelweber aber, eine afrikanische Vogelart, bei der die Weibchen rasend promisk leben, hat eine raffinierte Gegenmaßnahme entwickelt: Das Männchen besitzt einen Pseudopenis. Dabei handelt es sich um einen Gewebestab, der zwar kein Sperma übertragen, aber offenbar Lust erzeugen kann. Damit reibt der Büffelweber die Kloake seiner Partnerin, eine halbe Stunde lang geht das so. Dann ejakuliert er den Samen aus seiner Geschlechtsöffnung. Das Männchen, das seine Geliebte am nachhaltigsten pläsiert, so nehmen die Forscher an, hat die beste Chance, sie zu überzeugen, sein Sperma zur Befruchtung zu nutzen.
Der Stockenten-Erpel ist da wenig zimperlich; er bedient sich zu diesem Zweck einfach der Anatomie der weiblichen Kloake. Die begünstigt die Spermien des letzten Liebhabers. Erwischt er also seine Ente in flagranti, springt er rasch noch mal selbst auf.
Auch bei Fischadlern und Habichten ist gutes Timing alles. Kurz bevor die Partnerin die Eier legt, geht's zur Sache; dann kopuliert der Greif über hundertmal mit ihr, um sicherzustellen, dass sie nur ja seinen Samen verwendet.
Ein delikates Zeitproblem haben die Youngster der Meerechsen auf den Galápagosinseln. Da die Weibchen eher auf ältere Semester stehen, sprich größere Männchen, haben die kleinen nur eine geringe Chance, zum Zuge zu kommen. Und wenn einer es geschafft haben sollte, die Echsin zu besteigen und einen seiner beiden Penisse einzuführen, reißt garantiert einer der stärkeren Favoriten ihn herunter - Coitus interruptus.
Doch die Kleinen haben einen Trick parat. Sie fangen schon mal an, sich zu stimulieren, wenn sie eines Weibchens in ihrer Nähe gewahr werden. So bringen sie sich in Stimmung und können dann flugs ejakulieren, falls sie es schaffen, das Weibchen zu besteigen.
Ansonsten ist Masturbation vor allem von Primaten bekannt - insbesondere Bonobos sind berühmt dafür. Aber auch Orang-Utans basteln sich Sex-Spielzeug aus Blättern oder Zweigen. Und eine Schimpansin, die bei Menschen aufgewachsen war, befriedigte sich gar zu den Fotos nackter Kerle in einer Ausgabe der Zeitschrift "Playgirl".
Das Problem mit den Fremdgängerinnen versuchen Primaten inklusive Homo sapiens schlicht mit Masse zu lösen: Je promisker das Weibchen einer Art, desto größer die Hoden der Männchen, und desto mehr Samenzellen produzieren sie folglich. Außerdem verfügen die Tiere über ein Protein, das Sperma zäher fließen lässt. Das Gen für diesen Stoff, so fanden Biologen kürzlich heraus, ist bei den promisken Schimpansen (etwa acht Liebhaber pro Zyklus) derart mutiert, dass das Ejakulat praktisch die Vagina verstopft - und auf diese Weise Konkurrenzspermien den Weg verbaut. Bei den braveren Gorillas darf der Samen des Liebhabers dünnflüssiger sein, der Menschenmann liegt mit der Konsistenz seines Spermas ungefähr gleichauf - was Rückschlüsse auf die tatsächliche Promiskuität der Frau zulässt.
Keuschheitsgürtel sind überhaupt schwer beliebt: Sie finden sich bei so unterschiedlichen Tieren wie Fledermäusen, Schlangen, Schmetterlingen und Eichhörnchen. Der Hausmäuserich etwa fertigt einen Stopfen an, der so hart ist, dass ein Skalpell davon abspringt; ein Versuch, ihn herauszuziehen, kann damit enden, dass das Gebärmutterband reißt.
Die Kratzer, kleine parasitische Würmer, wenden die Methode auch bei rivalisierenden Männchen an, indem sie nicht nur die Geschlechtsöffnung der Weibchen nach dem Sex mit den Sekreten ihrer Kittdrüse zupappen, sondern sicherheitshalber auch Rivalen begatten, um diese ebenfalls zu versiegeln.
Die Dynamik des sexuellen Wettrüstens bringt es mit sich,
dass viele Weibchen die Fertigkeit entwickeln, sich solcher Antisex-Pfropfe wieder zu entledigen. Dem Östlichen Fuchshörnchen verschafft die Methode sogar noch Kalorien: Es zieht den Korken gleich nach dem Akt - und frisst ihn zuweilen.
Der Kampf der Geschlechter setzt sich fort bis in die letzte Zelle, das letzte Molekül. So begegnet der Frauenkörper dem Spermienansturm des Mannes in heftiger Gegenwehr. Bei den Säugetieren verwandelt allein schon das saure Milieu die Scheide in eine Spermienhölle; danach machen sich Fresszellen im Muttermund und in der Gebärmutter über die kleinen Schwimmer her wie über Pesterreger.
Diese Attacke beantworten die Männchen wiederum, indem sie dem Ejakulat einen Stoff beimischen, der das Immunsystem und damit die Fresszellen unterdrückt.
Trotz solcher Versuche der Männchen, Herr des Geschehens zu werden - den Zellen der Weibchen bleibt die letzte Entscheidung. Im Extrem betreibt eine Melonenqualle die Suche nach dem Märchenprinzen: Zunächst gewährt ihre Eizelle mehreren Spermien den Zutritt. Sodann wandert der Ei-Kern von einem Spermienkern zum anderen, stundenlang kann das so gehen, am Ende entscheidet er sich offenbar für einen, und die beiden verschmelzen. Die Auswahlkriterien des Zellkerns sind nicht bekannt.
Bis ins letzte Molekül ausgeliefert dem wählerischen Geweibs - bei vielen Tierarten greifen die Männchen deshalb zum Äußersten: der Vergewaltigung.
Kopulation gegen den Willen des Weibchens, das tun manchmal auch Hummer und Schildkröten, viele Vögel, Fledermäuse und Primaten. Und die Skorpionsfliegen: Da hat das Männchen gar ein spezielles Sado-Werkzeug hervorgebracht, ein paar Zangen am Hinterleib, mit denen es das Weibchen in Schach hält.
Und die Weibchen des afrikanischen Weißstirnspints, die ansonsten ein braves Eheleben führen, können sich kaum aus dem Nest trauen: Sogleich hat der Vogel mehrere Männchen an der Hacke, die es verfolgen und niederzuzwingen versuchen. Wie die Berserker springen sie aufs Weibchen drauf, und jedes versucht, es zu begatten, so fest es seinen Schwanz und damit die Geschlechtsöffnung auch an den Boden presst. Die Übeltäter sind nicht etwa die Junggesellen der Kolonie, die in der Gewalt ihre einzige Chance wittern, sondern zumeist die Lebensgefährten der Nachbarinnen.
Wie kann die Evolution solches Verhalten begünstigen? Zumal bei den Kolonievögeln der Gewaltakt nicht viel bringt: Schätzungen haben ergeben, dass nur ein Prozent der Spint-Nestlinge von Vergewaltigern gezeugt werden.
Wahrscheinliche Erklärung: Die Männchen haben nicht viel zu verlieren - die Weibchen wohnen nebenan; sie zu nötigen kostet wenig. Die Gene, die solches Brutalo-Verhalten ermöglichen, übertragen sie damit auf ihre Söhne.
Skorpionsfliegen dagegen zwingen die Unwillige aus der Not heraus. Deren Weibchen nämlich verkaufen ihre Gunst für einen Imbiss. Wer aber nichts zu bieten hat, weder ein totes Käferchen noch eine selbst angefertigte Spuckekugel, den weist es ab. Dann wird der Loser zum Vergewaltiger. Zwar steht sein Fortpflanzungserfolg immer hinter dem der fleißigen Schenker zurück. Ein paar Lärvchen indes zeugt er schon - besser als nichts.
Angesichts solcher Raserei zwischen Weib und Mann müsste es eigentlich in der Welt der Zwitter weitaus friedlicher zugehen.
Schließlich vereinen sie beide Geschlechter in ihrem Leib und können sich in der allergrößten Not sogar selbst befruchten - besser Inzucht als gar keine Kinder.
Auf einen weiteren Vorteil des Hermaphroditen-Daseins hat Woody Allen einmal hingewiesen, in anderem Zusammenhang allerdings: "Bisexualität verdoppelt automatisch deine Chance auf ein Rendezvous am Samstagabend." Anders gesagt: Jeder kann's mit jedem treiben. Genauso geschieht es bei Großfleckigen Seehasen, bräunlichen Meeresschnecken, die sich gern mal zu tagelangen Orgien zusammenfinden. Die Tiere bilden eine Art Sex-Kette, bei der ein jedes nach vorn Männchen und nach hinten Weibchen spielt.
Dennoch sind nur 10 bis 15 Prozent aller Tiere Hermaphroditen. Warum hat sich das Zwitter-Prinzip nicht viel stärker durchgesetzt? Warum sind wir nicht alle Zwitter?
Bei keinem Reptil, keiner Amphibie, weder bei Vögeln noch Säugern kommt dieser gemischtgeschlechtliche Zustand normalerweise vor. Ist es zu schwierig für höhere Lebewesen, die komplexen Mutationen anzusammeln, die vonnöten wären, um zwei Geschlechter in einem einzigen Tier zu vereinen? "Das Sex-Leben der Zwitter ist einfach schlecht erforscht", erklärt Evolutionsbiologe Michiels, der sich auch deswegen auf diese Mischwesen spezialisiert hat.
Das Ergebnis seiner jüngsten, teils noch nicht veröffentlichten Studien: Beim Sex erscheinen Hermaphroditen als die gröbsten Barbaren des Tierreichs. "Die akzeptieren Paarungssituationen, die getrenntgeschlechtliche Lebewesen im Traum nicht erdulden würden", sagt Michiels.
Das Drama der Zwitter beginnt damit, dass sie im Moment der Paarung lieber den Mann spielen mögen - schließlich ist es biologisch billiger, Samen herzustellen als Eier zu produzieren. Manche Zwitter lösen den Konflikt friedlich, aber aufwendig: Sie betreiben ritualisierten Eier- und Spermienhandel.
Der Keimzellen-Markt funktioniert zum Beispiel so: Zwei Sägebarsche treffen aufeinander und zeigen sich ihre dicken, eiergefüllten Bäuche, um sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass sie beim Sex prima Weibchen abgeben würden. Dann fängt einer an und lässt eine Portion Eier ins Wasser ab. Sein Partner besamt sie und laicht im Gegenzug ein paar von seinen Eiern ab, die Nummer 1 dann befruchten darf, um daraufhin sein zweites Eierportiönchen feilzubieten.
"Und immer so weiter, das kann stundenlang so weiterlaufen", erklärt Michiels, "bis einem von beiden der Einsatz ausgeht." Der Trick bei dem Handel ist, bloß nicht sämtliche Eier auf einmal anzubieten, weil der Partner im Sex-Geschäft einen sonst übers Ohr hauen könnte - indem er sie schnell besamt und von dannen zieht, seine eigenen Eier als Trumpf für den nächsten Partner im Bauch behaltend.
Andere Zwitter überbieten sich an bizarren Sex-Strategien, die so bestialisch anmuten, dass der Liebesbiss des Löwenmännchens beim Koitus dagegen wirkt wie eine Geste größter Zärtlichkeit. So betreibt, wie Michiels herausgefunden hat, eine bestimmte Plattwurmart regelrechtes Penisfechten.
Treffen zwei Begattungswillige aufeinander, richten sie sich auf, präsentieren ihre bauchseitigen Penisse wie Schwerter, und während sie umeinander tänzeln, sich biegen, vorstürzen und ausweichen, flattern ihre Körper wie blaugesäumte Capes zweier Musketiere.
"Das sieht irre aus", sagt Michiels und lässt seine Hände im Versuch einer vorlagentreuen
Kopie auf dem Schreibtisch genauso zucken und wirbeln wie die Leiber der Kombattanten. "Wer zuerst sticht, gewinnt." Der Siegerwurm besamt den Verlierer - und gleitet sodann im Eiltempo von dannen. "Hit and run nennen wir die Strategie", sagt Michiels, "schlag zu und hau ab."
Eine andere beliebte Zwitter-Taktik läuft darauf hinaus, den Partner auf barbarische Weise in die Weibchen-Rolle zu zwingen. So verbirgt zu diesem Zweck ein wenige Millimeter kleines Meeresschneckchen unter seiner zarten Buntheit grauenerregende Waffen: Der riesige Penis trägt Widerhaken und Dörnchen, daneben lauert eine Art Saugnapf mit innenliegendem Stilett.
Die Schnecken kämpfen wie die penisfechtenden Plattwürmer um den finalen Piks, eine schafft es, versenkt ihr Stilett im Bauch des Gegners und überträgt ein Sekret. Augenblicklich wird die Verletzte ganz, ganz ruhig und zieht den eigenen Phallus ein - am Ende ihrer männlichen Herrlichkeit lässt sich die Schnecke als duldsames Weibchen begatten.
"Da sieht man die abartigsten Situationen", sagt Michiels. Und natürlich meint er damit nicht "widerlich" oder "pervers", schließlich will er nicht bewerten, was die Tiere da treiben. Der Biologe weiß: Die Evolution kennt keine menschlichen Normen, nicht Sitte und Anstand. Aus diesem Grund versuchen Wissenschaftler, ihr eigenes Wünschen und Wollen herauszuhalten aus ihrer Beschreibung der Natur.
Das gelingt selbst nüchternen Naturforschern nicht immer. So wollten schon Charles Darwin und bis vor kurzem auch viele seiner Nachfolger glauben, das Weib sei von Natur aus ein treues und keusches Geschöpf - welcher männliche Wissenschaftler möchte schon annehmen, seine Gattin sei in Wahrheit wild auf Affären? Dies haben endgültig erst genetische Vaterschaftstests als Irrtum entlarvt.
Doch trotz solch eindeutiger Forschungsergebnisse tun sich viele Kirchenvertreter und andere Konservative immer noch schwer mit der Wahrheit. Und nutzen bis heute jede Gelegenheit, Monogamie und Familienidyll als höchstes Ziel göttlicher Schöpfung in den Himmel zu heben. So lobpreist - und instrumentalisiert - die religiöse Rechte in den USA derzeit den anrührend-süßlichen Dokumentarfilm "Die Reise der Pinguine". Das Machwerk des französischen Tierfilmers Luc Jacquet entwickelte sich in den Vereinigten Staaten zum Überraschungserfolg der Saison und kommt diese Woche auch in die deutschen Kinos.
Kaiserpinguine werden in dem Kitschstreifen als hingebende Eheleute dargestellt, die ihr Leben in den Dienst ihrer niedlichen Küklein stellen. Zu allem Überfluss hat der Regisseur jedem Vogel eine Stimme verliehen, die dann Sätze sagt wie: "Wir haben uns Liebe geschworen!"
Liebe? Die Wahrheit in der freien Wildbahn ist eine andere: Die Pinguine ließen "Liz Taylor aussehen wie eine lebenslange Monogamistin", kommentierte die britische "Sunday Times" die obskure Umdeutung durch amerikanische Prediger und Lebensschützer. "Jedes Jahr lassen sich 85 Prozent der Kaiserpinguine scheiden und suchen sich einen neuen Gatten aus." Und diejenigen, die beim Alten bleiben, tun dies mitnichten aus Liebe, sondern "weil es weniger kraftraubend ist", ergänzt der Meereszoologe Boris Culik.
Kommt der Lover vom Vorjahr etwa einen Tag zu spät von seiner Fresstour zurück zum Brutgebiet, könnte es zu spät sein. Schon hat sich das Weibchen einen neuen Gefährten erwählt - Pech gehabt, Romantik ade.
Und Parade-Eltern sind die Pinguine nur so lange, wie die Eisdecke zur rechten Zeit bricht. Tut sie das nicht, lassen die Eltern die Kleinen sang- und klanglos allein - zwecks Erhalt ihres eigenen Lebens.
Für die klerikalen Pinguinfans kommt es noch schlimmer: Die Vögel in der Eiswelt ziehen auch gern mal gleichgeschlechtliche Gefährten vor. Und die Weibchen der Adeliepinguine finden nichts dabei, sich zu prostituieren - sie bieten Sex im Tausch gegen ein paar Steinchen fürs Nest.
Jede Spielart ist zugelassen, Ekstase und Agonie sind festes Repertoire im Reich der tierischen Triebe. In diesem phantasievollen Reigen kann von Perversion, von Abart nicht die Rede sein. Die Natur kennt keine Moral - beim Sex schon gar nicht. RAFAELA VON BREDOW
* Olivia Judson: "Die raffinierten Sexpraktiken der Tiere". Heyne, München; 368 Seiten; 18 Euro.
* Szene aus dem Dokumentarfilm "Die Reise der Pinguine" von Luc Jacquet.
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 41/2005
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