26.02.1973

PROFESSORENEine Art Flickenteppich

Ein Taschenbuch über Technikgeschichte, das der Bochumer Professor Albrecht Timm als eigene Arbeit ausgibt, enthält lange Passagen eines vor Jahren in der DDR erschienenen Fach-Werks.
Jede frische Frucht vom Baum wissenschaftlicher Erkenntnis", rät Albrecht Timm, Professor an der Ruhr-Universität zu Bochum, "sollte man entgegennehmen, aber beachten, daß sie ohne diesen Baum nicht denkbar ist."
Doch derlei Ratschläge, die Timm in seinem letzthin erschienenen Taschenbuch über Technikgeschichte* gibt, achtet der Historiker in eigener wissenschaftlicher Praxis gering.
Denn nach der Lektüre des Timm-Werks fanden die beiden Darmstädter Doktoranden Martin Kipp, 27, und Rolf Seubert, 31, daß "an den Früchten", die der Hochschullehrer in seinem Bändchen "als frisch anpreist", sich schon seit 1969 "Tausende von Lehrern und Schülern in der DDR laben": Was der Professor als eigene wissenschaftliche Erkenntnis ausgibt, haben Wirtschaftshistoriker in der DDR vor vier Jahren in einem anderen Geschichtsbuch** beschrieben, aus dem auch bundesdeutsche Pädagogen didaktische Hinweise für ihren Unterricht beziehen. Kipp: "Ein unverschämtes Plagiat."
Auf der Frankfurter Buchmesse hatte Kipp' der mit Seubert an einer Dissertation über die deutsche Berufsschule arbeitet, letzten Herbst Timms Taschenbuch entdeckt. Aber erst später fiel es ihm "plötzlich wie Schuppen von den Augen".
Akkurat verglichen die Darmstädter Erziehungswissenschaftler Technikgeschichte in West und Ost. Über Seiten hinweg, so stellten sie fest, stimmten die Texte überein -- ausgenommen freilich Passagen, die nicht ins westliche Weltbild paßten. "Als bürgerlicher Wissenschaftler", spottet Seubert, "kann er nicht gut auf die revolutionäre Rolle des Proletariats verweisen."
Die von DDR-Autor Wolfgang Jonas zitierte "herrschende Ausbeuterklasse" etwa wandelte sich bei Timm in "die mit der Steuerung beauftragten Ingenieure und Wissenschaftler". Auf Worte wie "Proletariat" und "Kapitalismus" verzichtete der Professor; Füllwörter wie "gleichsam", "alles in allem" und "gewissermaßen" fügte er hinzu. Den Begriff "revolutionär" veränderte Timm fein in "fast revolutionär".
Daß ausgerechnet Albrecht Timm ein Produkt aus dem SED-Staat teilweise
* Albrecht Timm: Einführung in die Technikgeschichte". Berlin/New York 1972 (Sammlung Göschen, Band 5010); 9,80 Mark.
** Wolfgang Jonas/Valentine Linsbauer/Helga Marx: "Die Produktivkräfte in der Geschichte, Band 1. Dietz Verlag, Berlin 1969; 22 Mark.
abschrieb, hat politischen Witz. Denn Lebensweg und literarisches Schaffen weisen den Bochumer Historiker eher als Gegner sozialistischer Geschichtsbilder aus. Bis 1955 Hochschullehrer an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, wechselte Timm nach Hamburg, war Vorsitzender des Mitteldeutschen Kulturrats und betätigte sich als "gesamtdeutscher Waldbauernbub und Wanderprediger" (Timm), der in öffentlichen Reden die "Traditionslosigkeit im freien Deutschland" beklagte.
DDR-Lehrbüchern bescheinigte er "in der Stoffauswahl wie in der Wertung" ein "großes Maß von Einseitigkeit, aber auch Primitivität", und bedauerte, daß der "Jugend ein Geschichtsbild anerzogen wird, das ganz auf bolschewistischem Gedankengut beruht". Was ihn dennoch dazu brachte, nun aus der Jonas-Fibel große Textteile für seine "Einführung in die Technikgeschichte" zu übernehmen, weiß Timm nicht so recht zu sagen: "Ich habe da sicher meine Sorgfaltspflicht verletzt."
In der "vorlesungsfreien Zeit", so gab der Bochumer Historiker zu Protokoll, habe er "im Schwarzwald mit Tonband und Schere" das gesammelte Material "als eine Art Flickenteppich" zusammengefügt. Timm: "Man muß viele Dinge einrühren und einleiten, da passieren solche Sachen." Als "ausgelasteter und viel engagierter Hochschullehrer" sei ihm kaum Zeit zur Überprüfung der Texte verblieben.
Den Vorwurf der Darmstädter Texte-Exegeten, sich als Plagiator (Seubert: "Fast schon Hochstapelei") betätigt zu haben, will der Professor aber nicht gelten lassen. "So ist es ja nicht", wehrt er sich, "da ist ja auch mal ein Wort von mir drin."

DER SPIEGEL 9/1973
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