18.12.1972

POPMUSIKEin Weihnachtsmärchen

Von einer bombastischen Neufassung der Rock-Oper „Tommy“ erwartet die Schallplattenbranche ein Millionengeschäft.
Vor knapp zwei Jahren, Anfang 1970, strömten die Popmusik-Fans europäischer Großstädte in Fellmänteln, Rollkragenpullovern und Jeans in die Opernhäuser. Gegeben wurde, vom Beat-Quartett "The Who", die sogenannte Rock-Oper "Tommy" des "Who" -Gitarristen Pete Townshend.
Am vorletzten Samstag standen -- im Londoner Musik-Theater "Rainbow"
Townshends "Overture" und "Underture", seine Rock-Arien und Blues-Rezitative abermals auf dem Programm. Diesmal jedoch kam auch ein ganz anderes Publikum: Damen und Herren in Abendgarderobe, die sonst eher Symphoniekonzerte besuchen, hatten auf dem Schwarzmarkt pro Person bis zu 270 Mark für das "wichtigste Konzertwerk der Rockmusik" ("New York Times") ausgegeben.
Denn der TitelheLd Tommy, dieser blinde, taubstumme Junge, der laut Libretto unaufhörlich am Spielautomaten fingert und als "Flipperkönig" eine religiöse Spielergemeinschaft gründet, ist inzwischen dem Beat-Alter entwachsen. Clevere Manager und eine Schar hilfswilliger Arrangeure haben sein Schicksal in ihre Hände genommen. Statt der bis an die Schmerzgrenze verstärkten Elektrogitarren tönt nun das London Symphony Orchestra zu seiner Ehre; statt des "Who"-Quartetts singen der Londoner Kammerchor sowie zwölf Popmusik-Solisten sein Lob: "Ein wahrhaft monumentales Ereig-
* Mit "Tommy-Darsteller Roger Daltrey (l.).
nis", hatte der "New Musical Express" schon vor der Premiere prophezeit.
Das Ereignis. mit einer beispiellosen Werbekampagne in Szene gesetzt, haben die amerikanischen Musikproduzenten Lou Reizner und Lou Adler vornehmlich dem Schallplattenmarkt zugedacht. Und zumindest die Kosten des Unternehmens sind monumental: Das parallel zum "Rainbow"-Spektakel gestartete Doppelalbum "Tommy" ist im Gegensatz zur billigen Ursprungsfassung von den "Who" -- mit einer Produktionssumme von 450 000 Dollar die teuerste Musikkonserve der Welt.
Allein die DeLuxe-Kassette sowie ein von Top-Graphikern entworfenes 32-Seiten-Textheft schlugen mit 160 000 Dollar zu Buch. 135 000 Dollar gab Adler für Studiogebühren, 155 000 für die Gagen der prominenten Interpreten aus; denn niemals zuvor waren in einem Aufnahmestudio so viele Rock-Stars von unterschiedlichen Plattenfirmen vereint. Die Künstler (unter ihnen Pete Townshend, Roger Daltrey, Steve Winwood, Rod Stewart. Ringo Starr und Maggie Bell) konnten ihre Talente freilich kaum entfalten. Was sie von sich gaben, wurde von einem zweitklassigen Orchester-Aufguß à la "Petruschka" und "West Side Story" zugedeckt.
Reizner, der als Produzent einer "Singenden Nonne" bekannt geworden ist, wollte mit "Tommy" die "Rockmusik popularisieren". So hatte er es seinen Arrangeuren eingebleut. Das Resultat: Von der Spannung und Klarheit des ursprünglichen "Who"- "Tommy", den die "Times" als ein "Wunder an Konzentration" rühmte, ist in dieser E- und U-Musik-Melange nichts übriggeblieben. Reizner hat gezeigt, so der Hamburger Disc-Jockey Henning Venske, "wie man aus einer Rock-Oper ein Weihnachtsmärchen macht".
Fürs Weihnachtsgeschäft kommt das Märchen gerade recht. Schon wird das Doppelalbum. das für 35 Mark jetzt auch in Deutschland zu bekommen ist, von englischen Boutiquen als Background- Musik zur Verkaufsförderung eingesetzt. Schon gilt es dem amerikanischen Branchenblatt "Cash Box" als die "an allen Fronten größte Platte in der Geschichte unserer Industrie".
Das ist nicht einmal geprahlt: In einer Woche hat die Produktionsfirma in England. Frankreich und Deutschland fast 100 000 Exemplare abgesetzt. In den USA sind allein die Vorausbestellungen mehrere Millionen Dollar wert. Nur die Rock-Kritiker und E-Musik-Experten sind wieder einmal unzufrieden -- "Observer": "Zu mies, Tommy." Und die Londoner Royal Albert Hall, wo Reizner und Adler ihre Premiere am liebsten abgehalten hätten, blieb ihnen verschlossen. Sie können es verschmerzen. Reizner trägt aber neuerdings ein Hemd mit der Aufschrift: "Boykottiert die Albert Hall."

DER SPIEGEL 52/1972
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POPMUSIK:
Ein Weihnachtsmärchen