26.02.1973

POPMUSIKZu ungemütlich

Das Kölner Quintett „Can“, derzeit auf England-Tournee, hat als erste deutsche Rockband den Durchbruch auf den internationalen Musikmarkt geschafft.
Wenn sie in ihrem Studio, einem alten Kino bei Köln, hinter einer Schallmauer von 1500 Seegrasmatratzen eine Platte produzieren, dringt manchmal monatelang kein Laut an die Außenwelt. Das fertige Produkt, dessen können die fünf Musiker von der Rockband "Can" neuerdings sicher sein, löst ein um so kräftigeres Kritiker-Echo aus.
"Can", lobt der Londoner "Melody Maker", "ist zweifellos die talentierteste und beständigste Experimental-Rockgruppe in Europa". Nach ihrer Musik, urteilt der "Spectator", klingen englische Schallplatten "wie eine Rückkehr zur Schule nach einem Ferienaufenthalt auf Wolke Neun"*.
Niemals zuvor hat die britische Presse eine Rockband vom Kontinent mit soviel Lorbeer bedacht. Niemals zuvor
* "Cloud Nine" war 1968 ein Hit der Soulgruppe The Temptations".
applaudierten auch englische Konzertbesucher den "Deutsch-Rockern" 50 begeistert wie seit zehn Tagen -- seit das "Can"-Quintett bei ihnen auf Tournee gegangen ist.
In beinahe jedem Konzert dürfen die Musiker erst nach Mitternacht von der Bühne. Aus dem Londoner Rock-Theater "Rainbow", das um 23 Uhr schließt, waren die Zuhörer am vorletzten Sonntag nach 20 Minuten Beifall nur mit einem Trick zu vertreiben: Tontechniker spielten Beethovens Neunte überlaut in den Saal.
Solche "Mammutkonzerte vor ausgekochten Rock-Kennern" ("Can"-Organist Irmin Schmidt) hat sich die Combo schon immer gewünscht. Denn bei "Can" kommt nur auf seine Kosten. wer lang andauernden, auf- und abschwellenden Klangflächen. elektronischen Morsesignalen sowie einer ins Ensemblespiel verwobenen Gesangsimprovisation konzentriert zuhören kann.
Sowohl im Konzert als auch bei der Plattenproduktion kann jeder Musiker die Stücke umgestalten: "Wir haben keinen Produzenten. keinen Toningenieur, keinen Manager und keinen Chef" (Schmidt). Daher klingt jede Aufführung anders: "Wenn Roy Black bei uns mitmachen wollte, wäre auch das möglich, aber er würde dann sicher etwas anders singen als jetzt,
Da ihnen Roy Black jedoch nicht zur Verfügung steht, ließen die Musiker bei einem kostenlosen "Free Concert" in der Kölner Sporthalle vor einem Jahr Artisten und Jongleure auftreten, um Nicht-Musikexperten unter ihren 10 000 Gästen zu unterhalten.
Auch die Plattenfirmen, denen Schmidt 1969 erste Eigenproduktionen vorspielte. beurteilten "Can" als. "zu esoterisch für den deutschen Markt". Erst als die Rock-Intelligenzler (zwei von ihnen hatten zuvor in Karlheinz Stockhausens Elektronik-Studio gearbeitet, ein dritter für prominente Jazzmusiker getrommelt) die abgelehnte "Can"-Konserve unter dem Titel "Monster Movie" auf 500 Privatplatten pressen ließen und die Rarität für 60 Mark auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurde, griff die Münchner US-Firma Liberty/United Artists zu.
Sie hatte es nicht zu bereuen. Unmittelbar nach Abschluß des Plattenvertrages kam die Band nämlich mit Film und Fernsehen ins Geschäft. Für zwölf Kino- und TV-Filme -- darunter Thomas Schamonis "Großer grau-blauer Vogel". der Durbridge-Krimi "Das Messer" sowie Samuel Fullers "Tatort"-Beitrag "Tote Taube in der Beethovenstraße" -- produzierte "Can" in der Matratzengruft die Musik. Allein von der Titelmelodie zum "Messer (Plattentitel: "Spoon") wurden mehr als 200 000 Singleplatten abgesetzt.
Den Hauptumsatz mit "Can"-Langspielplatten macht die Münchner United-Artists-Filiale inzwischen auf dem Auslandsmarkt. In England wurde das Doppelalbum "Tago Mago" bisher fast 14 000 mal verlangt. Amerikanische Importeure bestellten von der neuen, nach dem türkischen Gemüse Okraschoten benannten LP "Ege Bamyasi in zwei Wochen 3000 Exemplare -- so viel, daß die Firmenzentrale in Los Angeles die US-Auslieferung stoppen ließ. Sie übernimmt die "scharfe Sache" (UA-Produktionschef Gerhard Augustin) für Amerika in Lizenz.
Auch in Deutschland sind die fünf Musiker unter den Rockbands mittlerweile Nummer eins. In einer Umfrage der Zeitschrift "Popfoto" entfielen letztes Jahr 34 Prozent der abgegebenen Stimmen auf "Can"-Schallplatten. 34 Prozent bedeuten aber auch, bemängelt Irmin Schmidt, "daß für zwei Drittel der deutschen Popmusik-Fans unsere Musik immer noch zu ungemütlich ist".

DER SPIEGEL 9/1973
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