01.01.1973

FERNSEHENNase im Dreck

Hollywood-Regisseur Samuel Fuller hat fürs Deutsche Fernsehen einen „Tatort“-Krimi gedreht.
Gegen Kriegsende machte der amerikanische Infanterist Samuel Fuller, laut eigenem Bericht, nächtens Quartier in Bonn. Beim Erwachen stieß er an ein altertümliches Piano und erkannte: "Beethoven was here": die Schlaf-Statt war das Geburtshaus des Komponisten.
Als mittlerweile berühmter Hollywood-Regisseur, ein Spezialist für Kriegs- und Gangsterfilme, ist Beethoven-Fan Fuller. 61, nun noch einmal zurückgekehrt, zum "Tatort. Für diese Krimi-Serie des Deutschen Fernsehens installierte er zum erstenmal seine Kameras auf europäischem Boden und drehte -- in Köln. Bonn und Umgebung -- ein Lichtspiel mit dem Titel "Tote Taube in der
Beethovenstraße" (Sendetermin: 7. Januar, 20.15 Uhr).
In die meist von einheimischen Routiniers versorgte TV-Reihe bringt Fullers "Tote Taube" (Slangausdruck für Pechvogel) einen ungewohnten Anspruch und den Hauch weiter Filmwelt. Tatsächlich wurden die Dialoge (Ausnahme: die Sprüche des Zollfahnders Kressin alias Sieghardt Rupp in seiner
letzten, kleinen "Tatort"-Rolle) englisch aufgenommen und erst dann für den deutschen Bildschirm synchronisiert.
Die Urfassung nimmt Fuller mit nach Hause. Er hat sich, mit einer Stargage, vom Westdeutschen Rundfunk und der Bavaria Atelier Gesellschaft die amerikanischen Rechte an seiner Arbeit ausbedungen, und in den USA soll der Thriller -- wie bald auch in Europa -als "richtiger Kinofilm" (Fuller) laufen.
Mit den Filmproduzenten seiner Heimat hatte Fuller bereits viel Streit; vom (auch schon bei der ARD gezeigten) "Hai" zum Beispiel versuchte er nach Eingriffen der Geldgeber erfolglos, seinen Namen zurückzuziehen.
Trotzdem ist glaubhaft, daß der Regisseur nicht nur wegen mutmaßlich liberalerer Arbeitsbedingungen an den Rhein kam. Schon einmal jedenfalls hatte ihn ein Deutschland- und Beetho-
* Mit Corbett (r.). Diffring.
ven-Thema gepackt: 1958 inszenierte er unter dem deutschsprachigen Titel "Verboten!" und zu Klängen des Bonner Symphonikers in Hollywood-Studios die Romanze einer Nazi-Deutschen mit einem US-Soldaten.
Unter extremen Bedingungen und in zwielichtigem Milieu, in Krieg ("Durchbruch auf Befehl"), Wildwest ("Vierzig Gewehre") und Unterwelt ("Alles auf eine Karte"), stellt Fuller, der sich als einstiger Reporter und gelegentlicher Romanautor auch Drehbücher gewöhnlich selber schreibt, seine Figuren auf überharte Proben.
Die so entstandenen, stets blutigen Action-Filme -- WDR III zeigt demnächst eine Auswahl -- wurden lange Zeit als bloßes Konsumkino mißachtet. Erst seit einigen Jahren haben Cinéasten Geschmack an Fullers Ästhetik der langen Einstellungen und an seiner pessimistischen Moral gefunden.
"Fuller schmeichelt seinem Publikum nicht", konstatiert der britische Kritiker Nicholas Garnham, "er reibt unsere Nase in unserem eigenen Dreck" Fuller-Figuren strotzen von Kraft, doch die ist destruktiv. Sie werden von Mißtrauen, Irrtum und Verrat beherrscht, und Liebe wird für sie, so Garnham, zu einer "schicksalhaften Falle".
"Die stärkste Liebesbeziehung wird unwichtig, wenn Geld im Spiel ist" -- das, unter anderem, will Fuller auch mit der "Toten Taube" zeigen.
Sein Held, Privatdetektiv Sandy (vom Amerikaner Glenn Corbett bravourös gespielt), gerät in Bonn an einen Erpresserring, der hohe Diplomaten und Politiker (darunter ein US-Präsidentschaftskandidat) bedrängt. Als Schlüsselfigur der Gang entpuppt sich die Deutsche Christa. der Sandy alsbald sehr hinderlich für beider Arbeit
auch menschlich nahekommt. Doch mit der Devise "Women's Lib!" greift Christa im entscheidenden Moment zum Revolver.
Die "Tote Taube", unterkühlt gehalten und gerade deswegen wohl keins der stärksten Fuller-Werke, ist aber auch, so sagt der Autor, ein "Th riller mit sehr viel Humor"; das Stück steckt voll turbulenter Szenen wie einem Zweikampf im Arsenal eines Waffensammlers (Anton Diffring) oder einer Verfolgungsjagd im Kölner Karneval.
Für diese Szene hatte Fuller, der zu Beethoven- Musik an seinem Drehbuch dichtete, zunächst den Rosenmontagszug als Hintergrund erkoren. Nach überhöhten Gagenforderungen der Jecken bekam er schließlich von der Gesellschaft "Kuniberts Ritter" einen kleinen, kostenlosen Extrazug. Selbst bei der Bundesbahn setzte er sich durch -- am Kölner Hauptbahnhof gab es für Fuller eine fiktive Durchsage.
Fuller, der 1965 in einer Charge des Godard-Films "Pierrot le Fou" persönlich seine Auffassung vom Kino zum besten gegeben hat ("Ein Schlachtfeld: Liebe, Haß, Gewalt, Aktion, Tod
mit einem Wort: Gefühl"), wollte auch gern "fünf oder sechs" echte Diplomaten am "Tatort" stellen. Der Wunsch blieb unerfüllt, trotzdem spielen Wirklichkeit und Film sinnig ineinander.
Erpresserin "Christa" beispielsweise wird von der deutschbürtigen Schauspielerin Christa Lang, verehelichte Fuller, gegeben. "Johnson", ein Berufskollege des Protagonisten, der gleich zu Anfang als "Tote Taube" auf das Pflaster der Bonner Beethovenstraße sinkt, heißt nach jenem Fuller-Kriegskamera. den, der einst im Beethovenhaus mit übernachtet haben soll.
Der übrigens fragte damals, als er den Musiker-Namen hörte, ganz unbefangen: "Von welcher Kompanie?"

DER SPIEGEL 1/1973
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