11.12.1972

Datum: 11. Dezember 1972 Betr. Heinz Klatte

Einmal entstandene Legenden zu widerlegen, etwa die, Luther habe seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt, sei das Geschäft klassischer Archivare, sagte Heinz Klatte vor einigen Jahren in einem Referat vor dem Deutschen Archivtag. Legenden erst gar nicht entstehen zu lassen, sei die Aufgabe des Pressearchivars. Eine der Legenden, der er gewiss ohne Koketterie, gewiss mit einer gesunden Portion Understatement immer wieder entgegengetreten ist, betraf seine eigene Abteilung: die Dokumentation des SPIEGEL, die er von 1954 bis 1970 geleitet hat, das "legendäre" SPIEGEL-Archiv. Klatte, Jahrgang 1907, geht zum Ende dieses Jahres in Pension. Dass der legendäre Huf des SPIEGEL-Archivs überhaupt entstehen konnte, ist auch sein Verdienst. Aber äusserer Bestätigung für das Selbstbewusstsein der inzwischen neunzig Angehörigen der SPIEGEL-Dokumentation bedurfte es nicht. Klatte bat, wiederum in einer Rede vor Berufskollegen, Pressearchive den "Schlüssel ihrer Epoche" genannt: "War das Redaktionsarchiv ursprünglich als eine Institution gedacht, die dem Journalisten die Arbeit erleichtern, ihm Material aufbereitet liefern und die Suche nach Fakten und Daten ersparen sollte, so erwächst ihm heute immer mehr eine Kontrollfunktion gegenüber der Redaktion und dem einzelnen Journalisten." Dergleichen legitimes Selbstverständnis erlaubt auch, Bruchlandungen heiter einzugestehen. Eines Tages, nach 23 Uhr, die Sache liegt Jahre zurück, hatte die Redaktion des SPIEGEL den Autor des Zitats erfahren wollen: "Vom Nichts, das einmal ein Engel war". Klatte: "Wir sind hier hart gegen uns selbst, und die Redaktion ist hart gegenüber der Dokumentation. Sie erwartet den Namen des Autors, und sie fragt nicht nach den Kosten. Da Carl Heinz Schroth auf Polgar tippte, seine charmante Frau Karin Jacobsen sich energisch aus dem Hintergrund für Kerr einsetzte, Gründgens wiederum für Polgar und der aus dem Bett geklingelte mürrische und doch gleich wieder liebenswürdige Werner Hinz für Kerr, telephonierten wir weiter. Etwa zehn Schauspieler und zwei Kritiker zerbrachen sich mit uns gemeinsam um Mitternacht die Köpfe, suchten in ihren eigenen Bücherschätzen und Privatarchiven und weckten von sich aus andere Kollegen, die wiederum zuerst brummten und dann gleichfalls suchen halfen: Endergebnis: Es blieb fifty, fifty. Ein doch noch im Archiv gefundener fragwürdiger Ausschnitt nannte Polgar. Für ihn entschieden wir uns, untereinander zerstritten, mit uns selbst unzufrieden, erbärmliche Sklaven alles Gedruckten. Leider. Das "Nichts, das einmal ein Engel war', ist von Kerr."
Die Kollegen aus Buenos Aires hatten es ja längst gewusst. Im "Argentinischen Tageblatt" stand: "Mit einem Wort: es fehlt dem SPIEGEL das Archiv."

DER SPIEGEL 51/1972
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