11.12.1972

GASTRONOMIEKaviar für alle

Französische Feinschmecker mokierten sich über ein linkes Lokal in Paris, in dem die Gäste den Preis des Verzehrten selbst bestimmen.
Die Rechnung wird ohne den Wirt gemacht: Wenn der gesättigte Gast fragt, was er zu bezahlen habe, antwortet ihm Claude, der hemdsärmelige Patron: "Was Sie wollen."
Was er will, legt der Gast der Pariser Rôtisserie Sampiero Corso beim Rausgehen in das Schubfach einer wackligen Kommode, aus der er sich auch das Wechselgeld fischt. Kein mißtrauischer Blick belauert ihn dabei, aber es bemerkt auch niemand, wenn er, gerührt von so viel Vertrauen, einen fetten 50-Franc-Schein hinterläßt.
Glaude Lavezzi, 50, serviert in seinem Restaurant schlichte, deftige Menüs zum Wunschtarif seit einem Jahr; und bisher hat ihm im Schubfach nie ein Sou gefehlt.
Mittags stärken sich bei ihm, in der Rue de l'Amiral-Roussin im 15. Arrondissement, die Bauarbeiter aus der Nachbarschaft; abends drängen sich auf seinen 60 harten Holzstühlen vornehmlich Studenten.
Auf einem großen Ofen mitten im kleinen Raum schmoren weiße Bohnen und Kartoffelbrei; Steaks zischeln auf der heißen Herdplatte; und von den Wänden starren auf Plakaten Lenin, Trotzki, Ho und Che und auch El-Fatahs hernieder. Denn Claude bezieht sein Vertrauen und, daß es ernährt, aus dem Sozialismus. Er war Maurer, Elektriker, Fabrikarbeiter, Soldat und KP-Mitglied, ehe ihn die Partei, nach dem Ungarn-Aufstand, ausschloß.
Die Mischung von Bratenduft, Pulloverwärme und Weltverbesserung in seinem Lokal entzückte auch schon den bürgerlichen "Express". "Hier versucht man auf sanfte Art", lobt das Blatt, "eine Republik der Freundschaft und des Vertrauens zu werden." Dabei will Claude keineswegs als Wohltäter gelten: "Ich bin keine Heilsarmee", verwahrt er sich, "ich will nur zeigen, daß Geld keinen absoluten Wert hat."
Die Beziehung zwischen dem Geld, dem Gast und seinem Menü erläutert er auf der hektographierten Speisekarte. Darauf empfiehlt er einen Basis-Preis von acht Franc (Menü plus Wein) für jeden, der weniger als 1100 Franc, etwas mehr als den französischen Mindestlohn, verdient und fügt auch gleich hinzu: "Aber das Prinzip ist, daß jeder seine Mahlzeit im Verhältnis zu seinem Einkommen bezahlt."
Mittags nimmt Claude zwanzig Prozent weniger ein als seine Unkosten, abends dreißig Prozent mehr. Wer gerade gar nichts verdient, darf umsonst essen. Er muß es aber nicht nachweisen. "Denn das wäre demütigend", erläutert der sozialistische Gastronom, "er geht dann einfach durch die Tür." Das tun pro Tag zehn oft alte Esser. "Manchmal ist es gut", meditiert der "Express". "wenn die Utopie die Gestalt vom täglichen Brot annimmt."
Natürlich zeitigt Claudes edles Vorbild schon Spuren in der harten Umwelt. So malten sich die Pariser Freß-Päpste Henri Gault und Christian Millau in ihrer gastronomischen Monatsschrift "Le nouveau guide" schon die fürchterlichen Folgen aus, wenn etwa das teure Drei-Sterne-Restaurant "Maxim's" dem linken Beispiel folgen sollte.
"Anstelle des Portiers" der sonst die Rolls-Royces parkte, rangierte jetzt ein algerischer Gastarbeiter unsere Fahrräder auf dem Trottoir", klagen die Groß-Gourmets ironisch, "Roger, der Direktor, empfing uns in einem kleinen Monteuranzug aus Wildseide mit erhobener Faust."
Für die "Maxim's"-Wände dachten sich die Lukulliker neuen Wandschmuck aus. Plakate mit den Slogans: "Nachtschwärmer aller Weit, vereinigt Euch", "Kaviar für alle", "Befreit die ausgehaltenen Frauen" und "Sozialismus durch Freude und Trüffeln". In Großphotos wollen sie die mutigen Arbeiter abkonterfeit sehen, die Moskau, Peking und Havanna mit ihrem Besuch beehrten wie Fiat-Agnelli, Henry Ford, Stoffweber Marcel Boussac, Filmmogul Carlo Ponti.
"Der Kaviar wird nicht mehr in 50-Gramm-Portionen serviert", so malen sie sich die linke Luxus-Utopie aus. "sondern jeder bedient sich aus Zwei-Kilo-Dosen." Die Bezahlung, so drohen die Herren, werde sich nach der letzten Einkommensteuererklärung richten.
Aber die Parodie der Freß-Päpste auf die bescheidene Rôtisserie Sampiero erboste sofort das satirische Wochenblatt "Le Canard enchain": "Können sich diese Wüteriche der Schlemmerei nicht wenigstens schweigend vollfressen und ihre Nasen auf ihren Tellern lassen", entrüstet es sich. "Ihre Flegelei gegenüber dem Sampiero zeigt, daß sie sich wie Rüpel bei Tisch benehmen."

DER SPIEGEL 51/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GASTRONOMIE:
Kaviar für alle

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling