30.10.1972

KOMMUNALWAHLENVerdammte Euphorie

Die Einbußen der Freien Demokraten bei den Kommunalwahlen in Hessen und Niedersachsen sollen die Partei eher stark machen: „Auf die, die wir jetzt haben, können wir uns hundertprozentig verlassen.“
Hessens populärster Freidemokrat, Wolfgang Mischnick, 51, war nicht im Bilde. Die Landesregenten von SPD und CDU, Albert Osswald und Alfred Dregger, besprachen das Wahlergebnis im Fernsehen ohne ihn. Der FDP-Landesvorsitzende verärgert: "Seit wann haben wir denn in der Bundesrepublik das Zwei-Parteien-System?"
Drei Stunden nach Schließung der Wahllokale schien die FDP, zumindest bei TV-Moderator Gerhard Schult vom Hessischen Rundfunk, schon vergessen. Denn gewonnen hatten bei den Kommunalwahlen vorletzten Sonntag nur SPD (von 49,9 auf 51,4 Prozent) und CDU (von 29,5 auf 38,1 Prozent). Die FDP war mit 6,4 Prozent der Wählerstimmen (1968: 10,4 Prozent) nahe aufs Existenzminimum herabgesunken.
In Niedersachsen steckte sie schon mittendrin: Mit vier Punkten Schwund wie in Hessen erreichte sie gerade 5,2 Prozent der Stimmen. Dagegen gelang den Sozialdemokraten ein Rekordsprung von 41,4 auf 48,6 Prozent, und auch die CDU konnte 4,2 Punkte zulegen und 43,4 Prozent erreichen.
Die Freien Demokraten verschwanden aus neun hessischen und vier niedersächsischen Kreistagen; auch im Stadtparlament von Fulda (FDP-Anteil 4,1 Prozent) sitzt fortan kein Liberaler mehr. In der Universitätsstadt Marburg, wo erstmals seit 1952 wieder zwei Kommunisten ins Rathaus einziehen, sank der Stimmenanteil der FDP von 15,8 auf 6,7 Prozent, im niedersächsischen Kreis Grafschaft Hoya, wo Überläufer Wilhelm Helms seinen Hof hat. sogar von 25,3 auf 7,7 Prozent.
In Frankfurt gab es mit nur 7,2 FDP-Prozenten das größte Malheur, das die Liberalen hier je hatten. "Wenn ich das sehe", fauchte Frankfurts allzeit fröhlicher Freidemokrat Heinz Herbert Karry, Wirtschaftsminister im Wiesbadener SPD/FDP-Kabinett, "da könnt' ich Gift und Galle spucken." In der niedersächsischen Wahlzentrale in Hannover saß der FDP-Bundestagsabgeordnete Detlef Kleinert beim Korn und haderte: "Womit haben wir das verdient?"
Allerdings: Allzu forsche Wahlprognosen der Liberalen (Karry: "Wir holen mehr als zehn Prozent") waren an verkehrten Daten orientiert -- an denen der Kommunalwahl 1968, bei der die Partei als Folge der wirtschaftlichen Rezession und des Bürgerunmuts über die Bonner Große Koalition ein extrem gutes Ergebnis in Niedersachsen wie in Hessen erzielt hatte. Damals war die FDP mit ihren Hochburgen in Nordhessen (31,4 Prozent in Frankenberg, 20,5 Prozent in Waldeck) und in Nordniedersachsen (28,3 Prozent in der Grafschaft Diepholz, 26,6 Prozent im Ammerland) tatsächlich noch gewichtige dritte Kraft in beiden Ländern.
Es war die Zeit, als der konservative Edelmann und hessische Großbauer Knut von Kühlmann-Stumm als stellvertretender Oppositionschef für die Freien Demokraten im Bonner Parlament saß und Jungdemokraten den Niedersachsen-Bauern Helms noch als "empfehlenswert" für den Vorsitz des FDP-Landesverbandes einstuften. "Vor vier Jahren", so sinniert Hessens FDP-Pressereferent Volker Hummel, "war das doch noch eine ganz andere FDP."
Eine andere, nicht unbedingt eine bessere. Beim sozialliberalen Schwenk der Bundespartei, der mit der Wahl Gustav Heinemanns zum Staatsoberhaupt deutlich wurde, kündigten die nationalliberalen Anhänger die Gefolgschaft auf und ließen sich von der CDU aufsammeln. Die Reaktion war 1969 am Ergebnis der Bundestagswahl abzulesen: In Hessen kam die FDP nur noch auf 6,7, in Niedersachsen auf 5,6 Prozent.
Ein Jahr darauf, 1970 bei den Landtagswahlen, wurde es in Niedersachsen sogar noch schlimmer: Mit 4,4 Prozent der Stimmen flogen die Freien Demokraten aus dem Landesparlament im hannoverschen Leineschloß. In Hessen dagegen schlug das Pendel mit 10,1 Prozent noch einmal nach der anderen Seite aus -- weil linke Sympathisanten mit ihrem FDP-Votum den sozialliberalen Regierungskurs stützen wollten. Seit vorletzten Sonntag glauben die hessischen Freidemokraten jedoch nun endgültig zu wissen, "woran wir sind", so Hummel. Denn: "Auf die 6,4 Prozent, die wir jetzt haben, können wir uns hundertprozentig verlassen."
So wich auch bei Karry anfängliche Enttäuschung über das Kommunalwahl-Tief noch in der Wahlnacht nüchterner Analyse. "Für uns", argumentierte der Minister, "ist das natürlich beschissen, aber für die Bonner Regierung ist es gut." Und Niedersachsens FDP-Chef Rötger Gross pflichtete bei: "Nach diesem Ergebnis sehen wir den Bundestagswahlen gelassen entgegen."
Tatsächlich sind die Freien Demokraten auf das Stimmenniveau der letzten Bundestagswahl, die zur sozialliberalen Koalition in Bonn führte, sowohl in Niedersachsen wie in Hessen weitgehend "zurückgeklettert", wie FDP-Chef Walter Scheel es nannte, in manchen Gegenden haben sie, damit verglichen, sogar schon wieder zugenommen, so in den hessischen Städten Darmstadt. Hanau und Kassel, in der niedersächsischen Stadt Oldenburg sowie in vier niedersächsischen Kreisen. Im Landkreis Kassel, wo FDP-Renegat Erich Mende inzwischen für die CDU kämpft (FDP-Wahlhelfer Joachim Kurth: "Wenn Frau Margot mal im Pelz kommt, ist bei den Bauern hier Highlife"), hat die FDP das Ergebnis der letzten Kommunalwahl halten können.
In beiden Ländern trifft für die Partei zu, was FDP-Hummel in Frankfurt registrierte: "Die verdammte Euphorie ist endlich raus. Für uns war das die Wachmacher-Wahl."

DER SPIEGEL 45/1972
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