11.12.1972

JUSTIZAusgemustert

Der ehemalige KZ-Arzt und „Gnadentod“-Spezialist Dr. Horst Schumann, der in Frankfurt in Freiheit lebt, kann nach ärztlichem Befund nicht mehr vor Gericht gestellt werden.
Die Anwohner der Draisbornstraße im dörflichen Frankfurter Stadtteil Seckbach nehmen kaum Notiz davon. daß die Witwe Emmy Müller in Nummer 5b seit vier Monaten einen männlichen Logiergast hat.
Der weißhaarige, etwas fällige Mittsechziger verläßt das ockerfarbene Reihenhaus in der Sackgasse nur selten -- zu einem Spaziergang am nahen Lohrberg oder, einmal die Woche. zu einem Besuch beim Polizeiposten von Seckbach. Meldung über das leibhaftige Erscheinen des Müller-Gastes ergeht jeweils an die Staatsanwaltschaft heim Oberlandesgericht Frankfurt.
Dort, im Justiz-Hochhaus an der Zeil, wartet im Zimmer 820 der Erste Staatsanwalt Johannes Warb, 45. und fragt sich, ob und wann er den Meldepflichtigen noch einmal auf die Anklagebank bringen kann: Dr. med. (inzwischen aberkannt) Horst Schumann, 66, nächst dem in Südamerika untergetauchten KZ-Arzt Josef Mengele der bekannteste Überlebende unter Hitlers Euthanasie-Spezialisten. Schumann, der bis zu seiner Entdeckung 1951 unter richtigem Namen im Ruhrgebiet praktiziert hatte, floh nach Ghana und wurde 1966 ausgeliefert.
Bis zum April letzten Jahres hatte ein Frankfurter Schwurgericht sieben Monate lang gegen den ärztlichen Vollstrecker programmierten Mordes verhandelt wegen Selektion und Tötung ("Gnadentod") von fast 15 000 Geisteskranken in den "Liquidationsanstalten" (Anklageschrift) Grafeneck/Württemberg und Sonnenstein/Sachsen. in den Jahren 1940 und 1941.
Außerdem mußte sich Schumann wegen der "Ausmusterung" (Anklageschrift) von 765 arbeitsunfähigen Häftlingen (Lagerjargon: "Muselmänner") der Lager Auschwitz und Buchenwald verantworten, die er in Sonnenstein "selbst tötete oder töten ließ".
Nachdem Schumanns Euthanasie-Kollegen Hanns Eisele, Werner Heyde und Carl Clauberg gestorben waren, bevor ihnen der Prozeß gemacht werden konnte, scheint die Massentötung Geisteskranker im Hitler-Reich auch im Falle des letzten noch greifbaren Haupttäters für die bundesdeutsche Justiz ein Kapitel unbewältigter Vergangenheit zu bleiben. Dabei wogen in keinem der früheren Euthanasie-Verfahren gegen weniger belastete Ärzte die Beweise so schwer. Kaum zuvor waren schuldhafte Verstrickungen und williger Einsatz von Ärzten und Beamten, Handlangern und Mitläufern so deutlich bloßgelegt worden.
Aber schon nach sieben Monaten wurde der Prozeß gegen Schumann abgebrochen; der Angeklagte war nicht mehr verhandlungsfähig. Ein Hauptverfahren wegen der weiteren Anklage
tödliche Sterilisationsversuche Schumanns an mindestens 180 männlichen und weiblichen Auschwitz-Häftlingen (1942 bis 1944) -- wurde gar nicht mehr eröffnet. Der Frankfurter Medizin-Professor Hans-Karl Breddin attestierte am 7. Juli 1971 dem Untersuchungshäftling Horst Schumann "fixierte Hypertonie" (konstanten Bluthochdruck) mit systolischen Druck-Werten von mindestens 190 und diastolischen von höchstens 130. Zudem diagnostizierte Breddin Arteriosklerose und Altersemphysem, Nachwirkungen eines Magengeschwürs sowie Arthrose der Hüft- und Kniegelenke.
Freilich rechtfertigten allein Blutdruckbeschwerden wie Schwindel und
* Am 23. September 1970 vor dem Frankfurter Schwurgericht.
Kopfschmerzen, mögliche Herz- oder Gehirnschlag-Gefahr die vorläufige Einstellung des Verfahrens gegen Schumann. der voll erinnerungsfähig und auch geständig war (SPIEGEL 17/1971). Seitdem allerdings fechten Warb und sein Ankläger-Kollege Siegfried Schmidt um Neubeginn des Mordprozesses -- bisher vergeblich.
Nachdem Schumann -- seit 1966 in U-Haft -- im Sommer 1971 in das Zentralkrankenhaus der hessischen Vollzugsanstalt Kassel-Wehlheiden verlegt worden war, maß Vertragsarzt Dr. Justus Heß, Internist in Kassel. bei Schumann mit dem Manschetten -Manometer ebenfalls Blutdruckwerte von 180 bis 250 und 130 bis 100. Normalbefund für einen Mann in den Sechzigern: 150 und 100.
Obschon Heß bei Schumann "psychisch normales Verhalten" feststellte, schloß er aus, "daß Dr. Schumann für einen länger dauernden Prozeß wiederhergestellt werden kann". Die beiden Staatsanwälte sowie die Nebenkläger-Anwälte Henry Ormond (Frankfurt) und Friedrich Karl Kaul (Ost-Berlin) verlangten ein weiteres Gutachten.
Aber auch Oberregierungsmedizinalrat Dr. Heinz Degenhardt vom Kasseler Häftlings-Zentralkrankenhaus hielt es -- mit Gutachten vom 6. April 1972 -- für ganz "unwahrscheinlich", daß Schumann jemals wöchentlich zweimal einer Verhandlung würde folgen können.
Inzwischen waren allerdings bei Warb und Schmidt aufgrund interner Hinweise Zweifel daran aufgetaucht, ob Schumanns konstanter Bluthochdruck tatsächlich objektiv organisch bedingt war. Am 14. April reisten sie unangemeldet nach Kassel und stießen prompt "auf den ärztlichen Ratschlägen und der Behandlung widersprechende Manipulationen" (Warb).
In einer Eil-Eingabe an den 3. Strafsenat des Oberlandesgerichtes (OLG) Frankfurt meldeten sie am 17. April "den erheblichen Verdacht gezielter Manipulationen durch den Untersuchungsgefangenen Schumann". Nach den Aussagen von Zellengenossen hatte der kundige Mediziner Schumann
* "unbeschadet seines Gesundheitszustandes Kaffee und Tabak in erheblichem Maße zu sich genommen",
* "Medikamente, statt sie einzunehmen, ins Klosett geschüttet",
* "durch körperliche Anstrengungen und psychische Selbstbeeinflussung die Blutdruckwerte zu verfälschen versucht", außerdem widerspräche
* "der unkontrollierte Genuß von Wurstwaren der ärztlicherseits verordneten Leberdiätkost".
Da der Blutdruck unbestritten gerade "bei seelischer Aufregung, nach Kaffee-Genuß" (Volks-Brockhaus) rasch und auch für längere Dauer erhöht werden kann, wunderten sich Warb und Schmidt ungemein darüber, daß in Kassel "ein Verbot von Nikotin und Kaffee bislang nicht ausgesprochen war", daß Schumann sogar "während der Intensivbehandlung im Besitze größerer Mengen von Kaffee und Tabak war" und daß er "von einer gewissen Emmy Müller" mit richterlicher Genehmigung "wiederholt Lebensmittel, darunter Hartwurst" Kaffee und Zigaretten, empfangen hat".
Die Frankfurter Witwe hatte den KZ-Arzt, von dem sich seine Familie schon früher getrennt hatte, als Dauer-Zuhörerin während der Schwurgerichts-Sitzungen kennengelernt "und seitdem regelmäßig besucht" (Warb).
Der OLG-Senat folgte dem Verlangen der Ankläger, bei Schumann die Einnahme der Medikamente überwachen und den Genuß von Kaffee und Tabak verbieten zu lassen. Die Gutachter Heß und Degenhardt räumten allerdings ein, daß solche Überwachung "eine Personalfrage" sei.
Nach zweimonatiger Beobachtung Schumanns -- mit "zu wenig und zu unregelmäßigen" Blutdruckmessungen" meint Warb -- lieferte Dr. Justus Heß am 26. Juni 1972 ein neues Gutachten ab. Zwar waren Schumann in Kassel weiterhin blutdrucksenkende und herzstärkende Medikamente wie Catapresan 300, Presinol, Intensain-Lanicor und Nitrolingual verabreicht worden. Aber die oberen Werte blieben über 200, die unteren lagen nicht höher als 130. Heß erkannte nochmals auf "malignen (bösartigen) Bluthochdruck", Verhandlungsfähigkeit sei "nicht mehr zu erwarten".
Daraufhin setzte der 3. OLG-Senat den Haftbefehl gegen Schumann -- vom Landgericht Limburg aus dem Jahre 1961 -- außer Vollzug. Am 29. Juli 1972 wurde Schumann freigelassen. "in aller Stille", wie sich Simon Wiesenthal, Präsident des "Bundes verfolgter Juden" und Eichmann-Jäger, empörte (SPIEGEL 38/1972). Witwe Müller nahm ihn auf, Schumann handelt und wandelt ungeschoren.
Warlos Antrag auf Berufung eines Obergutachters" der nicht aus Kassel und dem Vollzugs-Krankenhaus nicht verbunden sein sollte, war abgelehnt worden. Der OLG-Senat kam zu der "Überzeugung, daß auch ein weiterer Gutachter, dem hinsichtlich der Diagnose keine zusätzlichen Erkenntnismittel zur Verfügung stünden, nicht zu dem Ergebnis kommen könnte, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten · könne in absehbarer Zeit wiederhergestellt werden".
Der allerletzte schriftliche Einwand Warlos, es lägen "zahlreiche Anhaltspunkte dafür vor, daß er (Schumann) versucht, auf Grund seines Gesundheitszustandes einer Bestrafung zu entgehen", wurde vom OLG-Senat am 16. August ebenfalls verworfen.
Regelmäßig wie Schumanns Polizeibesuch ist seitdem auch eine ärztliche Visite im Hause Draisbornstraße 5b wobei der Arzt sein Kommen frühzeitig ankündigt, um den Patienten anzutreffen. Warb: "Da haben wir nichts mehr zu erwarten, denn wenn Schumann seinem Blutdruck tatsächlich nachhilft, hätte er genug Zeit dazu."

DER SPIEGEL 51/1972
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