06.11.1972

KIRCHESchüsse gegen Canones

Deutschlands jüngster katholischer Theologieprofessor wirft seiner Kirche doppelte Moral vor und wirbt für die SPD. Ein Buch gegen überholte Ehegesetze veröffentlicht er ohne Genehmigung.
Fünf von sechs Gutachtern, die der Bischof von Münster befragte, rieten ihm, dem Buch das Imprimatur -- die kirchliche Druckerlaubnis -- zu verweigern.
Heinrich Tenhumherg -- obschon der progressivste unter den deutschen Oberhirten -- handelte so, wie ihm geraten wurde. Trotzdem erscheint das Buch demnächst im größten deutschen katholischen Verlag.
Autor ist der jüngste katholische Theologieprofessor der Bundesrepublik; Dr. Horst Herrmann, 32, Ordinarius für Kirchenrecht an der Universität Münster.
Der Freiburger Herder-Verlag zeigte diesmal Mut. Denn erst vor einigen Monaten hatte er Ärger, als er ein freimütiges Taschenbuch des Münchner Professors Fritz Leist unter dem Titel "Der sexuelle Notstand und die Kirchen" erst veröffentlichte und dann wieder zurückzog (SPIEGEL 20 und 24/1972). Und sicher ist, daß Herrmanns Buch die katholischen Kirchen-Spitzen mehr noch beschäftigen wird als Leists Notstands-Schrift.
Zwar hat der Verlag sich abgesichert: Es erscheint in einer Reihe, in der neue Thesen zur Diskussion gestellt werden, und Karl Rahner, berühmtester katholischer Theologe der Gegenwart. schrieb das Vorwort*. Gleichwohl bleibt der Inhalt brisant. Kirchenrechtler Herrmann hält es für "unwürdig". wie die Kirche in ihrem Recht die christliche Ehe einstuft.
Herrmann bezweifelt unter anderem, was die Kirche noch immer als unumstößliche Wahrheit verkündet: daß die Ehe unauflöslich und die Wiederheirat Geschiedener unmöglich sei. Deshalb hält der Professor nicht nur eine Revision, sondern einen völligen "Neuansatz des Eherechtes" für notwendig.
Nicht zum erstenmal begehrt der Kirchenrechtler auf. Der in Österreich geborene, in Schwaben aufgewachsene und in Stuttgart zum Priester geweihte Gelehrte zweifelte bereits vor zwei Jahren, als er in Bonn seine Antrittsvorlesung als Privatdozent hielt, die starre Zölibats-Praxis der Kirche an.
Nur mit Hilfe seines konservativen, jedoch seinem Schüler gegenüber wohlwollenden Doktorvaters Heinrich Flatten (Ordinarius für Kirchenrecht an der Bonner Universität) gelangte Herrmann auf den Kirchenrechts-Lehrstuhl in Münster. Der Jung-Kanonist ist unter den überwiegend konservativen Kirchenrechtlern mit Abstand der progressivste.
Im Januar 1972 schreckte Herrmann die Kirchenbehörden mit dem Vorschlag, statt der Kirchensteuer eine "Mandatssteuer" einzuführen und es dem einzelnen zu überlassen, ob er sie der Kirche, dem Staat oder einem Sonderfonds für gezielte Aufgaben zukommen lassen wolle.
Im Juni dieses Jahres, als er in Münster seine Antrittsvorlesung als Professor hielt, machte er in katholischen und weltlichen Blättern Schlagzeilen. Stein des Anstoßes war diesmal Herrmanns "realistische Bestandsaufnahme" der Kirche nach dem Konzil: Noch immer
* Horst Herrmann: "Ehe und Recht". Verlag Herder, Freiburg; 60 Seiten: 16,80 Mark
* verstoße die Kirche kritische Geister, fordere Glauben statt Denken und lebe von Durchhalteparolen,
* fehle in der Kirche jede Kontrolle der Macht und die Basis für eine freie Diskussion, werde die schweigende Mehrheit nicht zum Reden gebracht,
* betrachte die Kirche ihre Rechtsordnung als ewig gültiges Bollwerk, obwohl Kirchengesetze nur Notlösungen bieten können. In Münster entwickelten sich die Vorlesungen Herrmanns zu einer Attraktion. Aus knapp einem Dutzend Hörer, die er von seinem Vorgänger übernahm, wurden mittlerweile 180.
Vor allem Herrmanns Schüsse gegen die umstrittensten Teile des Kirchenrechts, den Zölibat und andere Moral-Canones, fanden bei den Studenten Widerhall. In Vorlesungen und Übungen moniert er unverblümt, daß der Zölibat "unter allen Umständen, nicht zuletzt mit den Mitteln eines geistlichen Zwangsrechts, aufrechterhalten" werde. Herrmann: "Manche Kleriker raten Priestern, die heiraten wollen, sich ihre Freundin heimlich zu halten und zu schweigen."
Freimütig entlarvt er vor seinen Zuhörern die doppelte Moral des Kirchenrechts: "Ein Priester, der ein Beichtkind zur Sünde gegen das sechste Gebot verführt, kann laut Kirchengesetz des Amtes enthoben werden. Einem Priester jedoch. der ein Beichtkind zur Unterschlagung anstiftet. drohen keine Kirchenstrafen."
Ebenso massiv greift der katholische Freigeist in seinen Vorlesungen und in seinem in dieser Woche erscheinenden Buch die kirchlichen Ehegesetze an. Eine der Thesen: "Weder aus den Quellen der Schrift und Tradition noch aus der Natur der Sache heraus" könne die Unauflöslichkeit der Ehe schlüssig begründet werden. Das moralische "Zielgebot" Jesu von der unauflöslichen Ehe lasse sich durchaus vereinbaren mit einer "Lockerung der bisherigen einseitig juristisch ausgerichteten Praxis und Lehre" der Kirche.
Auch politisch hebt sich Herrmann von weitaus den meisten anderen Theologieprofessoren ab. Im Frühjahr half er die katholische SPD-Wählerinitiative gründen. Und in seinem nächsten Buch will der Priester-Professor "konkrete sozialistische Kirchenrechtsmodelle" entwerfen. Begründung: "Auf der welthistorischen Tagesordnung steht als nächstfolgende Gesellschaftsform der Sozialismus."
Als Studenten dem geweihten Sozialisten jüngst in einem Brief den Besitz eines "Kapitalisten-Autos" vorwarfen, reagierte er prompt, wenn auch nicht gerade radikal: Er tauschte seinen beigefarbenen BMW 2000 gegen einen neuen BMW 1602 ein.
Farbe des Wagens diesmal: feuerrot.

DER SPIEGEL 46/1972
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