04.12.1972

JAPANMission erfüllt

In fernöstlichen Dschungeln kämpfen immer noch versprengte Weltkrieg-II-Japaner für den Sieg. Sie hindern Japan, seine Vergangenheit zu bewältigen.
Truppführer Akihisa Kashiwai Weinte. 34 Tage lang, bis vor gut einer Woche, hatte er den Dschungel mit einem Rettungskommando aus Japanern und Filipinos durchkämmt -- vergebens.
Dabei hatten sie keine Mühe gescheut, um den Leutnant Hiro Onoda. 50, aus dem Busch der Philippinen-Insel Lubang zu locken. In zweihundertfacher Ausgabe hatten sie Kopien von General Yamashitas Befehl zur Niederlegung der Waffen über seinem vermutlichen Schlupfwinkel abgeworfen, zusammen mit Versen, in denen die betagten Eltern den seit Kriegsende verlorenen Sohn zur Heimkehr zu bewegen suchten.
Papier und Bleistifte hatten sie zur Kontaktaufnahme über den Wald verteilt und auch mit Lautsprechern hineingerufen: "Onoda, Onoda, deine Mission ist erfüllt." Bruder und Schwester kamen, locken zu helfen. Doch Hiro Onoda ließ sich nur einmal von ferne sehen. Daß der Krieg schon 27 Jahre lang zu Ende und zudem verloren sein soll, das konnte er wohl nicht glauben.
Auf dem Eiland Lubang ist der Offizier, nachdem eine philippinische Patrouille am 19. Oktober seinen einzig noch verbliebenen Kampfgefährten Kinshichi Kozuka, 51, erschossen hatte, nunmehr der letzte versprengte Soldat aus Japans "Heiligem Krieg". Aber in den Dschungeln zwischen Burma und den Karolinen, Neuguinea und Mindanao halten, nach unterschiedlichen Schätzungen, immer noch zwischen 3500 und 10 000 Ex-Soldaten die Stellung für Japans Volk und Kaiser.
Für Onoda, meinte ein Suchsoldat, wäre es wohl besser, wenn man ihn auf der Insel lasse, "wo für ihn das Jahr 1945 herrscht". Ins Japan von heute zurückzukehren, müsse "ein ernster Schock" für ihn sein.
Auch das Japan von heute könnte erneut geschockt werden, käme Onoda aus seinem Dschungel heraus. Denn die Japaner hatten sich daran gewöhnt, mit jenen gespenstischen vergessenen Armee-Resten in den Dschungeln Südostasiens, die entweder immer noch weiterkriegen oder sich in der Kunst des Überlebens üben, nicht mehr zu rechnen. Ihre Kriegsvergangenheit schien, wenn auch nicht bewältigt, so doch mit Erfolg verdrängt -- bis in diesem Januar der einstige Armeeschneider und Sergeant Shoichi Yokoi aus einem Erdloch im Urwald von Guam auftauchte (SPIEGEL 16/1972).
Halb mit Stolz, halb mit Entsetzen verfolgten damals Japaner an 19 Millionen Bildschirmen, wie der Überlebensschneider vor Zehntausenden von Schaulustigen nach seiner Ankunft den Kaiser um Vergebung dafür bat, daß er nicht fürs Vaterland gefallen sei.
Entsetzt über die Menschenmassen, den verrußten Himmel über Tokio, die vierzigstockigen Gebäude, die langen Haare der Jungen und die kurzen Röcke der Mädchen fragte der Dschungelsoldat: "Ihr seid keine echten Japaner, wo sind die echten Japaner?"
Echt japanisch war für Yokoi sein Glaube an den "Yamato Damashii", den Geist Nippons, eine quasi-faschistische Blut-und-Boden-Ideologie seiner Zeitgenossen vor 1945. "Der Geist Japans", enthüllte Yokoi deutschen Fernsehreportern, "kann es nicht dulden, die Erniedrigung (durch die Kapitulation) hinzunehmen." "Aber", so tröstete sich Yokoi, der inzwischen eine ältliche Tee- und Blumen-Dame ehelichte, "ist Japan nicht dabei, seine Niederlage mit Hilfe seiner Industriemacht heimzuzahlen?"
In solchem Spiegel, den der gestrige Yokoi seiner Nation vorhielt, wollten sich längst nicht alle heutigen Japaner wiedererkennen. Yokoi kratzte an kunstvoll verdeckten Wunden.
Denn für die öffentliche Aufklärung über Geist und Geschichte großjapanischer Zeit galt bis dahin die weitverbreitete Faustregel: Die Entwicklung zum Krieg und der Krieg selbst sind ein Ergebnis der finsteren Machenschaften der "Militärclique". So steht es in Geschichtsbüchern und Zeitungen, so wird es auch in Filmen, etwa dem Breitwandschinken "Senso to ningen" ("Krieg und Menschen"), dargestellt. Solches Verdrängen half nicht mehr, als Yokoi Japanern ins Bewußtsein trat, als Zeitungen berichteten, daß Leutnant Onoda immer noch Krieg im Pazifik führt, daß er in Friedenszeiten bis heute mindestens 30 "Feinde" getötet und an die hundert verletzt haben soll, daß wie er Tausende kapitulationsunwillige Veteranen auf den kaiserlichen Befehl zur Rückkehr warten.
"Yokois Auftauchen aus dem Busch", schrieb der Ex-Soldat und Schriftsteller Shoji Yuki, "ist kein simples Wunder, dazu ist dieser Vorfall zu problematisch und komplex. Die Nachkriegszeit ist noch nicht zu Ende."
Für Japans amtierende Politiker indes ist sie zu Ende, spätestens, seit sich Neu-Premier Kakuel Tanaka im September mit Maos China diplomatisch arrangierte und den Kriegszustand -- wenn auch noch nicht formal -- beendete. Kritiker der Regierenden aber sind weniger friedfertig: Sie erwarten mehr Schuldbewußtsein und Sühne, solange der Geist Yokois noch Anklang findet. So klagte die Zeitung "Yomiuri Shimbun": "Das Bild des vor dem Mahnmal jüdischer Opfer in Warschau knienden Kanzlers Willy Brandt ging um die ganze Welt. In unserem Land gibt es Leute, die behaupten, sentimentale Sühneanwandlungen seien nur dazu geeignet, Japans Außenpolitik in die Irre zu führen."
Kein Regierungsbeamter sei je an solche Orte gefahren, die japanische Militärs während des Krieges verwüstet haben, um seine Entschuldigung zum Ausdruck zu bringen, bedauerte Yuki. Und in der Tat hat selbst Tanaka in China vermieden, Abbitte à la Brandt zu leisten, wie es viele Japaner gern gesehen hätten. Aber er sagte nur "hansei suru", .er prüfe sich selbst, statt sich zu entschuldigen. Statt sich aber in Sachen Kriegsgreuel zu prüfen, tat er es wegen "go-meiwaku o kakeru" -- Unannehmlichkeiten.
Kritiker glauben, daß japanische Vergeßlichkeit eher zu- als abnehme, auch wenn der Friede mit China formal geschlossen sei. Kommentare wie etwa der des Geschichtsprofessors Shinkichi Eto zeigen das an: Dann "wird das schlechte Gewissen des japanischen Volkes endgültig begraben sein".
Es kann nur sanft ruhen, wenn nicht die vielen Yokois und Onodas wiederkommen oder eingefangen werden. 2949 sollen es in China sein, 364 in Sachalin, 112 in Nordkorea, 1500 in Nordvietnam, 1000 in Neuguinea, 114 auf den Philippinen, 100 auf Sumatra, 30 auf Saipan, zwei auf Borneo, zwei auf Tinian -- und viele andere mehr.

DER SPIEGEL 50/1972
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