15.01.1973

AKTIENSchlechte Fälle

Die Wagner Computer AG in Berlin will an die Börse. Doch die Banken zieren sich, die Elektronik-Aktien in den exklusiven Kreis börsennotierter Spekulationspapiere aufzunehmen.
Günter Merle, Finanzchef der Wagner Computer AG in Berlin, verwünscht den falschen Zeitpunkt: "Wenn wir vor zwei bis drei Jahren gekommen wären, hätten wir das längst über die Bühne gebracht."
Doch der Bühnenvorhang hob sich nicht: Den Wagner-Aktien blieb bisher der Weg an die Börse versperrt. Merle kreidet dies den inzwischen vorsichtig gewordenen Banken an. Deutsche Geldinstitute, so klagt er, hätten im Gegensatz zu vielen ausländischen Banken den Schlüssel zum Börsensaal in festverschlossener Hand, wenn junge Wachstums-Unternehmen bei Anlegern Kapital suchten. Der Wagner- Manager weiß allerdings auch warum: "Es hat da schlechte Fälle gegeben."
Solche Einsicht bietet indes dem Bilanz-Mann wenig Trost, denn das Berliner Computer-Unternehmen braucht dringend Kapital. Firmengründer Günter A. Wagner, 38, hat in den vergangenen Jahren produktionsreife Klein- und Mittelcomputer entwickelt. Mit diesen Denkschränken zu Preisen zwischen 50 000 und einer Million Mark will er nun in den von Nixdorf, Kienzle, Philips und Anker beherrschten Markt der "mittleren Datentechnik' eindringen. Doch vor der Markt-Attacke muß der junge Unternehmer die Computer-Herstellung erst noch aufbauen.
Um zu Produktiv-Kapital zu kommen. versuchte Wagner durch eine Hintertür auf das Börsenparkett zu gelangen. Da der Weg bis zur Aktienmarkt-Zulassung lang und umständlich ist -- unter anderem muß eine erfolgreiche fünfjährige Tätigkeit nachgewiesen werden -, kaufte der Elektroniker kurzerhand die Aktien der börsennotierten. aber toten "Kamerun Eisenbahn-Gesellschaft" auf.
Das. "exotische Papier aus Kaiser Wilhelms imperialen Zeiten" ("Zeitschrift für Datenverarbeitung"), das bis Ende des Ersten Weltkriegs die Beteiligung an einer 155 Kilometer langen Stichbahn von der Küste ins Landesinnere Deutsch-Kameruns verbriefte. hatte jahrelang an den Börsen in Berlin und Hamburg mit Kursen zwischen 3 und 8 Prozent für die 50-Mark-Aktie ein Schattendasein geführt -- bis Wagner kam.
Der kapitalsuchende Techniker ("Ich habe den Kurszettel studiert') bot im Herbst 1971 den Kolonial-Aktionären sechs Mark pro Kamerun-Anteil und ergatterte damit -- zum großen Teil von Banken -- für nur etwa 50 000 Mark 30 Prozent des Aktien-Kapitals von damals 900 000 Mark. "Weitere zehn Prozent habe ich an der Börse zugekauft", erinnert sich Wagner. Seine Nachfrage trieb den Kurs bis Ende 1971 auf 57 Mark.
Eine Kamerun -Hauptversammlung im März 1972 stockte das Kapital um 1,1 Millionen auf zwei Millionen Mark auf. Als Wagner, der die neuen Aktien übernahm, dabei seinen Plan verkündete, das Eisenbahn-Papier mit Datenverarbeitung zu beleben, wurden die Spekulanten erst richtig munter. Der Kurs stieg bis Ende Juni des gleichen Jahres auf 90 Mark. Anfang August 1972, eine Woche vor der bisher letzten Hauptversammlung, in der die Kolonial-Gesellschaft zur "Wagner Computer AG vormals Kamerun-Eisenbahn-Gesellschaft" umgetauft wurde, stand die Stichbahn- Aktie auf 145 Mark.
Den Banken war der steile Kursanstieg nicht mehr geheuer. und die Börsenvorstände setzten die Kursnotierungen aus: Die als Konsortial-Institut für die Eisenbahn-Gesellschaft eingesetzte Berliner Handels-Gesellschaft-Frankfurter Bank hatte ihre Funktion als Zahlungs- und Hinterlegungsstelle niedergelegt; die Voraussetzung für die Börsen-Zulassung des Kamerun-Werts entfiel damit.
Verblaßt war damit Wagners Hoffnung, über die im August 1972 beschlossene weitere Kapitalerhöhung von zwei auf 16 Millionen Mark (Ausgabekurs 200 Prozent) an der Börse auf leichte Art 32 Millionen Mark für den Produktionsstart zu ernten.
Sinn für elegante Finanzierung hatte Wagner bereits bewiesen, als er an seinem 29. Geburtstag mit 6000 Mark eigenem und 5000 Mark geliehenem Geld im Juni 1963 die "Wagner Digital Elektronik GmbH" gründete. Sechs Jahre später verkaufte er seine Jungferngründung mit 250 Beschäftigten und acht Millionen Mark Umsatz an die AEG-Tochter Hartmann & Braun AG. Den Erlös von drei Millionen Mark steckte Wagner wieder in die Computer-Entwicklung.
Weitere Geldhilfe gaben ihm dann rund 1600 vertrauensvolle Bundesbürger in Gestalt von 60 Millionen Mark Kommandit-Kapital für seine fünf Produktionsgesellschaften (Bürocomp, Datacomp, Warocomp, Typocomp, Educomp). Sie erhielten dafür vom promovierten Ingenieur Wagner steuersparende Verlustzuweisungen nach dem Berlin-Hilfe-Gesetz. Wagner heute: "Bis zur Produktionsbereitschaft haben wir jetzt alles hingestellt. Jetzt müssen wir das Ganze mit Leben erfüllen."
Das lebenspendende Kapital für die Computer-Aktiengesellschaft. die den Wagner-Produktionsgesellschaften zentrale Aufgaben wie Verwaltung, Einkauf und Lagerhaltung abnehmen soll, wollen die Berliner Elektronik-Optimisten trotz Banken-Blockade zusammenscharren. Wagner gibt allerdings zu: "Bei uns dauert das etwas länger als beispielsweise bei Daimler-Benz."
Damit es nicht allzu lange dauert, lockt Finanzchef Merle, den Wagner sich aus dem Gelsenberg-Konzern nach Berlin geholt hat, mit günstigen Ertragsprognosen: Für 1973 soll es bereits zehn bis zwölf Prozent Dividende geben. Schon 1975 will das Unternehmen mit seinen Klein- und Mittelcomputern 130 Millionen Mark Umsatz erzielen. Verspricht Wagner: "Wir denken in erster Linie an eine Profitgesellschaft."
Trotz solcher Schalmeientöne sind sich die Computer-Wagnerianer der Zeichnungslust ihrer Kommanditisten nicht recht sicher. Beharrlich und zäh rangeln sie deshalb auch weiterhin mit Geld-Instituten um Mithilfe bei der Aktienplazierung über die Börse.
"Wir haben", so spricht sich Merle Trost zu, "sehr angenehme Bankgespräche.

DER SPIEGEL 3/1973
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