11.12.1972

USALegt sie um

Auf dem Flugzeugträger „Kitty Hawk kämpften vor der vietnamesischen Küste schwarze gegen weiße Matrosen. 21 von ihnen haben ein Kriegsgerichtsverfahren zu erwarten.
Weit holte der schwarze Matrose aus, dann sauste das Eisenrohr herab und traf den weißen Kommandanten am Bein.
Das sah Stabsbootsmann Charles Johnson noch ganz deutlich. Dann verlor er den Überblick: Auf dem Hangardeck des amerikanischen 75 000-Tonnen-Flugzeugträgers "Kitty Hawk" wogte ein Handgemenge. "Tötet die Nigger". brüllten weiße Mariner. "Legt sie um. legt sie um". schrien schwarze Matrosen.
Sie prügelten aufeinander ein mit allem, was ihnen in die Hände geriet: Stangen, Stühle, Stahlketten. "Ich habe Angst", kreischte Johnson, "ich habe tödliche Angst."
Johnson war in dieser Nacht des 12. Oktober vor der vietnamesischen Küste nicht mehr sicher, ob Kapitän zur See Marland Townsend, 45, das Kriegsschiff der Marine noch in der 1-land hatte. Er sah die "Kitty Hawk" in seiner Panik bereits als Beute einer wilden Gruppe schwarzer Meuterer. die Jagd auf weiße Seeleute machte. Johnson zum Ersten Offizier: "Sie bringen die Leute in der Krankenstation um."
Er verkannte die Situation: An Bord der "Kitty Hawk" dienten zum Zeitpunkt des Aufruhrs unter 5000 Besatzungsmitgliedern nur 600 Schwarze, für eine schwarze Revolte gab es keine Chance.
Dennoch hatte auch Kommandant Townsend unrecht, als er auf dem Höhepunkt der Krise beruhigend über die Bordsprechanlage verkünden ließ: "Die Probleme sind nicht so schlimm, wie sie scheinen."
Denn in Wahrheit erschütterte die Meuterei auf der "Kitty Hawk" die Navy "bis in ihre Wurzeln" ("Los Angeles Times"). Rassenkrawalle auf anderen Schiffen folgten (siehe SPIEGEL 48/1972). und das Pentagon sah sich erneut zu dem Eingeständnis gezwungen, daß "systematische Diskriminierung" noch immer zum Alltag der amerikanischen Streitkräfte gehört.
Noch immer liegt über den Vorfällen auf der "Kitty Hawk" ein Schleier der Geheimhaltung. Aber seit der Flugzeugträger nach neunmonatigem Vietnam-Einsatz Ende November im Hafen von San Diego festmachte, sickerten Einzelheiten über die Meuterei durch.
Die Handgreiflichkeiten zwischen weißen und schwarzen Seeleuten hatten in den trüben Hafenpinten auf den Philippinen begonnen. Denn die Rassendiskriminierung -- acht Monate an Bord noch widerwillig hingenommen -- erschien den schwarzen Matrosen an Land unerträglich. Aber sie gehörte auch zum Alltag des Flottenstützpunktes: In jeder Bar und jedem Bordell waren die Schwarzen Seeleute zweiter Klasse.
Mit dem Ärger wuchs die Zahl der Gerüchte. Als vierzig weiße Seeleute im San Miguel Club einen schwarzen Sailor zusammenschlugen, wurde den Negern zur Gewißheit. was sie sich bis dahin nur angstvoll zugeflüstert hatten: Die Weißen hatten Filipinos als Schläger angeheuert, um ihnen aufzulauern.
Als die "Kitty Hawk" wieder Kurs auf Vietnam nahm, wurde die Stimmung an Bord gefährlich. "Es war, als wenn man eine Lunte brennen sah", erklärte ein Bootsmann später Untersuchungsoffizieren der Navy, "man wußte nur nicht, wann die Explosion kommen würde."
Sie kam in der Nacht zum 12. Oktober. Der Funke, der sie auslöste, war so winzig, daß sich niemand so recht zu erinnern scheint: Nach einer Version gab ein weißer Koch einem schwarzen Matrosen nicht die gewünschte Sonderration. Nach einer anderen setzte sich ein Weißer auf den reservierten Platz eines Schwarzen. Nach einer dritten mußte ein Schwarzer aufwischen, was ein Weißer verschüttet hatte.
Sicher ist nur, daß die Schwarzen fanden: "Das war zuviel." Nach einem Wortgefecht fielen die ersten Schläge. die Bordpolizei wurde alarmiert, einer der Marine-Infanteristen zog nach schwarzer Darstellung eine Pistole. "Wir überwältigten sie und schmissen sie raus", berichtete ein Neger.
Was in der Messe begann, setzte sich als wildes Getümmel auf dem Hangardeck des Flugzeugträgers fort. "Ich hörte Schreie, Flüche und krachende Stühle", berichtete ein Seemann. Er hörte auch, "daß der Kapitän befahl, die Waffen bereitzuhalten und, wenn nötig, zu schießen".
Weiße Bootsleute wollen gesehen haben, wie schwarze Seeleute begannen, die Verankerungen der 85 Flugzeuge an Deck zu lösen. Schwarze Seeleute erinnern sich nur daran, daß weiße Marine-Infanteristen zum Dreinschlagen hetzten.
Der Rassenkampf untergrub schließlich auch die Kommandogewalt der Schiffsführung. So versuchte der Erste Offizier, der schwarze Fregattenkapitän Benjamin Cloud, über die Bordsprechanlage die Kämpfenden zu trennen: Er forderte die weiße Bordpolizei zum Abzug an den Bug des Schiffes auf und orderte die schwarzen Seeleute in die Messe am Heck.
Doch der Befehl des schwarzen Offiziers wurde unmittelbar darauf durch den weißen Kommandanten aufgehoben. Durch die Gänge und über die Decks des schwimmenden Flugplatzes dröhnte die Stimme des Kapitäns Townsend: "Der XO (Erste Offizier) ist falsch unterrichtet worden."
Die ganze Geschichte, so fügte der Kapitän noch hinzu, sei völlig "fucked up".
Bilanz des Kampfes auf der "Kitty Hawk": 46 Verletzte, 21 anstehende Kriegsgerichtsverfahren.

DER SPIEGEL 51/1972
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