27.11.1972

SEXUALERZIEHUNGFragen im Walde

Bis zu sechs Monate Beugehaft drohen Bochums evangelischem Studentenpfarrer. Er will die Namen von Studenten nicht preisgeben, denen die Stadt Bochum unzüchtige Handlungen vorwirft.
Am Montag dieser Woche um elf Uhr betritt Hartmut Dreier, 34, evangelischer Studentenpfarrer der Ruhr-Universität, das Zimmer 8 des Bochumer Amtsgerichts mit Zahnbürste und Rasierapparat.
Daß der Pfarrer den Raum womöglich als Häftling verlassen werde, hat ihm Richter Börde angedroht, falls er sich wieder ebenso beharrlich wie unberechtigt auf sein Zeugnisverweigerungsrecht als Seelsorger berufe.
Der Richter versuchte in der vergangenen Woche zusammen mit Staatsanwalt Heimeshoff fünf Stunden lang vergeblich, von Dreier den Namen auch nur eines einzigen Studenten in dem Ermittlungsverfahren gegen die "Projektgruppe Brelohstraße" herauszubekommen. Auch eine Ordnungsstrafe von 840 Mark, zu der Dreier verureilt wurde, fruchtete nichts.
Die Projektgruppe ist ein Arbeitskreis in Dreiers evangelischer Studentengemeinde. Sie bemüht sich seit 1969 um Bochums trostloseste Obdachlosensiedlung in der Brelohstraße. Zwischen Hauptfriedhof und Schuttplätzen hausen dort 600 Menschen, zum Teil zu fünft auf 18 Quadratmetern Wohnfläche. Mit wechselndem Erfolg üben die Studenten dort in Vorschulgruppen "proletarische Kindererziehung".
Zum Bürgerschreck wurde die Gruppe, als sie Ende vergangenen Jahres einen Arbeitsbericht über "zwei Jahre proletarische Vorschulerziehung" in 500 Exemplaren feilbot. Den Erfahrungsbericht hatten Studenten zusammengestellt, die im Oktober 1971 aus der Gruppe ausgeschieden sind. Reiz-Titel der Broschüre: "Hi ha ho. die Bonzen kommen ins Klo."
Bochums Stadtväter und Kirchenmänner empörten sich weniger über seitenlange Rezepte für Klassenkampf und Atheismus als vielmehr über einige Absätze zur "klassenbewußten Sexualerziehung".
Textprobe aus dem Protokoll einer Studentin vom 25. Juni 1971:
"Wir gingen mit den Kindern in den Wald hinter der Uni ... Rosa zeigte sich beim Umziehen sehr schamvoll, sie suchte lange nach einem geeigneten Platz, wo sie keiner beim Umziehen sehen konnte. Angela dagegen sprang in ihrer kaputten Unterhose herum. Sie ist überhaupt sehr aufgeschlossen und aktiv geworden ... Als ein Pärchen aus dem Wald kam, fragte Josef es, ob sie gepoppt hätten und ob das schön sei. Zu beachten ist, daß er und die anderen Kinder es nicht mehr so als säuisch empfinden. Sie äußerten es jedenfalls nicht. Franz fragte mich interessiert, ob ich am Vorabend mit Walter zusammengewesen sei ... Ich sagte, daß ich die Pille nehme, aber später gerne Kinder haben würde. Dabei umriß ich kurz den Geburtsvorgang."
Anlaß zum Skandal aber wurde erst folgende Protokoll-Notiz:
"Als wir die Sexbilder zeigten, waren sie (die Vier- bis Sechsjährigen) rein aus dem Häuschen, Rudi aber echt geschockt. Gezeigt wurden nackte Frauen und Männer, zum Teil mit erigiertem Penis, Fickstellungen, zwei kleine Kinder, die sich betasteten. Diese Bilder wollten einige Kinder wiederholt sehen. Als Walter S. und ich dann die einzelnen Schritte unseres Kennenlernens den Kindern auf Wunsch vorspielten, hatten sie viel Spaß daran (Schritte = Tanzen, Händchenhalten, Küssen, Ficken)."
Studenten wie Kinder beteuerten vergebens, daß der Geschlechtsakt "nur vage angedeutet" und niemals in natura stattgefunden habe. Bochums Eltern, Lehrer, Stadtväter und Pfarrer empörten sich gleichermaßen. Fromme Protestanten forderten die Auflösung der evangelischen Studentengemeinde, weil Pfarrer Dreier diesen Arbeitskreis geduldet habe. Die Stadt erteilte den Studenten der Projektgruppe für die Brelohstraße "Haus- und Unterkunftsverbot". Bochums Ordnungsamts-Chef Berres: "Die haben ja wirklich deutlich geschrieben, was sie mit den Kindern gemacht haben."
Der drohenden Auflösung seiner Studentengemeinde kam Dreier dadurch zuvor, daß er sich bei dem westfälischen Kirchen-Chef Hans Thimme von den "mißverständlichen" Sex-Passagen ebenso wie von den Abschnitten distanzierte, in denen der Atheismus gepredigt wurde.
Die Studenten der Projektgruppe selbst verwiesen darauf, daß nicht sie, sondern ihre Vorgänger die inkriminierte Broschüre verfaßt hätten, verteidigten den Text aber gleichzeitig gegen bürgerliche "Geilheit, die sich treffsicher an allen Sex-Punkten des Arbeitsberichtes festmacht".
Bochums SPD-Oberstadtdirektor Gerhard Petschelt erstattete trotzdem Anzeige wegen des Verdachts unzüchtiger Handlungen.
Pfarrer Dreier denkt nicht daran, Namen preiszugeben. Während der Bochumer Richter Börde das Zeugnisverweigerungsrecht des Seelsorgers offenbar eng auslegt, interpretiert es Dreier weiter: Er meint, über nichts Auskunft geben zu müssen, was er als Studentenseelsorger erfährt. Dreiers Anwalt Günther Leipold ("Das ganze ist ein Unding!") legte denn auch Beschwerde ein.
Für alle Fälle spendete der Rechtsanwalt dem Seelsorger bereits einen Trost: "Wenn sie ihn verhaften, hat er Anspruch auf ein Hotelessen."

DER SPIEGEL 49/1972
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