22.01.1973

VERBRECHENWie ein Kelch

Kriminale wie Kriminologen rätseln über die Motive eines Mordfalles, den vier Jugendliche im Rheinischen an einem 18jährigen verübten.
Ulrich von Heymann, 18, war allein, als er nachts gegen drei auf vier andere Zecher traf. Andreas A.* 16, und sein Stiefbruder Carsten C.*, 18, sowie die Geschwister Katrin und Michael K.* 18 und 21. schienen nach einem letzten Schluck im Gasthaus "Zum Käthchen" im rheinischen Neuwied gut aufgelegt.
"Kannst du nicht "Guten Abend" sagen?" flachste das Mädchen und rempelte den einsamen Fußgänger an. Knapp eine Stunde später war er tot -- an 33 Messerstichen verblutet. Es war eine Tat, die sich, so Haupttäter A.*, "halt so ergeben hat" -- ein Kollektiv-Verbrechen an einem Zufallsopfer, für das es bislang kein plausibles Motiv gibt.
Für den Leitenden Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Ulrich in Koblenz ist es ein Fall, der "hinsichtlich der Roheit und Gefühllosigkeit der Täter und der fatalistischen Ergebenheit des Opfers kein Beispiel kennt".
Der Mainzer Kriminologie-Professor Armand Mergen denkt "allenfalls an Charles Manson und Sharon Tate, wenn man hier nach Vergleichen sucht". Praktiker Ulrich wird an den "Schnee-Fall" im Siegkreis erinnert -- an den Kälte-Tod eines Autofahrers, der zu Neujahr 1971 von zwei Jugoslawen nackt an einen Baum gefesselt worden war und dann im Schnee erfror.
* Rekonstruktion des Mordfalls durch Polizei und Staatsanwaltschaft
Es begann wie ein schlechter Scherz -- dort wie hier: Als der Arbeiter von Heymann von Katrin K.* belästigt, ohne Aufhebens und Gegenwehr weiterging, griffen wortlos die drei Kavaliere ein. Sie schlugen auf den ihnen Unbekannten ein, hielten ihm ein Fahrtenmesser ins Kreuz und zwangen ihn auf eine Parkbank -- knapp 300 Meter weiter an der Kirmeswiese, wo der rheinland-pfälzische Finanzminister Gaddum in Rufweite wohnt.
Nur verhalten aber rief von Heymann um Hilfe -- aus Angst. Statt sich zu wehren oder wegzulaufen. blieb er passiv, offenbar unter Schock und um ein gutes Ende besorgt. Als der Junge. nach weiterer Prügel, zu wimmern begann, warf der Jüngste der Gruppe. Andreas A.*, "wie ein Zirkus-Artist" (Ulrich) mit dem Messer nach ihm: Mehrmals blieb die Klinge haarscharf neben dem Körper im Holz stecken.
Die Brutalität steigerte sich, je mehr sich das Opfer seinen Quälern ergab. Anführer A.* schnitt dem Delinquenten mit dem Fahrtenmesser die halblangen Haarbüschel ab und schlitzte ihm Hemd, Hose und Jacke auf. Erst als von Heymann nackt und schlotternd auf der Bank saß, regte sich Mitleid: Er durfte eine Jacke überziehen.
Das Quartett führte den nackten Gefangenen über eine leblose Hauptstraße zum nahen Stadion. Die Gruppe half von Heymann über einen Maschenzaun und geleitete ihn zu der am weitesten abgelegenen Ecklinie des Sportplatzes. wo er nach neuen Fußtritten erst einmal das Bewußtsein verlor.
"Wie ein Ritual" begann "die Endphase der Tat, die man nur Hinrichtung nennen kann" (Ulrich). Nacheinander zogen die vier einen Lederhandschuh an -- K.* und C.*, weil sie Linkshänder sind, den linken; die beiden anderen den rechten -- und griffen reihum zu der Stichwaffe. Jeder, auch Katrin K.*, stach einmal in den Rücken des Opfers -- der letzte so tief. daß das Messer klemmte "und wie aus einem Brett, auf das man den Fuß stellt" (Ulrich), herausgezogen werden mußte.
Vermutlich ins Rückgrat getroffen und querschnittgelähmt, stöhnte von Heymann, "Jetzt kann ich mich nicht mehr bewegen." Dennoch drehten A.* und Hille den Schwerverletzten auf den Rücken und stachen noch 29mal wahllos zu. Von Heymann starb kurz vor vier Uhr am Sonnabend vorletzter Woche.
Als er am Morgen von einem Trimm-dich-Sportler gefunden wurde, begann in der Kleinstadt Neuwied wie unter Experten das Rätselraten. "Junge Leute mit schweren seelischen Schäden", so deutet der Hamburger Psychosomatik-Dozent Hellmuth Freyberger den Fall. "ziehen sich gegenseitig magisch an, bilden eine Gruppe. in der sie meistens eine typische Ideologie des Hasses entwickeln."
Es ist, so meint Kriminologe Mergen, "eine Aggression von Frustrierten, die ins Nichts stößt und dann plötzlich ein Opfer hat" -- Typisch erscheint dem Wissenschaftler das "sadistische Sich-hinauf-Schaukeln", das -- so Ulrich -- in der "stillen Übereinkunft zum Töten" gipfelte. "Das symbolhafte Stechen, das Weitergeben von Messer und Handschuh an den nächsten, wie man an einem Kelch trinkt und ihn weitergibt". läßt nach Mergens -- Ansicht die Deutung zu, "daß sich die Gruppe -- im Sinne eines Ideals -- noch fester aneinanderschmieden wollte.
Auch die Kripo entdeckte während der Vernehmungen einen "Solidarisierungseffekt" bei den Tätern, der dann "plötzlich zur Spontaneität" führte und "kein Sich-Sperren gegen das Mitmachen" mehr zuließ: Nur das Mädchen wagte zeitweise leisen Protest; Katrin K.* setzte wenigstens durch, daß das frierende Opfer die Jacke bekam.
Katrin* und ihre Begleiter, Fabrikarbeiter aus einfachen Verhältnissen, waren vorher als enge Clique öfter durch die Stadt gestreunt, hatten in Rocker-Manier Passanten angepöbelt und auch mal ein Auto demoliert. Gleichwohl sah Kriminalrat Franz Barth "bislang keinen Anlaß, einen der vier als kriminell oder asozial einzustufen".
Das unscheinbare Mädchen -- introvertiert, ständig nägelkauend und der volljährige Bruder Michael*, ein Phlegmatiker, ordneten sich wie Carsten C.* dem -- so Barth -- "primitiv-brutalen" Benjamin des Quartetts unter: Andreas A.*. Ihn sieht Kriminologe Mergen in der Rolle einer "charismatischen Führerfigur".
Daß die vier unter Drogeneinfluß gestanden haben könnten, wie der Mainzer Kriminologe vermutet, schließen die Ermittler bislang aus. Nur das Opfer von Heymann war 1971 einmal als Dealer aufgefallen -- zu seinen Peinigern gibt es nach Polizeiansicht keine Verbindung.
So gewinnt ein Parallelfall an Bedeutung, den die Polizei in Neuwied schon nach Silvester zu Protokoll nahm: Ein junger Mann, der seine Freundin heimgebracht hatte, wurde nachts an der Kirmeswiese von einer Gruppe mit dem Messer bedroht. Er blieb ungeschoren. weil er flink über einen Zaun sprang und sich in einem Hausflur versteckte.
"Vielleicht", vermutet Kriminalrat Barth, habe die A.*-Clique an der Kirmeswiese "schon des öfteren auf ein Opfer gelauert -- aber das wissen wir nicht". Und so erscheint die Experten-Theorie vom Zufalls-Mord wieder zweifelhaft.
* Namen wurden von der Redaktion geändert!

DER SPIEGEL 4/1973
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