30.10.1972

„Niemand kann mich je vergessen“

Mae West, als lasziver Hollywood-Star in den dreißiger Jahren die „Statue of Libido“ der Amerikaner, behauptet noch immer von sich: „Mein Ego bricht alle Rekorde.“ Ein großer West-Rückblick der Filmbiennale von Venedig hat immerhin bewiesen: Mit ihrer rauchigen Blues-Stimme hat die füllige Diva mehr für die Frauen-Emanzipation und die Überwindung viktorianischer Sex-Tabus geleistet als alle ihre Konkurrenten im amerikanischen Show-Geschäft.
Der kühle Vampir-Blick unter den überlangen Kunstwimpern ist ungetrübt seit 79 Jahren, die Star-Garderobe seit vier Dezennien unverändert: In körpernahen Maxi-Roben aus straßbesetztem Satin macht die füllige Hollywood-Diva Mae West auch im Ruhestand gute Figur.
Sie ist so wohlgeformt wie ein Stundenglas, reich, abstinent (was Alkohol- und Tabakkonsum betrifft) und noch beinahe so sexy wie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, als die Amerikaner das nur 157 Meter große Kino-Idol als "Statue of Libido" verehrten.
Zwar ist ihr vor zwei Jahren das Comeback mißglückt (im Film "Myra Breckinridge"). doch Mac Wests Beitrag zur Kinogeschichte zehn lockere Lichtspiele zwischen 1932 und 1943 -- sichert der "größten Leinwandpersönlichkeit seit Valentino" (West über West) Pionierruhm und ungeschmälerten Kritiker-Respekt; eine erstmals komplette West-Retrospektive der Filmbiennale von Venedig hat es erst kürzlich wieder bestätigt.
Über das US-Fernsehen, wo die Reprisen oft in der "Late Show" laufen, erreicht Mac West auch noch immer die jungen Leute: Sie schicken dem Alt-Star allwöchentlich rund 200 Autogrammwünsche ins Haus.
Sie schreiben an die Adresse "570, Rossmore Avenue", an jenes Hollywood-Apartment, das die Darstellerin 1932 gemietet und mit maßgefertigten Akt-Bildnissen zum Privat-Museum ihrer Körper-Kultur veredelt hat.
Dort, unter dem Riesenspiegel überm Doppelbett, darf, inmitten weiß und gold getönter Möbel im Louis-Quatorze-Stil, von Zeit zu Zeit auch ein Reporter vorsprechen, um die seit zwei Menschenaltern gleich gebliebenen Statements der alten Dame zu notieren.
"Mein Ego bricht alle Rekorde", so informierte sie bei solcher Gelegenheit 1964 etwa den Abgesandten der "Saturday Evening Post" und 1969 (textgleich) die "New York Times", 1971 den "Playboy" und den Hamburger "Stern". "Ich war die erste", so verriet sie bescheiden. "die das Wort Sex an die Öffentlichkeit gebracht hat." Außerdem: "Ich war schon immer meiner Zeit voraus."
Das klingt wie geprahlt -- aber es ist nicht gelogen.
Die Tochter eines englisch-irischen Mietstallbesitzers und eines aus Bayern nach USA emigrierten Photomodells hat tatsächlich mehr für die Beseitigung viktorianischer Sexual-Tabus getan als alle ihre Konkurrenten aus der amerikanischen Vergnügungsindustrie. Nach einer Kinderstar-Karriere in New Yorker Vorstadt-Revuen, in denen sie schon sieben jährig als "Baby Vamp" auftrat, brillierte der frühreife Teenager in der Provinz. Mit 17 heiratete Mae West den Jazz-Sänger Frank Wallace, verließ ihn jedoch nach der ersten gemeinsamen Tournee -- er sprach ihre "feineren Instinkte" nicht an (Mae West). Erst 1943 wurde die (einzige) West-Ehe geschieden.
Im Kriegsjahr 1918 kreierte der Jung-Star, nun schon als "La West" bekannt, in Chicago als erste Weiße den lasziven Shimmy-Tanz. 1926 schrieb sie ihr erstes Theaterstück.
Mae West übernahm die Hauptrolle (eine New Yorker Hafennutte) und wählte als Titel ein Wort, "das bis dato nur in medizinischen Fachbüchern gestanden hatte" (Mae West): Sie nannte ihr Musical "Sex".
Das nach zeitgenössischer Kritiker-Meinung eher "krude" Werk blieb gleichwohl elf Monate auf dem Spielplan des New Yorker "Daly"s"-Theaters, brachte die Autorin acht Tage ins Gefängnis (wegen "unanständiger Schaustellung") -- und ermutigte sie zu noch gewagteren Bühnen-Späßen.
Ihr Zweitwerk "The Drag" -- Höhepunkt: ein Tanz von 40 Transvestiten -- hatte die Verklärung der Homosexualität zum Ziel. Obschon nie in New York zu sehen, aktivierte das Stück die Frauenvereine und beschleunigte die Einführung der Zensur in Amerika.
"Die Zensoren waren schon sauer. so Mae Wests Erfahrung, "wenn ich auf dem Schoß eines Mannes saß. Dabei war ich bei mehr Männern auf dem Schoß als eine Serviette"
Dennoch: Erst durch ihre von der Zensur hart geprüften Hollywood-Lichtspiele wurde die New Yorker Glamour-Größe ab 1932 (sie war damals 39) zur "nationalen Institution" und zur "einzigen Person neben Chaplin, die sich ihre Filme selbst schreiben konnte" (Mae West).
Chaplin beiseite -- Mae West, die ihre Texte stets selbst abfaßte, hat es durchaus verstanden, einen Filmtyp zu entwickeln, der ihr zu optimaler Selbstdarstellung verhalf und dem Kino neue Wege wies: Mae Wests Filme eröffneten dem Publikum den Ausblick auf eine emanzipierte Gesellschaft, in der die Frau nicht mehr vom Mann unterdrückt wird und die Ehe nicht als Endstation aller Wünsche gilt.
Ob sie sich "Night After Night" (1932) mit einem noblen Gangster um Gratis-Drinks und Diamanten raufte, ob sie an der Seite des von ihr entdeckten Cary Grant eine junge Frau vor der Prostitution bewahrte ("She Done Him Wrong", 1933) oder ihr Haupt in einen Löwenrachen schob ("I'm No Angel", 1933) -- sie hat, im Film wie im Leben, immer nur die eine Rolle gespielt: Mae West.
Sie war die hochgeschlossene Tingeltangel-Königin mit dem heiseren Blues-Organ, die sich von keiner Konvention beeindrucken ließ. Als nahbarer Vamp forderte sie die Männer im Dutzend heraus, sammelte Liebes-Gaben, meist Diamanten, ein und vergällte den Verehrern ihr Gebalze mit Spott.
Sprach einer: "Ich möchte dein Sklave sein", gab sie zurück: "Das läßt sich doch machen." Sagte ein anderer: "ich kann dich nie vergessen", knurrte sie nur: "Wer kann das schon?"
Sie wählte ihre Partner selbst und diskreditierte die Ehe als wirklich "letzten Ausweg". Sie deckte vor der Kamera Mörder und griff aus Wut auch selbst zu Messer und Pistole. Soviel Anarchie einer schönen Frau machte sie beim Arbeiterpublikum beliebt.
Bei den Intellektuellen im Parkett biederte sich die Sex-Diva mit subtilen Dialog-Zweideutigkeiten an, gegen die auch der Zensor nichts vermochte:
Kam etwa ein Gentleman mit gebauschtem Beinkleid in ihr Film-Boudoir, fragte sie lauernd: "Haben Sie eine Pistole in der Hosentasche oder sind Sie nur zu erfreut, mich zu sehen?" Standen zehn Mann vor ihrem Schlafzimmer Schlange, bat sie ihre Dienerin: "Schick doch einen weg, ich bin heute zu müde."
Diese unverhoffte Libertinage dankte ganz Amerika dem frechen Busenstar (Oberweite einst und jetzt: 102 Zentimeter) an den Kinokassen. Die Rendite der ersten West-Filme bewahrte die Hollywood-Firma Paramount vor dem damals fast sicheren Ruin und bescherte der Hauptdarstellerin 1935 das zweithöchste Privateinkommen in den USA -- 480 833 Dollar.
Der Bezieher des höchsten Salärs, Zeitungs-Zar William R. Hearst, fragte neidisch in seinen Blättern: "Ist es nicht an der Zeit, daß der Kongreß etwas gegen Mae West unternimmt?"
Statt des Kongresses kümmerte sich der wilde West-Verehrer Salvador Dalí um die Diva. Er vergrößerte ein Photo ihrer Lippen und formte aus dem Mundwerk ein Sofa. Englands Royal Air Force -- so in Webster's Dictionary nachzulesen -- taufte eine neue Überlebenshilfe auf den Namen "Mae West" Madame Tussaud's Londoner Panoptikum stellte das Kino-Idol in Wachs zur Schau.
Von soviel Ehre beeindruckt, lebt nun auch der emeritierte Star nur noch seinem Nimbus -- allen Mißerfolgen zum Trotz. Mae Wests letztes Lichtspiel ("The Heat's On", 1943) war ein Versager, ihr jüngster Comeback-Versuch an der Seite von Raquel Welch ("Myra Breckinridge", 1970) brachte ihr eine Rekordgage -- 350 000 Dollar -- und, außer Fan-Ekstasen bei der Premiere, schlechte Rezensionen.
Doch Mae West will es nicht wahrhaben, daß die "Permissive Society", die Gesellschaft, die alles erlaubt, sie längst überholt hat. Wenn ein Reporter in der Nähe ist, prahlt sie mit den Männern ihrer Vergangenheit ("Wir taten's 22mal von elf bis sieben) und bereut nichts: "Sex ist natürlich, und was natürlich ist, kann nicht häßlich sein."
Aber wenn sie sich allein glaubt, wirkt die greise Göttin doch bisweilen -- so der Schriftsteller Truman Capote -- "verschüchtert, scheu, mimosenhaft, unberührt und ganz verloren". Und wenn sie am Strand von Santa Monica mit einem Freund spazierengeht -- so eine Nachbarin -- "schlurft sie manchmal ein wenig -- wie eine alte Frau".

DER SPIEGEL 45/1972
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